Lass mal

von Masahiro Morioka

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Wenn Sie nach Tokyo oder Kyoto kommen, begegnen Ihnen an jeder Straßenecke junge, modebewusste und sehr schlanke Männer. Äußerlich wirken sie eher feminin, sie bedecken ihre Muskeln, ihre Haare sind oft braun gefärbt. Westliche Besucher nehmen diese Typen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung oft als Homosexuelle wahr, womit sie jedoch nicht richtig liegen. Stattdessen verkörpern sie das neue Männerideal Japans und haben sogar einen eigenen Namen: Sie werden als „Pflanzenfresser“ bezeichnet.

Den Begriff prägte Maki Fukasawa, eine Kolumnistin für Jugendkultur. In einem 2006 erschienenen Essay schreibt sie, dass die neue Männergeneration nicht nur äußerlich den maskulinen Look vermeide, sondern auch innerlich immer weniger dem traditionellen Männerbild entspräche. Besonders hebt Fukasawa hervor, dass die jungen Männer keine Lust mehr auf Sex zu haben scheinen. Sie können eine Nacht mit einer Frau verbringen und am nächsten Morgen nach Hause gehen, ohne überhaupt an Sex oder Körperkontakt gedacht zu haben. In Japan bedeutet Sex „fleischliche Beziehung“, weshalb Fukasawa die jungen, sexuell desinteressierten Männer „Pflanzenfresser“ nannte. Die Medien haben sich dankbar auf das Phänomen der pflanzenfressenden Männer gestürzt und inzwischen ist das Wort auch aus dem täglichen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken.

Aus der Sicht der Älteren ist das Verhalten der jungen Männer völlig unverständlich. Ein Mann sollte ihrer Meinung nach selbstverständlich jede Gelegenheit nutzen, eine Frau zu erobern. Dass die Pflanzenfresser in der Liebe und bei der Eroberung von Frauen so wenig aktiv sind, verstört auch gleichaltrige Japanerinnen. Sie müssen feststellen, dass ihre altbewährten Flirttechniken, ein sehr feminines Auftreten, viel nackte Haut zeigen oder stark auf Tuchfühlung gehen bei den Objekten ihrer Begierde keinen Anklang mehr finden. Auch wenn sie sich mit diesen Annäherungsmethoden noch so bemühen. Die neue Generation von Männern scheint den Frauen nicht mehr hinterherzujagen.

Warum?, mögen Sie sich fragen. Als eine mögliche Erklärung wird der steigende Arbeitsdruck genannt. Viele junge Japaner arbeiten bis spät in den Abend hinein und sind danach zu müde um auf Eroberungstour zu gehen. Andere sind der Ansicht, dass der Wertewandel sich bereits seit Ende des Zweiten Weltkrieges vollzieht. Das Nachkriegs-Japan entsagte dem Militarismus. Das früher herrschende Leitbild, Soldat werden zu müssen, gibt es seitdem nicht mehr und die Männer haben in der Folge ihre kämpferische, blutrünstige Natur verloren. Seit 65 Jahren steigt die Zahl der Männer, die sowohl physisch als auch psychisch keine aggressiven Verhaltensweisen mehr aufweisen. Sie haben ein sanftes, zurückhaltendes Gemüt entwickelt und meiden kämpferischen Wettbewerb. Statt bei Saufgelagen mit ihren Autos zu protzen, unterhalten sie sich lieber gepflegt bei einer Tasse Tee und einem Stück Kuchen. Heute kann etwa ein Drittel der jungen Japaner als Pflanzenfresser bezeichnet werden.

Die öffentliche Meinung über diese neue Generation Männer ist zwiegespalten. Die einen meinen, sie seien aufgrund ihres zurückhaltenden Umgangs mit Sex für Frauen höchst angenehm, die anderen befürchten, dass sie aufgrund ihres mangelnden Wettkampfgeists im Arbeitsleben weniger erfolgreich sind und deshalb ein gesellschaftliches Problem darstellen. Manche Wissenschaftler sind sogar der Ansicht, es läge an diesen jungen Männern und ihrem sexuellen Desinteresse, dass die Geburtenrate Japans so niedrig ist.

Traditionelle Japaner bedauern die Veränderung des Männerideals, doch man kann ihr auch etwas Gutes abgewinnen. Diese neuen Männer sind ein Sinnbild für den Frieden. In einer Gesellschaft, in deren Mitte sie angekommen sind, erleichtern sie den Frauen das Leben. Die Gefahr, dass Frauen Opfer von männlicher Aggression wie häuslicher Gewalt oder Vergewaltigungen werden, ist gesunken. Frauen werden von den pflanzenfressenden Männern als ebenbürtig behandelt und müssen nicht damit rechnen, dass diese ihnen ihre Meinung aufzwingen. Bestimmt wünschen sich viele Frauen aktivere Männer, doch bei den Pflanzenfressern können sie sich sicher und wohl fühlen.

Aus dem Japanischen von Friederike Meissner



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