Hamlet ist nicht Superman

von Urvashi Butalia

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Als kleines Mädchen habe ich mich oft gefragt, warum Superman seine Unterhose über der Hose trägt. Irgendwann erklärte mir ein befreundeter Junge den Grund: Das sei super männlich so. Was das heißen sollte, blieb mir schleierhaft und so begann ich, nach männlichen Männern zu suchen – nach Männern, die so männlich waren, dass sie die Unterhose außen trugen. Sie erwiesen sich als äußerst seltene Spezies.

Als ich älter wurde, entwickelte ich ein besseres Verständnis dafür, wer die männlichen Männer in meiner Umgebung waren. Während meines Literaturstudiums sah ich sie überall, auf der Straße, im Bus zur Uni und in der Mensa. Sie blähten ihren Brustkorb auf und spreizten ihre Arme in Cowboymanier leicht vom Oberkörper ab. Ich begann mich für Feminismus zu interessieren und mein Bild von Männlichkeit wandelte sich noch einmal – jetzt bedeutete es, sich durchzusetzen, keine Kritik zu vertragen, jederzeit Sex einzufordern und Frauen zu schlagen. Wenn diese Männer auf andere trafen, die stärker waren als sie selbst, dann wurden sie jedoch ganz unmännlich und geradezu unterwürfig. Manche wirkten fast erleichtert, dass sie in der Gegenwart von Stärkeren so sein durften. Doch sobald die Gefahr gebannt war, fielen diese Männer wieder in ihre alte Rolle zurück. Es war alles ziemlich verwirrend.

Auch in den Büchern, die ich während meines Studiums las, wimmelte es von Männern, die nach außen stark und selbstbewusst auftraten, aber über ihre Schwächen und Unsicherheiten nicht hinwegtäuschen konnten. In der Weltliteratur – zumindest in jenen Teilen, die ich davon zu lesen bekam – gab es nie „super männliche“ Protagonisten. Fangen wir ruhig ganz vorne an, mit Odysseus: Schon als ich in der Schule zum ersten Mal die englische Taschenbuchausgaben der „Ilias“ und der „Odyssee“ las, hatte ich nicht den Eindruck, dass diese Geschichten von einem besonders vorbildlichen Mann erzählten. Später verstand ich, warum: Odysseus war zwar heroisch, aber auch hinterlistig, durchtrieben und unmoralisch.

Oder nehmen wir Rhett Butler. Als Jugendliche war ich erleichtert, in dem Roman „Vom Winde verweht“ einen Mann zu entdecken, der einem Märchenprinzen ähnelte: Er war gutaussehend, höflich, selbstsicher, sorglos und humorvoll. Doch da war auch ein Hauch von Tragik in Rhetts Sehnsucht nach Scarlett O’Hara, in ihrer wankelmütigen Beziehung und dem unglücklichen Ende. Es brach mir das Herz, als Rhett am Ende der Geschichte Scarlett verlässt und seine berühmte Abschiedszeile sagt: „My dear, I don’t give a damn.“ Hätte ich mich damals schon als ausgebuffte Feministin verstanden, wäre mein Urteil vielleicht anders ausgefallen, doch ich schlug mich auf seine Seite. „Der Arme“, dachte ich: „Er wird so fürchterlich einsam sein!“ Denn wie sich gezeigt hatte, war Rhett Butler nicht nur männlich, sondern – anders als Superman – auch verletzlich.

An der Uni verschlang ich alles, was ich von Shakespeare in die Finger bekam. Ob König Lear, Julius Caesar oder Troilus: William Shakespeare schrieb über einige der mächtigsten Männer, die je auf dieser Erde wandelten. Doch auch seine Helden schienen nicht ganz männlich zu sein – man denke nur an den zaudernden Hamlet. Das war auch bei den Figuren aus dem Jenseits nicht anders, die bei Shakespeare und anderen englischen Dichtern Gastauftritte haben. Satan, zum Beispiel, spielte zwar verwegen mit Höllenfeuern, doch seine glühende Wut beherrschte er nicht. Und dieses alberne Schwänzchen!

Viele meiner Kommilitoninnen im Literaturstudium waren der Meinung, dass Russland ein Land sei, in dem man noch echte Kerle fände, und so lasen wir Puschkin, Turgenew, Tolstoi und Dostojewski. Unter ihren Werken fanden wir geniale Romane, doch waren ihre Helden wirklich männlich? Als junge Frauen waren wir alle in Wronski aus Tolstois „Anna Karenina“ verliebt. Wir litten mit ihm, wir liebten mit ihm und wir sahen durch seine Augen die verheiratete Anna, der er verfiel. Heute bin ich nicht mehr so sicher, ob unser Eindruck nicht stärker von der Hollywood-Verfilmung mit Greta Garbo als vom Roman beeinflusst war. Auch Rhett Butler stellte ich mir unvermeidlich wie Clark Gable vor. Doch wie dem auch sei, hatte Wronski, genau wie Heathcliff in Emily Brontës „Sturmhöhe“, nicht nur leidenschaftliche, sondern auch grausame Züge. Fast ähnelte er darin Kapitän Ahab aus „Moby Dick“, und Ahab war auf seiner Jagd nach dem weißen Wal nicht von Liebe getrieben, sondern ganz im Gegenteil von Rache und Hass.

Die Hindu-Epen, mit denen ich aufwuchs, sind mir die vertrautesten Texte – insbesondere das „Mahabharata“ und das „Ramayana“. Diese beiden Bücher spielen in unserer Kultur eine so bedeutende Rolle, dass es wohl keinen indischen Schriftsteller gibt, der nicht von ihnen beeinflusst wurde. Im Mittelpunkt des „Ramayana“ steht der Gott Ram, der als Inbegriff der Männlichkeit gilt. Literarische Figuren haben die Angewohnheit, aus den Buchdeckeln hervorzuspringen und sich in unser Leben einzumischen, und das gilt auch für Ram. Mitte der 1990er-Jahre wurde er von der hinduistischen Bhartiya-Janata-Partei als Symbol übernommen. Diese rechte Partei versuchte, ihn als Kriegsgott neu zu erfinden, der seine Feinde angreift und seine Religion verteidigt – als einen Gott also, der jenen Männern ähnelt, die der Feminismus kritisiert. Doch in der literarischen Vorlage, dem „Ramayana“, lesen wir von einem Ram, der sanft, bescheiden und großzügig ist. Ihm kann man höchstens vorwerfen, dass er seine Frau verstößt, die er des Fremdgehens verdächtigt, aber dennoch liebt.

Im „Mahabharata“ geht es um unterschiedliche Figuren, in deren Mittelpunkt Arjuna steht. Arjuna wird von seinen vier Brüdern schikaniert. Später verliert er in einem Würfelspiel alles an seine Cousins. Doch erst als der Gott Krishna den friedliebenden Arjuna bedrängt, sich seiner Pflicht – seinem Dharma – zu stellen, ist er bereit, diese Cousins zu töten.

Arjuna ist nur einer von vielen sanften jungen Männern, die im Lauf der Literaturgeschichte ins Elend gestürzt werden. Ein weiteres Beispiel ist Oskar Matzerath aus der „Blechtrommel“, der beschließt, nie erwachsen zu werden und als Anführer einer kriminellen Jugendbande endet. Oder Tim aus den „Tim und Struppi“-Comics, dieser Reisende, der ständig in Schwierigkeiten gerät. Oder der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry. Oder, oder, oder.

Die meisten Bücher, die wir heute als Weltliteratur ansehen, erzählen von Männern. Vermutlich liegt das daran, dass Frauen kaum Verleger fanden und folglich Schriftsteller in der Regel Männer waren. Viele ihrer Protagonisten sind keine „super männlichen“ Helden, sondern komplexe Charaktere mit dunklen Geheimnissen, tragischen Schicksalen, echten Schwächen – gerade das ist es sogar, was wir heute von großer Literatur erwarten. Dennoch brauchte es Zeit, bis auch Ganoven, Arme oder gänzlich „unmännliche“ Männer auf der Bildfläche erschienen – nicht nur als Randfiguren oder Antihelden, sondern als Protagonisten, deren Geschichten es sich zu erzählen lohnt. Dass es sie heute gibt, bedeutet, dass die Literatur das Leben noch besser abbildet, dass sie gehaltvoller, vielschichtiger und facettenreicher wird. Das ist gut, denn so bekommen wir als Leser literarische Protagonisten – Männer und Frauen –, die für uns als echte Menschen wiedererkennbar sind. Ein Anfang ist bereits damit getan, dass sie ihre Unterhosen unter der Hose tragen.

Aus dem Englischen von Oskar Piegsa



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