Lupenreine Demokratie

von Florian Werner

Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Ausgabe II/2014)


Schon lange macht sich der Mensch die Sammelleidenschaft der Bienen zunutze: Die erste bekannte Darstellung der Bienenzucht stammt aus dem Sonnentempel von Niuserre im ägyptischen Abu Ghurab und ist über 4.000 Jahre alt. Heute werden weltweit etwa 200 Milliarden Bienen von professio­nellen Imkern gezüchtet und zur Bestäubung von Obstbäumen und Ackerpflanzen sowie zur Honigerzeugung eingesetzt. Honigbienen sind Staaten bildende Insekten wie Ameisen oder Termiten, sie leben in komplexen sozialen Systemen zusammen und übernehmen im Lauf ihres Lebens unterschiedliche Aufgaben im Dienste der Gemeinschaft. So kann es nicht überraschen, dass der Mensch sie seit Jahrtausenden auch immer wieder als Vergleichsgröße für menschliche Gesellschaftsformen herangezogen hat.

Der traditionellen Auffassung zufolge - sie geht auf Aristoteles zurück - handelt es sich bei der von Bienen bevorzugten Staatsform um eine matrilineare Monarchie. Das Bienenvolk schart sich demnach um eine mächtige, allwissende Königin, die sich von einem Harem willfähriger Drohnen begatten lässt und den einfachen Arbeiterinnen sagt, was zu tun ist. Im 18. Jahrhundert beschrieb der Philosoph Bernard de Mandeville in seiner "Fable of the Bees" (Bienenfabel) die Bienen als prototypische frühkapitalistische Subjekte. Nur persönliche Laster und Selbstliebe, so Mandevilles provokante These, trügen zum Gemeinwohl bei: Indem die Bienen egoistisch Blütennektar sammeln, bestäuben sie unfreiwillig die Blüten.

Der renommierte amerikanische Bienenforscher Thomas D. Seeley, Professor am Fachbereich für Neurobiologie und Verhaltensforschung an der Cornell University, fügt dieser Traditionslinie nun eine neue, zeitgemäße Politikform hinzu. Die Bienenkönigin, so Seeley, entscheide im Bienenstock gar nichts, sie sei nur die "oberste Eierproduzentin". Bienen handelten auch nicht aus Mandeville'scher "Selbstliebe", sondern träfen kollektiv und gleichberechtigt ihre Entscheidungen. Der Bienenstaat stellt für ihn eine ideale, ja lupenreine Demokratie dar. Zunächst einmal geht es Seeley darum zu zeigen, wie ein - immerhin um die 10. 000 Tiere umfassender - Bienenschwarm in der Lage ist, zu einer gemeinsamen Entscheidung zu kommen.

Wie finden jene Bienen, die im Frühjahr ihren angestammten Stock verlassen müssen, um einer neuen Königin Platz zu machen, eine neue Behausung? Wie verständigen sich mehrere Tausend Insekten, die bekanntlich über keine verbalsprachlichen Fähigkeiten verfügen, darüber, wo im Umkreis von mehreren Quadratkilometern der beste Unterschlupf zum Überleben des nächsten Winters ist? Wie teilen sie den Schwarmgenossinnen ihre Erkenntnisse mit, wie vertreten sie ihre Meinung? Und vor allem: Durch welches Prozedere kommen sie schließlich zu einer einstimmigen und, wie Seeley darlegt, in der Regel sogar bestmöglichen Entscheidung?

Zur Beantwortung dieser Fragen kann sich Seeley nicht nur auf die Vorarbeiten von bedeutenden Bienenforschern wie Martin Lindauer, sondern auch auf vier Jahrzehnte intensiver eigener Feldforschungen stützen. Auf packende und humorvolle Weise erzählt er, mit welchen Versuchsanordnungen er der Sprache und Streitkultur der Bienen auf die Schliche kam. Er erklärt, wie einzelne Kundschafterbienen Schritt für Schritt das Volumen eines potenziellen Nistkastens ausmessen, wie sie ihre Ergebnisse mittels "Schwänzeltänzen" ihren Schwarmgenossinnen mitteilen, wie sich allmählich Meinungsmehrheiten bilden und wie sich am Ende in aller Regel die "Schwarmschlauheit" durchsetzt und sämtliche Bienen innerhalb von Minuten kollektiv und koordiniert in ihr neues Quartier umziehen.

Das alles ist, nicht nur für Verhaltensforscher, faszinierend. Etwas weniger überzeugend wirken die neuro- und sozialwissenschaftlichen Schlussfolgerungen, die Seeley gegen Ende des Buchs aus seinen Beobachtungen zieht. Zum einen versucht er zu zeigen, dass die neuronalen Abläufe im Primatengehirn ähnlich ablaufen wie die Kommunikation im Bienenschwarm - hier handelt es sich um eine erstaunliche Parallelität. Diese trägt aber nur bedingt zum Verständnis kognitiver Prozesse bei und wirkt eher wie eine Reminiszenz an die gegenwärtige Neuroeuphorie. Zum anderen schlägt Seeley vor, dass wir Menschen uns das harmonisch-kollektive Entscheidungsverhalten der Bienen zum Vorbild nehmen sollten: "Wie strukturiert man eine Gruppe (...) so, dass Wissen und Intelligenz ihrer Mitglieder effizient zugunsten einer guten, kollektiven Entscheidung eingesetzt werden?"

Die diesem Vorschlag zugrunde liegende Annahme, nämlich dass ein Menschenschwarm ebenso selbstlos, sachlich und lösungsorientiert diskutieren kann wie eine Bienengesellschaft, erscheint fragwürdig. Bienen sind eben keine "Individuen", sie haben keine "Persönlichkeit", auch wenn der Autor diese beiden Begriffe immer wieder in Bezug auf die von ihm beobachteten (und offensichtlich sachte vermenschlichten) Insekten verwendet. Die durchschnittliche Arbeiterin wird nur vier bis fünf Wochen alt, hat also gar keine Zeit und vermutlich auch nicht das hirnorganische Rüstzeug, um einen ausgeprägten Charakter, einen eigenen Willen oder gar ein Gedächtnis zu entwickeln - all jene Fähigkeiten also, die uns Menschen so oft von rein vernunftgemäßen Entscheidungen abhalten.

Die fünf "Lektionen", die Seeley aus dem Sozialverhalten der Bienen ableitet - "Halte den Einfluss des Anführers auf das Denken der Gruppe so gering wie möglich", "Bemühe dich um mehrere Lösungsmöglichkeiten" und Ähnliche mehr - erinnern in unguten Momenten an Brainstorming-Tipps aus einem Leitfaden für Führungskräfte, einer Art Bienenfibel für Manager. In besseren Momenten gemahnen sie an das von dem Sozialphilosophen Jürgen Habermas entwickelte Konzept der "Diskurs­ethik", dem zufolge rationale Individuen in einem offenen und fairen Austausch letztlich zu einem friedlichen Konsens gelangen.

Vermutlich schimmert hier auch die Zeit- sowie die Lebensgeschichte des Autors durch: Thomas Seeley ist in den 1960er-Jahren und im vergleichsweise behüteten Umfeld des ländlichen Neuengland groß geworden. Ein von dem Autor immer wieder angeführtes Beispiel für eine gelungene Umsetzung seiner bienendemokratischen Prinzipien stellt der sogenannte Town Meeting Day dar, wie er in kleinen Gemeinden in Neuengland praktiziert wird: Hierbei handelt es sich um eine Urform der direkten Demokratie, bei der sämtliche Bewohner an einem bestimmten Tag im Frühjahr zusammenkommen und öffentlich über die Belange der Gemeinschaft abstimmen.

Ein anderes gelungenes Beispiel macht Seeley in den monatlichen Fakultätssitzungen an seiner heimischen Cornell Universität aus, die er eigenen Angaben zufolge "zum Spaß und als Experiment" nach bienendemokratischen Prinzipien leitet. Wenn Seeley im besten Insektenforscherduktus schreibt, dass seine Kollegen "stets gute 'Kundschafterinnen'" seien, die ihre Erkenntnisse "nahezu ebenso ungehemmt (mitteilen) wie eine tanzende Biene", ist man dann doch geneigt, ihm seine Habermas-für-Manager-Vorschläge nachzusehen - ja sich möglicherweise sogar von ihnen überzeugen zu lassen. Umso mehr, als der Autor seine Lektionen in Bienendiskursethik nicht nur predigt, sondern auch auf vorbildliche Weise praktiziert: So wird Professor Seeley - für einen Wissenschaftler eher ungewöhnlich - nicht müde, die Verdienste und Vorarbeiten anderer Kollegen zu rühmen und würdigt jede wissenschaftliche Hilfskraft mit Namen, die ihm bei seinen Forschungen bienenfleißig zur Seite stand. Der Grundton des Buchs ist, bei aller Luzidität der wissenschaftlichen Darstellung, ein versöhnlich-harmonisches Summen.

Letztlich ist "Bienendemokratie" sehr viel mehr als ein Wissenschaftsbuch über Bienen. Es ist die geglückte Biografie eines Forscherlebens, das mit beneidenswerter Hingabe von einem Thema erfüllt ist und das in der Beschäftigung mit diesem Thema nicht nur Erfolg, sondern auch Erfüllung findet. So würzt Seeley seine akademischen Ausführungen immer wieder mit persönlichen Anekdoten: Einmal, Anfang der 1980er-Jahre, kann er das US-amerikanische Außenministerium überzeugen, dass es sich bei den mysteriösen gelben Tropfen, die im Urwald von Kambodscha entdeckt wurden, nicht etwa um Spuren sowjetischer Chemiewaffen, sondern um die Exkremente von Bienen handelt. Ein anderes Mal, während seiner Feldforschungen auf einer entlegenen Atlantikinsel, muss er einen schrotflintenbewehrten Farmer besänftigen, in dessen Schornstein sich einer seiner Schwärme niedergelassen hat. Und während eines weiteren ausgedehnten Forschungsaufenthalts lernt er auf besagter Insel seine Frau kennen. So überträgt sich das "Licht des Staunens", von dem der Autor schwärmt, auch auf die Lesenden. Und am Ende des Buchs möchte man am liebsten bei Professor Seeley als Hilfskraft anheuern und bei seiner nächsten Bienenforschungsexpedition dabei sein.

Bienendemokratie. Wie Bienen kollektiv entscheiden und was wir davon lernen können. Von Thomas D. Seeley. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main, 2014.



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