Impotenz ist Faulheit

ein Gespräch mit Juri Klawdiew

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Herr Klawdiew, Sie sind heute einer der prominentesten Theatermacher in Russland. Doch früher waren Sie Skinhead. Warum?

Wie jeder junge Mann träumte ich von kriegerischen Heldentaten und sehnte mich nach Kameradschaft. In die Armee wollte ich nicht, das will niemand in Russland, denn die Armee ist bei uns schlimmer als der Knast. Da bleiben für einen Jugendlichen zwei Optionen: Entweder man schließt sich einer kriminellen Bande an oder man sucht sich eine passende Subkultur. Ich entschied mich für Letzteres.

Sie wurden Skinhead, weil Sie ein Held sein wollten?

Wenn man wie ich in der Provinz am Ende der Welt aufwächst, dann steht man als 18-Jähriger allein da. Allein gegen den Rest der Gesellschaft. Ich suchte Kameraden, die mich verstehen und zu mir halten. In meinem Fall waren das Skins. Praktisch war auch, dass es bei ihnen diese nationale Idee gibt: An allen Missständen sind nicht die Russen schuld, sondern die Juden, die Usbeken, die Muslime.

Welche Rolle spielen Männlichkeit und Potenzvorstellungen in der russischen Skinhead-Szene?

Die Szene ist stark antifeministisch geprägt. Frauen gibt es nur als Helferinnen oder Sexobjekte. Sie haben in der Gruppe keine aktive Rolle, keine soziale oder politische Relevanz. An den anderen Männern schätzt man ihren Kampfgeist: Wie stark bist du? Stehst du deinen Mann? Wie aktiv bist du in der Gruppe? Im Grunde sind das für mich auch heute noch wichtige Fragen. Viele Männer flüchten sich vor Problemen. Wenn zum Beispiel auf der Straße irgendetwas passiert, dann handeln in der Regel die Frauen und die Männer stehen einfach nur herum.

Wieso haben Sie die Skinhead-Szene dann verlassen?

Ich habe schon damals Dostojewski gelesen und schrieb Gedichte. Irgendwann fängt man auch an zu verstehen, dass man für diese Welt selbst verantwortlich ist und kein Jude, Usbeke oder Muslim uns davon abhalten will, gut zu leben. Deshalb war meine Zeit bei den Skins kurz, kaum sechs Jahre.

Spielen die Erfahrungen von damals für Ihre Arbeit als Dramatiker eine Rolle?

Ich war früher Sportler und habe unter anderem in einer Fabrik gearbeitet. Ich war also immer tatkräftig und handlungsbereit. Diese Eigenschaften teilen heute die Figuren in meinen Stücken: Sie wissen, was sie wollen, und handeln entsprechend. Sie gestalten ihre Welt aktiv mit.

Was bedeutet Potenz heute für Sie?

Dazu gibt es einen guten russischen Witz. Ein Sexualwissenschaftler fragt sein weibliches Publikum: „Wie nennt man einen Mann, der möchte, aber nicht kann?“ Alle Zuhörerinnen rufen: „Impotent!“ Dann fragt der Vortragende: „Und wie nennt man ihn, wenn er kann, aber nicht will?“ Und alle Frauen im Chor: „Idiot!“ Für mich als Mann hat Potenz natürlich eine große Bedeutung. Das beginnt mit der ganz wörtlichen Bedeutung dieses Begriffs: einen hochkriegen zu können – und endet im übertragenen Sinne mit der künstlerischen Schaffenskraft. In der Potenz misst sich meine Kraft, die Welt zu verändern.

Und wer diese Kraft nicht hat, ist ein Idiot?

Impotenz ist Faulheit. Medizinische Beeinträchtigungen kann man behandeln, dafür gibt es Viagra. Doch politische Impotenz lässt sich nicht so leicht heilen. Die Männer, die nichts dagegen getan haben, dass die NSDAP in Deutschland an die Macht kommt – das waren Impotente! Auch in Russland gibt es Bürger, denen alles egal ist, die am liebsten gar nicht das Haus verlassen würden, denn sie haben ja alles daheim, ihren Fernseher und ihre Ehefrau. Die Impotenten brauchen keine große, weite Welt, ihr Horizont endet an der Wohnungstür.

Wladimir Putin hingegen inszeniert sich als starker Mann.

Ja, aber die familiären Beziehungen unseres wunderbaren Ministerpräsidenten sind ein Tabuthema. Warum sehen wir ihn nie mit seiner Frau? Vor vier Jahren wurde Putin noch als Retter Russlands gefeiert. Inzwischen betrachtet man ihn hier eher als das kleinere Übel. Es gibt keine Alternative. Nach dem Motto: Lieber ein schlechtes Vorankommen als ein guter Stillstand.

Was bedeutet es, wenn sich ein Staatsoberhaupt auf offiziellen Fotos immer wieder mit nacktem Oberkörper zeigt, wie Putin es tut?

Es soll zeigen, dass er einer von uns ist.

Aber nicht jeder Russe hat so einen gestählten Körper. Müssen Politiker besonders potent wirken?

Putins Auftreten spiegelt den Gesundheitskult unserer Gesellschaft. Wenn man raucht, gilt das heute fast schon als peinlich. Es ist modern, mindestens 20 Jahre jünger auszusehen, als man ist. Man muss fit sein und sexuell so attraktiv wie möglich. In der Sowjetunion war das anders. Damals hat man uns beigebracht, dass Sex etwas Schreckliches ist. Das war die Staatsdoktrin. Sex war gleichbedeutend mit Pornografie. Und Pornografie war verpönt.

Für den kommunistischen Staat war Sex eine Bedrohung?

Na klar, denn Sex bedeutet Freiheit. In den 1990er-Jahren hatten wir dann unsere eigene sexuelle Revolution. Es war nicht so stürmisch wie die 1960er-Jahre in den Vereinigten Staaten, bei uns gab es keine Hippies, die es in öffentlichen Parks trieben. Doch an das, was damals in unseren Schlafzimmern passierte, erinnere ich mich gerne zurück.

Und seitdem ist es für die Russen wichtig, potent zu sein?

Selbstverständlich, das ist sehr wichtig. Ein Mann muss seine Anziehungskraft so lange wie möglich aufrechterhalten. Das bedeutet auch, dass man in einem gewissen Alter aufhören muss zu trinken und zu rauchen, dass man einen guten Job braucht und in der Lage sein sollte, einen großen Kredit aufzunehmen. Solchen Männern gilt die Aufmerksamkeit der Frauen. Und die Aufmerksamkeit der Frauen wollen doch hundert Prozent aller Männer. Sie möchten sich aus allen Frauen die eine aussuchen, die ihren Träumen entspricht, und mit ihr dann eine Familie gründen und Kinder aufziehen.

Silvio Berlusconi hatte viele Frauen. In puncto Männlichkeit ist er dennoch ein abschreckendes Beispiel. Wie kommt das?

Es ist wie bei „Star Wars“: Die helle und die dunkle Seite der Macht hat jeweils ihre Helden. Es ist aber immer eher der böse als der gute Held, der in Erinnerung bleibt. Berlusconi ist wie Darth Vader, nur ohne Helm und Lichtschwert. Und so wie Darth Vader vor seinem Fall einer von den Guten war, versteht Berlusconi, wie die helle und die dunkle Seite funktionieren. Er sagt uns: „Ich bin so wie ihr, euch gefallen die fremden Frauen doch auch.“ Aber tatsächlich ist das keine Freiheit und Ehrlichkeit, sondern Hinterlist und Abhängigmachen. Berlusconis Anhänger sind bereit, einen Menschen zu wählen, der seine Frau betrügt, weil auch sie ihre Frauen betrügen – doch als Politiker betrog Berlusconi auch seine Anhänger.

Kann ein impotenter Mann männlich und mächtig sein?

Natürlich nicht. Macht ist nicht grundsätzlich gut oder schlecht, Macht ist Energie. Doch im Gegensatz zum weiblichen hat der männliche Egoismus eine aggressive Komponente und erfordert Potenz.

Das Interview führte Carmen Eller



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