Konfuzius sagt: Klasse statt Masse

Falk Hartig

Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Ausgabe II/2014)


Daheim in China ist die chinesische Regierung um Kultursicherheit bemüht, will also dafür sorgen, dass die chinesische Kulturindustrie im Land reüssiert und westliche Kultur weniger Einfluss hat. Auch im Ausland soll die kulturelle Soft Power des Landes verbreitet werden. Ein Instrument dafür sind die Konfuzius-Institute. Innerhalb von nur zehn Jahren wurden 440 dieser Kultureinrichtungen und 640 sogenannte Konfuzius-Klassenzimmer in 120 Ländern etabliert. Verglichen mit dem Goethe-Institut, das 158 Institute in 93 Ländern unterhält, sind das beeindruckende Zahlen, auch wenn nicht alle Konfuzius-Institute hinsichtlich Größe und Ausstattung mit Goethe-Einrichtungen konkurrieren können und einige der 440 Institute bisher wohl nur auf dem Papier existieren.
Die meisten Konfuzius-Institute sind Kooperationsprojekte zwischen internationalen und chinesischen Partnern, meist Kooperationen zwischen Universitäten. Laut den Statuten von Hanban, dem Nationalen Leitungsgremium für Chinesisch als Fremdsprache, das die Konfuzius-Institute weltweit koordiniert, funktioniert die Zusammenarbeit folgendermaßen: Der internationale Partner stellt Räumlichkeiten, Lokalkräfte und fünfzig Prozent der Projektmittel. Die chinesische Seite leistet eine Anschubfinanzierung, bringt die andere Hälfte der Projektmittel ein, schickt Lehrkräfte und stellt Lehrmaterialien zur Verfügung. Besonders die letzten beiden Punkte erwiesen sich in der Vergangenheit als problematisch.
In manchen Teilen der Erde kommen die aus Peking geschickten Lehrbücher nicht gut an. Während in Europa mitunter die pädagogischen Methoden bemängelt werden, klagen afrikanische Sprachschüler darüber, dass die Bücher mit ihrer Lebensrealität nichts zu tun hätten. Deshalb sollen Lehrmaterialien nun zunehmend von den Instituten vor Ort selbst entwickelt werden.
Größer noch ist das Problem der Lehrkräfte: Es wird für Hanban immer schwieriger, Lehrer für einen Auslandseinsatz in Konfuzius-Instituten zu finden. Die Zahl der Chinesen, die exotische Sprachen sprechen und didaktisch geschult sind, ist begrenzt und ihre Bereitschaft, in bestimmte Weltregionen zu gehen, niedrig. "Viele Institute in Afrika haben enorme Probleme, Personal zu finden, da potenzielle Lehrer - meist zurecht - schwierige Lebensbedingungen fürchten", so Ma Yue, der chinesische Direktor des Konfuzius-Institutes im südafrikanischen Grahams-town. Außerdem ist eine zeitweise Beschäftigung als Konfuzius-Lehrer im Ausland der Karriere in China nicht unbedingt förderlich. In vielen Instituten trifft man daher auf Lehrer, die entweder ganz am Anfang ihres Berufslebens stehen oder dieses im Ausland ausklingen lassen. Auch bei der Lösung des Lehrkräfteproblems ermuntert Hanban die einzelnen Institute jetzt zu mehr Eigeninitiative und fördert zudem die Ausbildung lokaler Chinesischlehrer.
Insgesamt hat man bei Hanban erkannt, dass es für den Erfolg der Institute in Zukunft mehr auf Qualität und nicht mehr so sehr auf Quantität ankommen wird. Perspektivisch wird das wohl nur mit einer Reduzierung der Institutsanzahl zu erreichen sein. Auf der achten Weltkonferenz der Konfuzius-Institute im Dezember 2013 in Peking wurde ein Entwicklungsvorschlag vorgestellt, der - auch wenn das nicht die offizielle Lesart ist - in diese Richtung deuten könnte.
Spätestens in zehn Jahren soll es sogenannte Modellinstitute geben. Diese Einrichtungen sollen über ein unabhängiges Lehrgebäude von 2000 Quadratmeter verfügen - eine Vorgabe, die Institute in europäischen Groß- städten vor große Probleme stellen könnte - und richten sich auf einen von vier Bereichen aus: auf Sprachunterricht, auf Forschung, auf Besonderheiten wie Tourismus oder Tradi- tionelle Chinesische Medizin oder auf Berufsausbildung. Das Ziel sei, 15 bis 20 Prozent aller Konfuzius-Institute in solche Modelleinrichtungen umzuwandeln. Großzügig gerechnet wären das beim aktuellen Stand knapp neunzig Institute, was ungefähr den hundert Instituten entsprechen würde, die man zu Beginn des Soft-Power-Projekts 2004 insgesamt gründen wollte.
Wie viele Institute es künftig geben wird, ist noch nicht absehbar, aber viele internationale Direktoren sind der Ansicht, dass es aktuell zu viele sind. Offiziell wird das von Hanban nicht kommentiert. Doch einige Institute als Modellinstitute aus der Menge herauszuheben, ist möglicherweise ein erster Schritt, um irgendwann nicht mehr alle Institute logis- tisch und finanziell unterstützen zu müssen. Denn auch in China sieht sich Hanban durchaus in der Kritik: Warum, fragen die Leute, muss die chinesische Regierung reichen Ländern im Westen den Chinesischunterricht mitfinanzieren, wenn die Schulen im ländlichen China nach wie vor unter Geldknappheit leiden?



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