Wortschatz

von Ha Jin

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Mit 17 war ich Soldat der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Als ich 1969 zur Armee kam, war die heiße Phase der Kulturrevolution schon vorbei, aber bis 1976 gingen die politischen Kampagnen und innerparteilichen Flügelkämpfe weiter. Die Jugend wurde aufs Land verschickt und sollte dort von den Bauern lernen. Das Leben in China war damals wirklich sehr hart, in den Dörfern lebten die Bauern wie im Mittelalter. Deshalb entschied ich mich, in die Armee zu gehen, das war im Vergleich zum Leben der Bauern noch das kleinere Übel.

Rückblickend erinnere ich mich vor allem an zwei Dinge. Zunächst fallen mir meine Kameraden ein, von denen mich viele sehr beeindruckt haben. Die meisten kamen aus sehr einfachen Verhältnissen, hatten kaum Bildung genossen, aber trotzdem waren sie sehr fähig und klug. Nur hatten sie leider keine Möglichkeiten ihre Fähigkeiten umzusetzen. Sie waren in diesem einfachen Leben gestrandet. Der Umgang mit ihnen öffnete mir die Augen und zeigte mir, dass ich mehr Glück hatte. Das ermöglichte mir einen anderen Blick auf das Leben. Diese Soldaten waren damals meine Familie, untereinander sprachen wir nicht von zu Hause. Außerdem erinnere ich mich daran, dass es kaum etwas zu lesen gab.

Es gab offiziell nur ein Buch, nämlich die Gesammelten Werke des Großen Vorsitzenden Mao. Um genau zu sein, waren es zwei Bücher: die kleine rote Bibel mit den Mao-Zitaten und ein großes Buch, in dem die Mao-Zedong-Gedanken ausführlich dargestellt waren. Wir hatten also zwei rote Bücher. Außerdem gab es eine kleine Militärzeitung der Garnison, die unsere Weltsicht bestimmte, die war damals recht klein und beschränkt. Alles in allem wusste ich mit 17 kaum etwas von der Welt.

Im Rückblick wurde mir klar, was für eine Verschwendung von Zeit und Energie diese Jahre waren, aber im Vergleich zu anderen Leuten und Schicksalen war das Leben als Soldat noch ertragbar, auch wenn die Lebensbedingungen hart waren. Bis zu einem gewissen Grad war die damalige Zeit sogar aufregend. Natürlich hatte diese Situation, der Umgang mit Waffen und all das, einen gewissen Reiz für einen Jungen von 16, 17 Jahren. Andererseits bestand immer die Gefahr, in den Kampf ziehen zu müssen. Dabei hatten wir weniger Angst vorm Sterben, das nahm man als Möglichkeit hin – viel mehr Angst hatten wir davor, in Gefangenschaft zu geraten und dann am Ende vielleicht sogar zur eigenen Truppe zurückgeschickt zu werden. Die chinesische Armee duldete keine Soldaten, die in Gefangenschaft waren, da kam man nicht als Held zurück. Diese Angst war zwar immer da, nahm aber im Laufe meiner Armeezeit ab, da sich die außenpolitische Situation etwas entspannte. Zu Beginn meiner Soldatenzeit war die Gefahr eines Krieges gegen die Russen sehr real und all unsere Gedanken drehten sich darum. Als sich abzeichnete, dass es keinen Krieg geben würde, stellte sich die Frage, was man im Frieden machen sollte. Für mich war klar, dass ich auf die Universität gehen wollte. Das war, glaube ich heute, damals wirklich der größte Wunsch des 17-jährigen Ha Jin.

Da die Schulen aber bis 1977 geschlossen waren, musste ich mich autodidaktisch bilden. Mit 17 Jahren begann ich bewusst zu lesen. In dieser Zeit wurden einige der klassischen chinesischen Romane wieder gedruckt: zum Beispiel „Die Reise nach Westen“ von Wu Cheng’en aus dem 16. Jahrhundert oder „Die Geschichte der Drei Reiche“ von Luo Guanzhong aus dem 14. Jahrhundert. Diese Bücher habe ich gelesen, ich habe sie regelrecht verschlang. Wobei, wenn ich mich richtig erinnere, habe ich zunächst nur das Wörterbuch gelesen, die Romane waren ja in der alten klassischen chinesischen Schrift verfasst, die ich nicht konnte.

Wenn man an die Kulturrevolution denkt, kommt einem natürlich sofort Mao Zedong in den Sinn und bei der Volksbefreiungsarmee denkt man an den Mustersoldaten Lei Feng. Allerdings muss ich sagen, dass weder der eine noch der andere ein Vorbild für mich waren. Mao war für uns viel zu weit weg. Einerseits wurde er so übersteigert idealisiert und zum unerreichbaren Idol gemacht, dass er mit unserer Lebenswelt nichts zu tun hatte, auf der anderen Seite war er geo-grafisch viel zu weit weg, Peking war gut 2.000 Kilometer von unserem Einsatzort entfernt. Das sind keine guten Voraussetzungen für ein Vorbild. Ich glaube, eine Person kann nur dann ein Vorbild sein, wenn man diese Person regelmäßig sieht oder mit ihr in Kontakt steht.

Wenn ich sehe, wie die Jugend heute lebt, in den USA, aber auch in China, stelle ich mir manchmal vor, wie es heute als 17-Jähriger wäre. Das Leben heute ist so gänzlich anders. Es ist bestimmt sehr spannend, heute jung zu sein. Andererseits weiß ich auch, dass meine Jugend aus mir den gemacht hat, der ich heute bin.

Protokolliert von Falk Hartig



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