„Die Gebäude schaukeln ein wenig“

ein Gespräch mit Koen Olthuis

Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Ausgabe II/2014)


Herr Olthuis, Sie sind als Architekt bekannt für Ihre schwimmenden Konstruktionen. Wie kam es zu dieser Spezialisierung?

Vor zehn Jahren hörte ich von Rishi Sowa. Er sammelte Plastikflaschen am Strand und baute daraus eine Insel. Das hat mich inspiriert. Ich komme aus Holland, einem Land, in dem die Bewohner immer schon gegen das Wasser ankämpfen mussten. Wenn man von dort kommt, muss man sich als Architekt fragen, wie wir mit dem Wasser zukünftig leben können.

Welche Veränderungen kommen auf uns zu?

Städte von morgen werden sich aufs Wasser ausdehnen und dadurch flexibel und umstrukturierbar werden. Man wird Häuser, Fabriken und Sportevents auf dem Wasser bewegen können. Anstatt das Wasser als Bedrohung zu bekämpfen, werden wir uns seine Vorteile zunutze machen.

Sie haben ja bereits einige Projekte realisiert wie zum Beispiel den Bau von Apartmenthäusern auf einer künstlichen  Insel in Amsterdam. Welche Materialen haben Sie für das Inselfundament verwendet?

Dafür nehmen wir Styropor, das wir mit Zement umschließen. So kann man große Oberflächen schaffen. Zurzeit schauen wir uns nach Materialien um, die billiger und stabiler sind.

Sie behaupten, dass Ihre treibenden Bauten flutsicher seien. Haben Sie Tsunamis oder hohe Taifunwellen wie kürzlich auf den Philippinen mit einberechnet?

Wir arbeiten mit den besten Ingenieuren Hollands zusammen, die für uns berechnen, welchen Einflüssen unsere Bauten ausgesetzt sind. Mehrere Kilometer vom Land entfernt ist ein Tsunami gar nicht so stark. Die Gebäude passen sich der Bewegung der Welle an und schaukeln nur ein wenig. Das gilt auch für den Fall, dass ein heftiger Wind weht.

Eines Ihrer Projekte ist es, Inseln zu entwerfen, die den Malediven angeschlossen werden sollen.

Schwimmende private Inseln sind ein neuer Trend. Wir arbeiten mit Dutch Docklands zusammen, einer Firma, die sich auf den Bau von künstlichen Privatinseln spezialisiert hat und eine ganze Serie davon auf den Malediven realisieren soll. Der Grund hierfür ist der Wunsch, den Tourismus auszuweiten. Indem sie Inseln bauen lassen, gewinnen sie an Fläche dazu.

Ziehen nicht die Leute echte Inseln den künstlichen vor?

Für uns besteht die Herausforderung darin, dass die Inseln echt aussehen sollen. Sie sollten sogar paradiesisch sein. Deswegen haben wir in den vergangenen sechs Jahren daran gearbeitet, dass unsere Inseln aussehen wie Paradiese.

Wie gelingt Ihnen das?

Wir sorgen dafür, dass die Insel natürlich bewachsen ist. Und es gibt Sandstrände. Eine Besonderheit der künstlichen Insel ist auch, dass man sie mit einem kleinen U-Boot erreichen kann.

Glauben Sie, dass diese Inseln gekauft werden?

Solche echt aussehenden Inseln sind ein neuer Markt. Man kann sie überallhin versetzen. Sie müssen nicht nach Ihrer privaten Insel suchen. Wir bauen sie Ihnen, in jeder gewünschten Form und Größe.

Aber sind diese künstlichen Inseln wirklich imstande, einen richtigen Inselliebhaber zu täuschen?

Absolut. Die Leute zahlen um die zehn Millionen Dollar für eine Insel und sind deswegen sehr anspruchsvoll. Sie wollen den Robinson-Crusoe-Effekt erleben – den Sand spüren, die Bäume wachsen sehen, die Mangroven rauschen hören.

Belasten Ihre künstlichen Inseln die Umwelt?

Bisher haben künstliche Inselprojekte, zum Beispiel die in Dubai, die Unterwasserwelt zerstört, da hier Sand ins Wasser geschüttet wurde. Unsere Projekte greifen die Tiere und Pflanzen im Wasser nicht an. Wir zerstören weder Korallen noch andere natürliche Habitate. Unsere Inseln bleiben dort für vielleicht fünfzig oder 150 Jahre, dann nehmen wir sie weg und alles ist wieder wie vorher. Deshalb nennen wir sie „scarless islands“; sie hinterlassen keine Narben und beeinträchtigen die Umwelt nicht.

Das Interview führte Shou Aziz



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