Von Frauen und Füchsen

von Dr. Ulrich Pauly

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Den Bauern in Japan gilt der Fuchs von alters her als Symbol für die Fruchtbarkeit der Felder. Er wird als Bote der Reisfeldgottheit Inari verehrt. Darüber hinaus werden ihm übernatürliche Fähigkeiten nachgesagt. Er kann eine andere Gestalt annehmen und treibt zum Beispiel als Feuer- oder Lichterscheinung  – meist aber als hübsche junge Frau – gern Schabernack mit den Menschen. Es sind zahllose Geschichten überliefert, in denen ein gutherziger Mann einem bedrängten Fuchs hilft. Dieser verwandelt sich wenig später in eine schöne Frau und besucht den Mann. Sie verlieben sich, heiraten und haben Kinder. Doch eines Tages lässt die glückliche Fuchsmutter ihre Vorsicht fahren und die Kinder entdecken ihren Fuchsschwanz. Sie schämt sich schrecklich und verlässt die Familie, der Mann bleibt verzweifelt zurück. Fuchsbrautgeschichten gelten als Ursprung der japanischen Bezeichnung für Füchse: „Kitsune“ – aus „ki“ von „komme“, „tsu“ „immer“ und „ne“ „schlaf [mit mir]“.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Zeitungen von Fällen berichtet, in denen Männer nachts durch Füchse in Frauengestalt genarrt wurden. Der Fuchsglaube ist im Repertoire des Kabuki- und des N?-Theaters ebenso anzutreffen wie in Mangas und Animes. Um menschliche Gestalt annehmen zu können, müssen Füchse fünfzig oder hundert Jahre alt werden. Doch erst wenn sie tausend Jahre alt sind und neben einem schlohweißen Pelz auch neun Schwänze haben, setzen sie ihre Kräfte fast ausschließlich zum Wohle der Menschen ein.



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