Das Centre Pompidou hat mich gerettet

von Samuel Shimon

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Schon als Kind liebte ich Filme und mein großer Traum war es, Schauspieler zu werden. Meine Familie war jedoch arm und so war ich von klein auf gezwungen dazuzuverdienen. Bereits mit sechs Jahren arbeitete ich als Straßenverkäufer. Als ich acht war und immer noch keine Schule besuchte, sagte mir der Betreiber des örtlichen Kinos, der mich sehr gern hatte, dass Schauspieler lesen und schreiben können müssen. Das machte mich sehr traurig.

Eines Nachmittags ereignete sich ein seltsamer Zufall. Ich suchte mit meinem Vater auf den Feldern nach Würmern für Fischköder und wir fanden eine schwarze Schreibmaschine mit arabischer Tastatur. Ich war so glücklich über diesen Fund, trug ihn den ganzen Weg nach Hause und drückte jeden Tag stundenlang die Tasten. Als ich Monate später endlich zur Schule gehen durfte, waren die Lehrer sehr überrascht, wie gut ich lesen und schreiben konnte. Mit 14 erledigte ich bereits Schreibarbeiten für eine Firma in Bagdad. Auch meine Wehrdienstzeit verbrachte ich als maschineschreibender Soldat und verdiente nach der Entlassung Geld mit dem Abtippen von Diplomarbeiten und Dissertationen, bis ich mir im Januar 1979 ein Ticket nach Damaskus kaufte und zum ersten Mal den Irak verließ. Ich kehrte nie wieder zurück.

Nach ein paar Tagen in Damaskus wurde ich vom syrischen Sicherheitsdienst verhaftet. Sie folterten mich auf wirklich grausame Weise, weil sie aufgrund meines Namens dachten, ich sei ein irakischer Jude, der für Israel spionierte. Sobald sie herausfanden, dass ich Christ bin, ließen sie mich frei. Ich verließ das Land und ging nach Jordanien. In Amman erging es mir nicht besser. Der jordanische Sicherheitsdienst stürmte die Büros meines Arbeitgebers und verhaftete den Chef und mich. Im Gefängnis stellte sich heraus, dass ich für eine linke palästinensische Organisation gearbeitet hatte, die gegen den jordanischen König Hussein war. Nach einigen Tagen Folter wurde ich entlassen und ging in den Libanon, bevor ich im Jahr 1985 als politischer Flüchtling in Frankreich ankam.

Meine ersten Monate in Paris waren sehr hart. Ich war obdachlos, arbeitslos und ohne Hoffnung. Doch dann zeigte mir ein Freund das Centre Pompidou. Er hätte mir kein größeres Geschenk machen können. Ich war von diesem Kulturzentrum überwältigt und wanderte zwischen Bücherregalen mit Meisterwerken der Literatur, Büchern über Kino, Musik, Architektur, Kunst, Theater sowie Wörterbüchern für alle möglichen Sprachen umher. Jeden Tag ging ich dorthin und blieb, bis die Türen geschlossen wurden. Ich lernte Englisch, Französisch und ein bisschen Deutsch. Ich las sehr viel amerikanische und irische Literatur und sah dort auch „Les Miserables“ von Victor Hugo, ein Buch, dessen Werte und Ideale – soziale Gerechtigkeit, Toleranz, Kampf gegen Tyrannei und Unrecht – mich schon als Teenager begeistert hatten und mir entscheidend dabei geholfen haben, die schrecklichen Dinge, die ich in arabischen Ländern erlebte, zu überstehen.

Schließlich überredete ich einen Freund, mir eine Schreibmaschine zu kaufen. Ich fing an, Manuskripte von arabischen Dichtern und Schriftstellern abzutippen und sie zu übersetzen, darunter Werke des bekannten syrischen Dichters Adonis. Da ich durch diese Arbeit viele arabische Literaten kennenlernte, kam ich auf die Idee, den Kleinverlag Gilgamesh Editions zu gründen und arabische Gedicht- und Kurzgeschichtenbände herauszubringen. Davon konnte ich jedoch nicht leben. Ich war noch immer obdachlos.

Schließlich bekam ich einen Job als Journalist bei einer kleinen arabischen Wochenzeitung in London. Dort wurde ich bald Redakteur für den Kulturteil und meine Seiten, auf denen arabische Autoren vorgestellt wurden, erhielten viel Anerkennung. Eines Tages wagte ich es, mit einer Freundin, die später meine Frau wurde, ein englisches Magazin für moderne arabische Literatur herauszugeben. Die erste Ausgabe von Banipal erblickte 1998 das Licht der Welt. Inzwischen ist es ein wichtiges Literaturmagazin, das englischsprachigen Lesern auf der ganzen Welt arabische Literatur vorstellt.

Mein Traum ist es aber immer noch, eines Tages Schauspieler oder Filmregisseur zu werden.

Aus dem Englischen von Anna Raulf



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