„Viele Aussteiger sehnen sich nach Liebe“

ein Gespräch mit Alec Soth

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Herr Soth, Sie haben Männer fotografiert, die in der Wildnis leben, und Ihren Bildband wie einen Survival-Ratgeber gestaltet. Warum?

Zur Vorbereitung las ich Dutzende solcher Bücher. Dabei fiel mir auf, dass es sich eher um Fluchtfantasien als um anwendbare Ratgeberliteratur handelt. Deshalb nannte ich mein Fotobuch „Broken Manual“, also „kaputtes Handbuch“. Dem ganzen Genre wohnt ein Widerspruch inne: Wenn man abtauchen und andere zurücklassen will, warum schreibt man dann Bücher für sie?

Ihre Fotos zeigen Mönche, Hippies, Skinheads – was haben die gemein?

Bei meinen Reisen traf ich sanftmütige Aussteiger, aber auch zornige Apokalyptiker. Sie alle waren gebrochene Männer. Einer war schwul und hatte nie eine richtige Beziehung, ein anderer fühlte sich politisch betrogen. Viele schienen sich aus Angst oder Schmerz zu verstecken.

Seit wann interessieren Sie sich für diese Männer?

Schon meine erste größere Fotoarbeit, „Sleeping by the Mississippi“, befasste sich mit dem Ausbruch – ich war jung, abenteuerlustig und fühlte mich bei der Recherche wie Tom Sawyer. „Broken Manual“ ist resignierter, ein Midlife-Crisis-Projekt. Alle nervenden Nachbarn zurücklassen – das faszinierte mich.

Warum träumen Männer vom Ausbruch?

Ich liebe die Freiheit, die mir der Individualismus in Amerika bietet, doch er führt auch zu Isolation und Entfremdung. Die Popularität von Fluchtfantasien ist wahrscheinlich eine Reaktion auf die Enttäuschung, nicht Teil von etwas Größerem zu sein.

Es gibt die Vorstellung, dass unsere Kultur vor allem Männern etwas abverlangt – dass sie ihre Sexualität und Aggressionen kontrollieren müssen und mehr aufgeben als Frauen. Ist da was dran?

Die amerikanische Gesellschaft verändert sich gerade sehr stark: Frauen stellen inzwischen die Mehrheit der Arbeitnehmer und Uni-Absolventen. Manche Männer werden deshalb zu Jammerlappen, treffen sich zum Trommeln im Wald und beklagen den Verlust ihrer urmännlichen Sexualität. Das hat etwas Tragikomisches, es ist armselig, aber auch rührend. Als ich von meiner Midlife-Crisis sprach, meinte ich das nur halb im Scherz – es ist albern, aber ich kann mich mit den gebrochenen Männern identifizieren.

Sprechen wir von einem rein amerikanischen Phänomen?

Oh, keineswegs. Ich liebe zum Beispiel kitschige Thriller über den Mann auf der Flucht oder den Spion, der untertauchen muss – auch hier geht es darum, ohne die Gesellschaft zu bestehen, übrigens genau wie bei dem Cowboy im Western. Dank Hollywood sind das längst globale Männerfantasien geworden.

War es eigentlich schwierig, das Vertrauen der Aussteiger zu gewinnen?

Nein, das war völlig problemlos. Ich fuhr über alte Schotterpisten, hielt an einsamen Hütten und wurde oft so herzlich empfangen, als hätte man mich erwartet. Manche wollten noch nicht einmal Abzüge der Fotos, die ich von ihnen machte. Wer wirklich ausbrechen will, wird nicht gefunden. Alle anderen spielen nur mit dem Fluchtgedanken und sehnen sich nach Liebe.

Das Interview führte Oskar Piegsa



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