Spielverderber

von Alain-Xavier Wurst

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Achtung: Deutschland schrumpft! Wer die Berichte des Statistischen Bundesamts zur Geburtenquote verfolgt, kennt diesen Trend, der auch mich als Franzosen beunruhigt. Im Namen der deutsch-französischen Freundschaft möchte ich hier seine Gründe erforschen. Und vielleicht dazu beitragen, qui sait, dass die Deutschen in naher Zukunft wieder Babys in die Welt setzen. Das wäre eine unerwartete, aber umso erfreulichere Folge des Élysée-Vertrags.

Das demografische Problem Deutschlands habe ich längst vorhergesehen. Seit ich diesseits des Rheins lebe, immerhin schon acht Jahre, frage ich mich, wie die deutsche madame und der deutsche monsieur sich überhaupt kennenlernen. „Die Deutschen flirten sehr subtil“, heißt es in einem Lied der Band Wir sind Helden und, bon, sie flirten wirklich sehr subtil. Im Klartext: Es gibt in Deutschland null Flirtkultur. Diese Tatsache bedauert vor allem die deutsche Frau – und schuld daran ist der deutsche Mann.

„Der deutsche Mann lädt die deutsche Frau zum Fußballgucken ein. Und guckt Fußball“, klagte eine Freundin aus München, als sie mich über die Sitten und Gebräuche ihrer Landsleute aufklärte. „Ich merke es sofort, wenn mich einer anflirtet“, erzählte eine norddeutsche Bekannte. „Und woran?“, fragte ich, hochinteressiert, weil ich die Deutschen nie flirten sah. „Er beginnt eine ganz normale Unterhaltung mit mir“, antwortete sie, „knapp und emotionslos.“

Es ist kein Zufall, dass man hierzulande schon als Sexbesessener gilt, wenn man einer Frau nur Champagne bestellt und anschließend die Rechnung bezahlen will. Und wir reden hier noch nicht von den bitteren Bemerkungen der Französinnen (und Italienerinnen und Däninnen und Brasilianerinnen usw.), die in Deutschland leben, sich wundern, warum sie niemand mehr anspricht, und langsam an ihrer Weiblichkeit zweifeln.

Dafür, dass der deutsche Mann nie die Initiative ergreift, gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Manche glauben, die Prüderie läge an der protestantischen Einfärbung der Bundesrepublik. Andere beschuldigen den bösen Feminismus. Alles Pillepalle. Es geht hier um etwas Tiefschürfenderes, ein Problem, das fest in der deutschen Seele verankert ist: die Romantik.

Die Romantik zelebriert das Leid. Die Liebe zu den Ruinen, zum Vollmond, der Kult um Wehmut und Schwermut – das alles kennzeichnet den Romantiker, der bekanntlich auch gerne mal Selbstmord begeht. Die Leichtigkeit und das Augenzwinkern verbindet er dagegen mit Oberflächlichkeit und Frivolität. Nur im Schmerz findet er Wahrheit, alles Gespielte ist für ihn unmoralisch und falsch. Die Urfigur des Romantikers ist Goethes Werther. Wir erinnern uns: Werther liebt Lotte. Das ist schön. Bloß, die scharfe Brünette spielt mit dem noblen Empfinden unseres jungen Freundes und kokettiert nach der Masche „Ich hab’ dich lieb“. Was macht W.? Statt die blöde Kuh sofort zu verlassen, weil sie so tut, als wüsste sie nicht, was sie will, und könnte nicht anders (auch das eine typisch romantische Haltung), verliebt er sich in seine Verliebtheit. Es konnte nur böse enden.

Goethe, der sein Leben lang Frauen ohne Ende hatte, hat natürlich selbst nie an den Unfug geglaubt, den er da verzapfte. Dennoch wurde uns seine tragische Figur jahrhundertelang als Inbegriff der bedingungslosen Liebe verkauft. Dieser Irrglaube hat sich im kollektiven Unterbewusstsein fest eingenistet. Jeder deutsche Mann leidet heute unter dem Werther-Syndrom. Er liegt ja schon als kleines Männchen mit einem Werther-Über-Ich in der Wiege. Wie soll er unter solch fatalen Bedingungen Sinn für das Spiel des Verführens entwickeln und das Flirten genießen? Es ist unmöglich.

Was zu tun ist, meine lieben deutschen Freunde? Ganz einfach: Lasst Goethe im Regal, jagt Werther zum Teufel und lest stattdessen Friedrich Nietzsche. Der schrieb in der „Fröhlichen Wissenschaft“: „Oh diese Griechen! Sie verstanden sich darauf, zu leben: dazu tut not, tapfer bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehen zu bleiben, den Schein anzubeten, an Formen, an Töne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben! Diese Griechen waren oberflächlich – aus Tiefe!“ Welch wunderbare Definition des Flirtens! Es geht also doch! Tout est dit.



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