Eine oder alle

von Éric-Emmanuel Schmitt

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Was Männer von der Liebe erwarten? Diese Frage müssen Frauen ersonnen haben. Männer würden sich wohl kaum darüber Gedanken machen, würde man sie nicht dazu zwingen. Nicht, dass sie niemanden gern haben könnten, doch sie schenken spontan eher dem Ruf ihrer Lust Gehör als dem Ruf der Liebe.

Die Begierde, die in der Pubertät den Jungen für immer der Kindheit entreißt, wird ihm auf ewig als schicksalhafte Erfahrung in Erinnerung bleiben. Der Jugendliche wird wie Cherubino, der Page aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“, von seinem Verlangen übermannt. Ein Kreuzfeuer der Empfindungen prasselt auf ihn ein, er glüht und friert zugleich, glaubt zu zerfließen und dann wieder zu erstarren. Kurzum, er weiß nicht, was er tut, noch wie ihm geschieht. Er wird mitgerissen von seiner Lust und versucht, die Führung zu übernehmen – seltsam, diese gelebte Passivität, die zum Handeln drängt. Erregt fragt sich Cherubino, ob das Verlangen, das sich seiner bemächtigt, von den Frauen ausgeht, oder ob es in ihm selbst steckt, bis er schließlich begreift, dass dieses Verlangen er selbst ist.

Sich seiner selbst bewusst zu werden, bedeutet, seiner Begierden gewahr zu werden. Und da diese sich in tausend unterschiedlichen Formen äußern und immer wieder von Neuem entflammen, entfaltet sich die Männlichkeit in der Vielfalt, den Eroberungen, der Amnesie nach der Lust. Auf die Rolle des Cherubinos folgt die des Don Juan. In der Oper „Don Giovanni“ lebt dieser in einem immerwährenden Jetzt des Vergnügens. Er verschmäht die Vergangenheit – vor seinen Geliebten flüchtend – und will von der Zukunft – in der seine Verirrungen ihn ins Verderben reißen werden – nichts wissen. Er selbst zu sein, das bedeutet für Don Juan, jeder Verantwortung zu entsagen, um ein flatterhaftes Leben zu führen, nichts als dem eigenen Verlangen folgend. Mit Witz und Verstand zeigt uns Mozart, worin das Wesen des Mannes begründet ist: im ewigen Sog der Begierde.

Wo bleibt dabei nun die Liebe? Sie wäre dann das, was dem Mann Einhalt gebietet. Die Liebe wäre eine Frau, deren Reize länger wirken als das Vergnügen, das sie bereitet. Die Liebe würde sich in dem wiederkehrenden Verlangen nach ein und demselben Objekt offenbaren. Die Liebe ließe das streunende Tier zum sesshaften Gefährten werden.

Wenn Männer die Schwelle der Gefühle überschreiten, wollen sie dem Sog der Begierde entkommen, wollen die Zeit anhalten und dem Augenblick Ewigkeit verleihen. So glauben die beiden Helden aus „Così fan Tutte“, diese liebestollen Jungen, ihre Gefühle seien unsterblich. Sie legen ein Credo ab, nein, sie schaffen ein Credo: Sie wollen an die Liebe glauben. An die eigene und die ihrer Geliebten. Sie willigen sogar ein, ihren Glauben auf die Probe zu stellen, und machen sich verkleidet daran, die Verlobte des jeweils anderen zu verführen. Welch mutiges Unterfangen! So wissen sie im Grunde, dass die Liebe ganz und gar unnatürlich, weil von keiner Lust befeuert, ist, und ziehen doch für sie ins Gefecht. Ohne ihren Eifer kann die Liebe nicht sein. Sie drängt sich nicht auf. Es ist an den Männern, ihr Leben zu verleihen.

Männer warten also nicht auf die Liebe. Und sie erwarten nichts von der Liebe. Die Liebe ist es, die etwas von ihnen erwartet.

Das hat es also mit der Liebe auf sich. Sie ist ein Eingriff des Mannes in sein eigenes Schicksal. Die Bändigung seines animalischen Wesens, die Öffnung für eine übernatürliche Dimension. Für Männer ist die Liebe die Herausforderung, das Unmögliche möglich zu machen. Sie ist ein Zeichen ihrer Größe, verlangt sie doch Selbstbeherrschung, die Überwindung des Egoismus, den Triumph der Verantwortung und die Einhaltung eines Versprechens. Die Liebe als ein Sieg über sich selbst.

Sehen Sie, worauf ich hinauswill? Nein? Also: Für Männer hat die Liebe etwas mit Moral zu tun. Sie bedarf großer Anstrengung. Die Liebe ist, so kann man es sagen, eine Tugend. Sie besitzt das Raffinement, das Verlangen in Gefühle zu wandeln, eine Beziehung entstehen zu lassen durch die fortwährende Bereitschaft zu geben.

Doch Vorsicht! Wie alles von Menschen Geschaffene ist auch diese Tugend nicht vor Fälschern gefeit. Hüten Sie sich also vor verpfuschten Gefühlen, die nur auf den ersten Blick der Liebe ähneln. Nehmen Sie sich vor Imitaten in Acht. Vor den Asketen, die mit der Dauer ihrer Ehen prahlen, als hätten sie sich ein Leben lang von Wasser und Brot ernährt. Oder vor den den Masochisten, diesen erschöpften Athleten, die sich wie Kurzstreckenläufer auf einem Marathon abkämpfen. Bei ihnen scheint unter der Selbstzufriedenheit unweigerlich ein Hauch von Bitterkeit durch. Diese beiden, die Asketen und die Masochisten, scheinen mir mehr die Liebe zu lieben als ihre Geliebten. Und die Liebe zu lieben, das bedeutet, den Sieg über sich selbst zu lieben, was in gewisser Weise heißt, sich selbst zu lieben: Narziss, wie er sein Antlitz im Fluss betrachtet. Das hat nichts mehr mit Liebe zu tun, sondern mit Selbstverliebtheit.

Andere wiederum brüsten sich mit ihrem dreißigjährigen Zusammensein und vermitteln dabei den Eindruck, sich aus Schüchternheit in die Beziehung gefügt zu haben oder aus Bequemlichkeit. Diejenigen aber, die ein Leben lang ganz frei und intensiv geliebt haben, brauchen nicht darüber zu sprechen. Ihr Lächeln sagt alles.

Wenn die Liebe nun aber eine Tugend ist, welches Laster ist dann ihr Widerpart? Es ist nicht der Hass, diese wüste Regung, gegen die das Gemüt wehrlos ist. Nicht die Gleichgültigkeit, denn sie geht mit dem Erlöschen der Begierde, dem Erlöschen des Lebens einher. Es ist nicht die Zügellosigkeit, denn sie schließt die Beständigkeit großer Gefühle nicht aus. Bleibt also nur noch: die Verantwortungslosigkeit. Ja, das Laster, das der Tugend der Liebe entgegensteht, ist die Verantwortungslosigkeit. Wer liebt, geht eine Bindung ein, gibt ein Versprechen, an das er sich halten muss. Zu lieben bedeutet, sich nach zwanzig Jahren noch in den Worten wiederzuerkennen, die zwei Jahrzehnte zuvor gesprochen wurden.

Der Grund, aus dem die Liebe sich eines so guten Rufes erfreut, ist also folgender: Sie erschafft die Idee eines besseren Menschen. Ein Geschenk des Himmels für alle Poeten, Dramaturgen und Schriftsteller und seit jüngerer Zeit auch für die Philosophen. So kann es auch nicht erstaunen, dass die Religionen der Liebe huldigen, da sie doch alle danach streben, aus dem Urschleim der Menschheit einen besseren Menschen zu formen. Jesus geht sogar so weit, die Liebe vollkommen zu enterotisieren. Dass Menschen sich lieben, die nichts miteinander zu schaffen haben – eine wunderbare Utopie, welche noch lange inspirieren wird, da sie auf immer unerreichbar bleibt.

Wieso soll die Frage nach der Liebe nun aber Sache der Frauen sein? Auch sie werden während der Pubertät doch jäh ihrer Begierde gewahr. Vielleicht ist das ein Gemeinplatz, aber wenn es ums Abstrahieren geht, traue ich den Gemeinplätzen: Um mit einem Mann zu schlafen, müssen Frauen meist das Gefühl haben, verliebt zu sein. Das stellt nicht ihre Geistesstärke infrage, ganz und gar nicht. Vielmehr offenbart es das Wesen ihrer Sexualität. Im Liebesakt müssen sich die Frauen öffnen, hingeben und immer damit rechnen, den Moment fortlebend in Erinnerung zu behalten, denn ein Kind kann daraus erwachsen. In jedem noch so unbedeutenden geschlechtlichen Akt ist der Einsatz der Frau viel höher als der des Mannes. Ist es folglich nicht verständlich, dass sie sich Beständigkeit, ein Versprechen, kurzum, Liebe wünscht?

Auch das einmal geborene Kind fordert Gefühle ein. Sie sind es, die in der Unbeständigkeit der Emotionen Beständigkeit versprechen. Nicht nur die starken Arme des Mannes bieten Kind und Mutter Schutz, sondern die Kraft seiner Liebe.

Aus gutem Grund haben Frauen also ein anderes Verhältnis zur Liebe. Sie haben in gewisser Weise einen natürlichen Zugang dazu. Ja, anders als die Männer warten sie nicht nur von vornherein auf die Liebe, sie erwarten auch etwas von der Liebe. Der Mann hingegen ist kaum bereit dafür. Er lässt sich darauf ein, um einem Ideal nachzueifern. Darin liegt der immerwährende Unterschied zwischen Frau und Mann. Hier ein natürlicher Drang, dort die freie Wahl. Hier ein Wesenszug, dort eine Tugend.
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Zum Verzweifeln? Aufregend, meinen Sie wohl! Ohne diese Verschiedenheit gäbe es keine Liebesgeschichten! Weder im Leben noch in der Literatur. Würden Sie Ihr erregendes, aufreibendes Liebesleben gegen das so simple, vom bloßen Instinkt geleitete der Tiere eintauschen? Ich nicht. Ich würde ja auch nicht die Bücher eines Shakespeare, Racine, Goethe oder Balzac gegen die eines Dackels tauschen.

Aus dem Französischen von Hanna Schüßler



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