„Die Finanzwelt ist eine Mischung aus Kaserne und Dschungelcamp“

ein Interview mit Arjun Appadurai

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Herr Appadurai, was bedeutet es, ein Mann zu sein?

Das ist ganz unterschiedlich. In westlichen Gesellschaften gibt es heute die Auffassung, dass man keine scharfe Grenze zwischen den Geschlechtern mehr ziehen sollte. Demnach ist es möglich, Merkmale des anderen Geschlechts anzunehmen oder sein Geschlecht sogar komplett zu ändern – durch Verhaltensweisen, Chirurgie oder beides. In den meisten anderen Gesellschaften wird dagegen eine klare Unterscheidung zwischen Männern und Frauen getroffen, mit einigen Sonderrollen für Menschen, die dazwischen angesiedelt sind. Männer sind ganz klassisch für Politik, Wirtschaft und Krieg zuständig, Frauen für Haushalt, Familie, Kinder. Überall dort erreicht die Gewalt gegen Frauen große Ausmaße.

Schränken solche Gesellschaften auch Männer ein?

Jedes starre System schränkt auch Männer ein. Gleichzeitig sind Geschlechterbilder weltweit in Bewegung. Was es heißt, ein Mann zu sein, ändert sich durch die Globalisierung und die Modernisierung. Das konnten wir auf dem Tahrir-Platz beobachten, wo Männer und Frauen gemeinsam in der öffentlichen Sphäre demonstriert haben. Der demokratische Impuls in Ägypten ist auch ein demokratisierender Impuls für die Geschlechterbilder.

Soziologen wie Michael Kimmel behaupten, dass Männlichkeit in der Konkurrenz zwischen Männern entsteht, ganz unabhängig von Frauen ...

Männer, die mit Männern konkurrieren, kommen heute vor allem in zwei Bereichen vor: in der Wirtschaft und im Krieg. Beide sind oft miteinander verstrickt. Man denke an die amerikanische Präsenz im Irak. Dort stehen militärische und ökonomische Triebkräfte, Erdöl, Sicherheitsgründe und Machtstreben in engem Zusammenhang.

Ist diese Verbindung von Krieg und Wirtschaft ein Grund, warum sich aggressive Männerbilder so hartnäckig halten?

Ich habe jüngst zur Finanzkrise, ihren Akteuren und der Berichterstattung geforscht. Wenn man die Welt der Hochfinanz ethnografisch untersucht, wird deutlich, dass in dieser Welt rücksichtslose Männerbünde, Aggressionen und Konkurrenz zählen. Die Art, wie an der Börse und in Investmentbanken mit jungen Bankern umgegangen wird, ist extrem sexistisch.

Woran zeigt sich das?

Börsen sind hierarchisch organisierte, von Männern beherrschte Schauplätze, an denen die männlichen Bosse herumschreien und die jungen Trader beschimpfen. Es herrscht eine hemmungslose, testos­terongeladene Atmosphäre. Zeitgenössische Banker sind also ganz anders, als wir uns sie bislang vorgestellt haben: Sie sind nicht um ein konservatives Auftreten bemüht. An der Börse erleben sie eine Mischung aus Armeekaserne und Dschungelcamp.Daraus ergibt sich eine zentrale Frage: Warum ist dieses Rollenbild so attraktiv?

Und – was meinen Sie?

Unser globales Wirtschaftssystem setzt auf exzessiven Konsum, Wettbewerb, Risiko und Wachstum. In dieser Atmosphäre der Beschleunigung ist Erfolg wieder stark an ältere Vorstellungen von Männlichkeit gebunden.

Gibt es Männer, die uns einen anderen Weg weisen könnten?

Mir kommen da nur zwei Männer in den Sinn: Einer ist Gandhi, dessen Selbstdarstellung alles andere als aggressiv war, der sich bewusst „verweiblichte“ und dennoch in die Geschichte einging als Mann, der die Welt verändert hat. Der andere Mann, an den ich denken muss, ist Barack Obama. Seine Art zu reden und zu handeln, seine Beziehung zu seiner Frau Michelle, zu seinen Töchtern und Freunden imponiert mir. Er scheint weder als Individuum noch als Präsident der USA ein Interesse daran zu haben, seinen Einfluss durch Gewalt zu sichern. Und das ist ziemlich tough für die USA.

Kann Barack Obama die Banker und Soldaten als amerikanisches Männlichkeitsideal ablösen?

Die Vorstellungen junger schwarzer Männer – und überhaupt benachteiligter Männer – sind in den Vereinigten Staaten stark geprägt von der Bilderwelt des Rap, der Basketball – Welten, in denen Männer ihre überlegenen Körper zur Schau stellen. Obama ist ein mächtiges Gegenbeispiel, weil er einerseits sehr sanft ist, andererseits der mächtigste Mann der Welt. Das spielt hinein in die Begeisterung, die er einst auslöste: Er ist nicht nur schwarz, sondern repräsentiert auch eine ganz andere Form der Männlichkeit als George W. Bush oder Bill Clinton.

Sie leben in den Vereinigten Staaten, sind aber in Indien aufgewachsen. Wie sehen Sie die Männer dort?

In Indien gibt es über die Klassengrenzen hinweg mehr Raum für Androgynie und für Männer, die weibliche Züge aufweisen: höhere Stimmen, weichere Körper, sanftes Verhalten. Bis heute haben junge heterosexuelle Männer in Indien etwa genauso wenig Probleme damit, Händchen zu halten, wie Frauen. Im Alltagsleben ist der Habitus indischer Männer nuancierter als der amerikanischer Männer. Ich bemerke das an mir selbst: Wenn ich in Indien unterwegs bin, können mich Menschen mit einer feinen Intuition von anderen indischen Männern unterscheiden: Nicht durch das, was ich sage oder tue, sondern weil mein körperliches Auftreten anders ist.

Was entlarvt Sie in Ihrem Heimatland als „Ausländer“?

Unter indischen Männern ist eine gebeugte Haltung viel üblicher. In der Regel haben die Menschen eine „fließendere“ Körperhaltung. Eine kantigere, nach vorn gerichtete Körperhaltung beim Gehen fällt den Leuten dagegen auf. Straßenverkäufer machen daran zum Beispiel sofort einen Fremden aus, einen potenziellen Käufer ihrer Waren. Bis ich den Mund aufmache – denn dann denken die Leute wieder: „Oh, der ist ja von hier.“

Wird es durch die Globalisierung eines Tages nur noch eine einzige, globale Vorstellung von Männlichkeit geben?

Natürlich verändert sich alles auch in Indien: Aggressivere Körperbilder haben Einzug ins Kino gehalten. Doch internationale Entwicklungen sorgen meines Erachtens nicht für Vereinheitlichung, sondern für eine größere Diversität. Trotz aller Bestrebungen der McDonald’s, Coca-Colas und der modernen Politiker, die eine einzige Vorstellung von Demokratie schaffen wollen, verändern sich importierte Moden und Modelle immer, wenn sie auf lokale Eigenheiten und Bedürfnisse treffen. Ich denke daher, dass es niemals nur eine einzige Vorstellung von Männlichkeit geben wird. Und ehrlich gesagt hoffe ich, dass ich damit recht behalte. Heute gibt es eine Menge zerstörerischer und brutaler Bilder von Männlichkeit. Fortschrittlichere Formen werden nur durch Austausch und Wandel entstehen und nicht aus einem Guss sein.

Welchen Tipp geben Sie jungen Männern: Wie wird man ein guter Mann?

Ich würde jungen Männern raten, in der Wirtschaft und Politik langfristig für eine bessere Welt für sie selbst, für ihre Familien und für ihre Kinder zu kämpfen, statt nur auf den kurzfristigen eigenen Vorteil zu schielen. Glaubt nicht, dass ihr in die Welt aufgenommen werdet, in die ihr hineingelangen wollt, nur weil ihr euch anpasst! Die Statistiken zeigen, dass in unserer Wirtschaft nur einer von Hunderten erfolgreich ist und die anderen außen vor bleiben. Setzt auf Solidarität, die auch Frauen, Kinder und alle Menschen einschließt! Dann wächst eure eigene Gemeinschaft und ihr müsst nicht mehr hohe Wettsummen auf eine Welt setzen, die sich euch gegenüber als hart erwiesen hat.

Das Interview führten Laura Breuer und Timo Berger



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