Männer, auf ins Matriarchat

von Wolfgang Hekele

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Bei der Vorstellung eines Matriarchats bekommen viele Männer Kastrationsangst. Dass das gar nicht nötig ist, zeigt die Gesellschaft der Mosuo im chinesischen Staatsgebiet, die ich über Jahre hinweg immer wieder besucht habe. Die Mosuo leben seit Jahrhunderten in dörflichen Großfamilien, die von Frauen geleitet werden. Diese „Familienchefinnen“ werden nach Tüchtigkeit gewählt. Sie erteilen Arbeitsaufträge und verwalten die Vorräte. Wer Geld verdient, muss es der „Chefin“ geben – außer Kleidung und Geschenken gibt es keinen Privatbesitz.

Abends kommt der Mann zu Besuch ins Schlafzimmer der Frau, morgens geht er in seine Familie zurück – so laufen die Beziehungen der Mosuo normalerweise ab. Wie beim westlichen One-Night-Stand geht es dabei ausschließlich um Sex. Beide Geschlechter können eine Vereinbarung für die Nacht anbahnen, doch dass Frauen die Männer besuchen, ist nicht möglich – denn die Männer, die in der Regel in der Familie ihrer Mutter leben, haben anders als die Frauen keine eigenen Zimmer, sie schlafen in Gemeinschaftsräumen.

Wer abwechselnd mit mehreren Partnern schläft, muss sich dafür nicht rechtfertigen. Eifersucht ist tabu. Beide Geschlechter, etwas mehr aber noch die jüngeren Männer, ziehen Freude daraus, sexuelle Erfahrungen zu sammeln und sich dabei sicher zu fühlen. Unter Sicherheit verstehen sie, dass sie die Beziehung jederzeit und ohne Begründung beenden können, weil nur die immerwährende Bindung an die Familie zählt – und „die nächste Tür offen ist“ beziehungsweise „der nächste Mann bald klopft“. Frauen und Männer gehören in dieser Gesellschaft niemandem. Wenn eine Frau schwanger wird, entscheidet der Mann, ob er sich um seine Kinder kümmert. Dass Paare sich über erzieherische und finanzielle Pflichten der Väter streiten, ist mir nicht bekannt. Meist werden die Kinder von der Mutter und ihrer Familie erzogen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass aus den nächtlichen Besuchen eine feste Beziehung entsteht. Häufig zieht dann der Mann bei der Familie der Frau ein. Beide Familien müssen zustimmen, doch die Partnerwahl ist frei und Trennung jederzeit möglich.

Unser Wort „Liebe“ kennen die Mosuo nicht – und damit auch nicht die Idealvorstellungen unserer Kultur: die romantische Ehe mit Exklusivitäts- und Ewigkeitsanspruch, die so vielen Männern und Frauen leidvolle Erfahrungen bereitet. Unter den Mosuo gibt so gut wie keine Gewalt, auch keine sexuelle. Alle Probleme werden in Gesprächen ausgehandelt, bis sich eine konsensmäßige Lösung abzeichnet. Gemeinschaftswohl hat Vorrang vor individuellem Glück – und beide Geschlechter führen ihre Lebenszufriedenheit auf die Balance im harmonischen Miteinander zurück.



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