„Intensiver Kontakt zu Einheimischen“

von David Clemmons

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Eins muss klar sein: „Voluntourism“ kann weder die traditionelle Entwicklungszusammenarbeit noch die humanitäre Hilfe ersetzen. Er ist auch nicht vergleichbar mit internationalen Freiwilligendiensten wie dem deutschen Weltwärts-Programm oder dem amerikanischen Peace Corps, bei denen junge Menschen ausschließlich für ehrenamtliche Arbeit für ein Jahr oder länger ins Ausland gehen. Stattdessen verbindet „Voluntourism“ das Reisen zur Erholung oder landschaftlichen und kulturellen Erkundung mit einem von Einheimischen organisierten gemeinnützigen Arbeitsdienst. Wenn diese Verbindung aufgeht, bedeutet das einen sozialen und wirtschaftlichen Mehrwert für die bereiste Region. Und ein einmaliges Erlebnis, bei dem die Gäste ihren Gastgebern auf Augenhöhe begegnen und von ihnen lernen – ganz anders als bei herkömmlichen Urlaubsreisen.

Einige Kritiker behaupten, dass Touristen, die nebenbei unentgeltlich jobben, lokale Arbeitsplätze gefährden. Das Gegenteil ist der Fall, denn die Reisenden benötigen Organisatoren, Dolmetscher und Fremdenführer, sie brauchen Mahlzeiten und Unterkünfte und bringen Devisen ins Land. Andere Kritiker entwerfen das Schreckensszenario eines neuen Massentourismus in afrikanischen Waisenhäusern. Demnach würden amerikanische Collegestudenten dort wochenweise mit Aidswaisen kuscheln, kurz vor Ferienende auf Nimmerwiedersehen verschwinden und auf diese Weise nur psychologischen Schaden anrichten. Doch auch dieser Vorwurf ist falsch. Die am weitesten verbreitete Form des „Voluntourism“ betrifft nämlich gar keine Waisenhäuser, sondern den Umweltschutz. Urlauber sammeln zum Beispiel Daten für ökologische Forschungsprojekte, helfen bei Aufforstungen und Artenschutz, legen Wanderwege an oder halten diese in Schuss. Diese Formen des „Voluntourism“ wirken sich kurz- und längerfristig ganz praktisch zugunsten der bereisten Regionen aus.

Seit einigen Jahren gibt es immer mehr solcher spezialisierten „Voluntourism“-Projekte, bei denen etwa Surfer nebenbei Strände aufräumen oder Reisende in der Denkmalpflege aktiv werden. Andere vermitteln als Muttersprachler Englischkenntnisse an Stadtführer in Vietnam, Hotelangestellte in Jordanien oder an Polizisten in den Urlaubsregionen von Costa Rica. Den Arbeitnehmern bietet das Chancen auf beruflichen Aufstieg und auf Gehaltserhöhungen, während für die Reisenden der intensive Kontakt zu den Einheimischen eine bereichernde Erfahrung ist.

Eine weitere vielversprechende Nische ist die Freiwilligenarbeit in landwirtschaftlichen Genossenschaften – besonders im Jahr 2012, das die Vereinten Nationen zum „internationalen Jahr der Genossenschaften“ ausgerufen haben. Reisende gehen etwa in mitarbeitergeführte Kaffeeröstereien. Statt Fair-Trade-Kaffee nur zu trinken, helfen sie beim Ernten, lernen die Bauern persönlich kennen und erfahren mehr über die Kaffeeproduktion. Ähnliche Angebote gibt es in Mittelamerika auf Kakaoplantagen und sogar in Imkereien.

Klar ist: Immer mehr Reisende engagieren sich  – 2011 waren es schätzungsweise zehn Millionen Menschen weltweit – und auch die Angebotsvielfalt nimmt zu. Das Potenzial des „Voluntourism“ ist noch längst nicht ausgeschöpft. Insbesondere seine strategische Einbindung in die klassische Entwicklungszusammenarbeit steht noch ganz am Anfang.

Wissenschaftliche Befragungen von Reisenden und Einheimischen in verschiedenen Weltregionen haben gezeigt, dass „Voluntourism“-Programme die gegenseitige Wahrnehmung von Menschen in Industrienationen und Menschen in Transformationsstaaten positiv beeinflussen. Wie sich derartige Veränderungen praktisch bemerkbar machen und wie nachhaltig sie sind, wird sich zeigen müssen – „Voluntourism“ ist schlicht noch zu jung, um abschließend darüber zu urteilen. Was ursprünglich als Beitrag zur Unterstützung armer Länder gedacht war, könnte sich am Ende sogar als erstes Entwicklungshilfeprogramm für die Industrienationen erweisen. Denn „Voluntourism“ ermöglicht es den westlichen Reisenden, ökologische und gesellschaftliche Herausforderungen am eigenen Leib zu erfahren. Dass nicht die „anderen“ nur von „uns“, sondern auch mal „wir“ von den „anderen“ lernen, ist dabei ein willkommener Perspektivwechsel.

Aus dem Englischen von Hanna Schüßler



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