Die verlassene Insel

von Robin Robertson

Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Ausgabe II/2014)


Wir waren seit über fünf Stunden auf See, als wir von den Äußeren Hebriden westlich in den Atlantik segelten und St. Kilda erblickten. Ich wusste, wonach ich Ausschau halten musste – einen Aufschluss vulkanischen Gesteins inmitten des Ozeans –, aber ich wusste nicht so recht, was ich zu erwarten hatte. Die Felsen ragten wie Mordor aus dem Meer heraus – die schwarzen Türme der Brandungspfeiler Stac Lee und Stac an Armin hoch wie Wachposten, die Spitzen der Hauptinsel Hirta hinter ihnen in ein Wolkenband gehüllt. Ich hatte gelesen, dass St. Kilda so weit draußen im Atlantik liegt, dass es sein eigenes Wetter hat: Die Sturmfronten rollen von Kanada aus über die Insel hinweg und bleiben hier an den zerklüfteten Höhen von Conachair und Mullach Mòr wie Schafwolle an einem Stacheldrahtzaun hängen. Selbst aus sechs oder sieben Meilen Entfernung war der Archipel vor uns ein Gebirge, das sich über 420 Meter hoch auftürmte und das graue Gewebe des Meeres aufriss.

St. Kilda ist der abgelegenste Teil der Britischen Inseln und einer der außergewöhnlichsten. Die Insel, die mindestens 2.000 Jahre lang bewohnt gewesen sein soll, weist Reste neolithischer Stätten und nordische Spuren auf; später ließen sich hier Gälisch sprechende Schotten nieder. Dass dieser Ort überhaupt bewohnt war, ist angesichts der unerbittlichen Landschaft, des widrigen Wetters und der abgeschiedenen Lage bemerkenswert.

Im Atlantik herrscht fast immer hoher Wellengang, und wenn der Wind aus der falschen Richtung weht (und um St. Kilda ist fast jede Richtung falsch), kann man unmöglich an Land gehen, sondern muss umkehren und die unglücklichen sechs oder sieben Stunden in den Sound of Harris zurücksegeln. Inmitten dieser unwirtlichen Felsen lebten jedoch einst Menschen und die letzten 36 Inselbewohner wurden erst 1930 evakuiert. Zuvor hatten sie und ihre Vorfahren viele Hunderte Jahre auf St. Kilda überlebt.

Ihre Ernährung bestand nicht, wie man erwarten würde, aus Fisch, denn das Meer ist zu heimtückisch. Vielmehr lebten sie von Seevögeln – vor allem Tölpeln und Eissturmvögeln –, die sie fingen und als Nahrung und für vieles andere gebrauchten. Das Fleisch wurde getrocknet und gelagert, die Eier wurden gegessen; das Öl diente als Brennstoff für Lampen und die Federn wurden aufbewahrt und an die gelegentlichen Besucher verkauft. Jeder Teil des Vogels wurde verwertet: Aus den Schnäbeln wurden Gewandspangen gemacht, die Knochen wurden zu Nadeln verarbeitet und aus den Häuten der Basstölpel wurden Schuhe gefertigt. Man kann sich noch immer kaum vorstellen, dass Menschen in Großbritannien vor nur 84 Jahren so lebten.

Genau aus diesem Grund waren wir hergekommen, genau deshalb befanden wir uns Anfang August 2007 in einem Schwarm von Seevögeln, als wir durch die offene Einmündung zwischen Oiseval und Dùn einliefen, um in Village Bay vor Anker zu gehen. Während wir an Land gingen und die dachlosen Ruinen der traditionellen Black Houses der letzten Siedlung – „the Street“, wie sie hieß – mit dem weiß getünchten Pfarrhaus und der Kirche und dem fast runden Friedhof entlangliefen, blickten wir auf und sahen etwas, das wie eine Flutwelle vom Berg hinab in unsere Richtung 330 Meter weiter unten rollte.

Die Wolken, die die hohen Bergkuppen bedeckt hatten, schütteten sich jetzt wie trockenes Eis die Hänge des Mullach Mòr hinunter und es war klar, dass dieser Ort niemals einfach oder einladend sein würde, nie aufhören würde, wie ein Bild des englischen Romantikers John Martin auszusehen. Schließlich bewegten wir uns auf dem Rand eines Vulkans, der vor fünfzig Millionen Jahren zum ersten Mal ausgebrochen war, die höchsten Klippen und Felsnadeln in Großbritannien besaß, einem Viertel der Basstölpelpopulation der Erde Nistplätze bot und ein wichtiges Schutzgebiet für Eissturmvögel und Papageientaucher war.

Dies war kein Urlaub, rief ich mir in Erinnerung, sondern etwas, das ich nicht so leicht vergessen sollte. Und nach einem Spaziergang auf Hirta, nachdem wir am nächsten Tag den ganzen Archipel von Village Bay gegen den Uhrzeigersinn nach Soay und zurück nach Dùn umsegelt hatten, nach einem Abstecher vier Meilen nordöstlich zu den Jagdgründen von Boreray und ihren Vorboten Stac an Armin, „Stac der Krieger“ – fast 200 Meter blanker Felsen –, und Stac Lee mit seiner riesigen Tölpelkolonie, seiner Kakophonie an kreischenden Vögeln –, war es Zeit zum Aufbruch. Nach dieser verwirrend intensiven Erfahrung, unwirklich und real zugleich, drehten wir nach Osten ab und fuhren zurück in eine Welt, die plötzlich medioker erschien.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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