Die Sommer meiner Kindheit

von Erri De Luca

Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Ausgabe II/2014)


Ich bin ein letztes Mal schwimmen gegangen. Einer der Jungen, die den Fußball auf mich geschossen hatten, ein Fettwanst, kam hinter mir her. Ich hörte, wie er zu den anderen sagte: „Den lass ich jetzt Wasser schlucken.“ Ich bin nicht zum Sonnenschirm umgekehrt, ich bin ins Wasser gegangen. Er sprang mit einem Bauchklatscher hinein und kam auf mich zu, beim Schwimmen schlug er mit den Armen aufs Wasser. Ich habe mich auf den Rücken gedreht und bin so geschwommen, wie ich es im Schwimmbad gelernt habe.

Ich bin gut trainiert, er hat es nicht geschafft, mich einzuholen, kam nur mühsam voran, dann ist er zurück ans Ufer. Ich bin bis zu einem kleinen Strand geschwommen und zu Fuß wieder beim Sonnenschirm angelangt. Mama war fertig zum Weggehen und hat mich ausgeschimpft. Sie lässt mir jede Freiheit auf der Insel, aber an die Zeiten muss ich mich halten. Ich habe um Entschuldigung gebeten, die Strandtasche geschultert, und wir sind nach Hause gegangen, zwei Zimmer zur Miete, nah am Meer.

Nach dem Mittagessen gehe ich gern mit dem Kescher fischen, ich suche die Klippen ab. Um diese Zeit ruht Mama sich aus. Es sind glühend heiße Stunden, die Luft flirrt vor Hitze und Zikaden. Ich gehe barfuß, im Sommer wächst unter den Füßen eine Sohle, die unempfindlich gegen Verbrennung ist. Genauso wie bei den Händen der Bäcker. Wenn sie aufwacht, mache ich ihr einen Kaffee, dann gehe ich wieder hinaus.

Abends lese ich ein Buch, das Papa gekauft hat, Geschichten von Engländern in ihren Kolonien im Indischen Ozean. Darin gibt es Verbrechen, aber es geht nicht darum, den Mörder zu finden. Ich habe mir einen Satz abgeschrieben: „Den Davongekommenen quält keine Reue.“ Heute weiß ich, dass das stimmt. Damals erschütterte der Satz meine religiösen Vorstellungen. Die Reue, ein Geständnis waren unvermeidliche Folgen des Verbrechens. In dem Buch dagegen hieß es, kein strafendes Nachspiel für den, der seinen Kopf aus der Schlinge ziehen konnte. Es gab also eine Variante, bei der das Verbrechen folgenlos blieb. Das ließ den Boden unter meinen Füßen erbeben. Beim Lesen kann man auf seismische Sätze treffen.

Nach der Erstkommunion mit acht Jahren ging ich sonntags in die Kirche, allein. Papa war Sozialist, Mama mochte den Ritus nicht, und meine Schwester war zu klein, um mit mir zu gehen, ich konnte ihren Überschwang nicht im Zaum halten. Auf der Insel hörte ich auf, in die Kirche zu gehen. In der Stadt war sie ein Ort des Aufatmens. Es gab genug Raum für Luft über dem Kopf, Abstand zwischen den Menschen, der Straßenlärm schrumpfte zum Echo einer Welle in einer Muschel. Auf der Insel brauchte man das nicht.

Die Insel war eine geöffnete Hand, im September waren die Weintrauben prall, wollten geerntet werden. Beere für Beere im Mund zerdrückend, barfuß nachmittags auf dem Erdboden, der glücklich ist über die Schritte eines Kindes – einen besseren Dank konnte es nicht geben, an ihn kam kein Gebet heran.

Das Buch der Engländer erzählte noch von anderen Inseln, die in der Weite der südlichen Halbkugel aufgetaucht waren, wo es fast nur Wasser gibt. Es brachte Nachrichten aus der Unermesslichkeit, die beängstigend für Menschen ist, die dort nicht geboren sind. Der Schriftsteller war ein Experte jener Welt aus schwitzenden Weißen, die dorthin gesandt wurden, um Völker zu regieren, bei denen das Lächeln und das Messer locker sitzen. Die Insel, die ich bewohnte, hatte die richtige Größe für mich, wie das Mittelmeer, das groß ist, aber im Schoß seiner Länder liegt. Nach jenen Stränden der Kindheit haben keine Tropen, kein Ozeanien mich mehr locken können. Die Insel hat mein Verlangen danach befriedigt.

Mit zehn Jahren wollte die Dürftigkeit meines Körpers mich zum Verschwinden bringen. Beim Gehen stellte ich mir vor, unsichtbar zu sein. Meine blauen Hosen und das weiße Unterhemd verrieten mich, sie schritten allein auf der Straße voran, ohne mich, doch niemand achtete darauf. Nachts, wenn ich nackt auf dem Bett lag, konnte ich ganz verschwinden.

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus dem Roman „Fische schließen nie die Augen“, erschienen im Graf Verlag (München, 2013). Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki



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