Gekaufte Frauen

Christian Parenti

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Ich sitze mit rund zehn jungen Afghanen auf Teppichen und esse. Es gibt fettiges Hammelfleisch und Reis, die Teller gehören der örtlichen Gemeinde. Nach dem Essen löst sich die Stimmung es gibt Tee und Zigaretten, und es werden Witze erzählt. Dann reicht man Mobiltelefone herum, auf denen Clips laufen. In einem ist zu sehen, wie einem Imam beim Gebet der Hintern geküsst wird. Dann folgt ein Ausschnitt aus einem Bollywood-Film. Danach kommt ein Clip, in dem eine Frau Sex mit einem Pferd hat.


 Willkommen im „freien Afghanistan“. Die puritanischen Taliban sind verschwunden. Aber was ist an ihre Stelle getreten, durch was wurde das frauenfeindliche Regime der Taliban ersetzt?


 Nach einem Vierteljahrhundert Krieg herrschen in Afghanistan übelste Umstände. Es gibt weder fließend Wasser noch eine funktionierende Regierung, von der Wirtschaft ganz zu schweigen. Stattdessen gibt es Mobiltelefone und das Internet, zumindest für die, die es sich leisten können. Und damit die verdrehte Welt der Online-Pornografie. Die beiden Pole afghanischer Geschlechter- und Genderpolitik sehen so aus: Auf der einen Seite gibt es die strikt einzuhaltende Purdah, die muslimische Tradition des Beschützens und Ausgrenzens von Frauen. Auf der anderen Seite gibt es den Schmuddelkram aus dem Internet. Schuld an dieser bizarren Lage ist eine Kombination aus Moral, aus durch den Krieg entstandenen Freizonen und aus chronischer Unsicherheit.


 Nach dem Sturz der Taliban war es Frauen wieder möglich, das Haus zu verlassen, um zu arbeiten. Das führte aber auch zu einem enormen Anstieg der Prostitution. Die Ursachen hierfür sind vielfältig: elende Armut, die Folgen eines scheinbar endlosen Krieges, das Verschwinden der religiösen Ordnungskräfte der Taliban, und schließlich das Eintreffen gutbezahlter Hilfskräfte, Soldaten und Sicherheitsexperten. Das Verschwinden der Taliban hat einen rechtsfreien Raum geschaffen, in dem es mit der Sicherheit nicht weit her ist. Insofern geht mit der Prostitution auch ein Anstieg sexuell motivierter Gewalt einher. Nachrichten über Frauen, die von bewaffneten Banditen entführt, vergewaltigt und an Bordelle weiterverkauft werden, sind keine Seltenheit. Recht und Ordnung existieren nicht. Die Truppen der NATO sind zu verstreut, die örtliche Polizei ist meist unterbesetzt und besteht oft aus Kriminellen in Uniform. Viele Frauen stehen schutz- und hilflos da, den einzigen Schutz bieten Ehemänner, Väter oder Brüder. Und auch nur, wenn diese bewaffnet sind. 
 
 Für einen Reporter ist es nach wie vor nicht einfach, mit Frauen zu sprechen. Intime Themen sind weitgehend tabu. Aber es ist auch aufschlussreich, was die männlichen Kollegen, die Übersetzer, Fahrer oder ihre Freunde zu erzählen haben. 


 Als Antwort auf die verkommende Moral hat die Regierung Karzai kürzlich eine publikumswirksame Razzia in von Chinesen betriebenen Bordellen durchgeführt. Die Bordelle sind nach dem Einrücken der NATO 2001 entstanden, getarnt wurden sie als chinesische Restaurants. Das zwielichtige Geschäft fiel im nunmehr rechtsfreien Afghanistan auf fruchtbaren Boden. Nach Ansicht der Fundamentalisten innerhalb der Regierung verstießen die ausländischen Verführerinnen in den Bordellen gegen zwei religiöse Grundsätze, die den Verkauf von Sex und Alkohol untersagen. Im März 2006 ließ die Regierung elf Bordelle und Bars hochgehen. 47 Chinesinnen wurden daraufhin des Landes verwiesen. Die Tatsache, dass es sich um ausländische Bordelle handelt, macht es für die Regierung sehr einfach. Im Gerangel um Moral und Macht wird das Problem der Unterdrückung der Frau einfach auf den ungünstigen Einfluss aus dem Ausland geschoben. Die ungerechte Behandlung der afghanischen Frau durch afghanische Männer ist kein Thema mehr. Hauptsache, diese Chinesinnen werden abgeschoben.

 Aber die Aushebung der Bordelle war nichts weiter als eine Mogelpackung. Ein mir gut bekannter, junger afghanischer Kontaktmann – nennen wir ihn Fardoon – erzählte mir keine sieben Monate nach der Razzia, dass er nach wie vor die Bordelle der Chinesen aufsuche: „Im zehnten Distrikt, in Shar-i-Naw, sind die Restaurants noch immer geöffnet. Man hat einfach die Schilder abmontiert. Der Chef der örtlichen Polizei ist auch immer da, jeden Donnerstag. Es ist alles nur etwas versteckter als früher.“


 Die meisten Prostituierten in Kabul stammen aber nicht aus China, sondern aus Afghanistan. Es handelt sich oft um verzweifelte Afghaninnen, die unterbezahlten Regierungsjobs nachgehen. Von ihren Ehemännern unbemerkt, bieten sich diese immer noch mittellosen Frauen gelegentlich zur Prostitution an, um ihren erbärmlichen Lohn von 30 Dollar im Monat zu verdoppeln oder verdreifachen. Fardoon hat mindestens mit einer dieser Mittelschichtfrauen, die in den Büros der Regierungsbehörden arbeiten, regelmäßig bezahlten Geschlechtsverkehr. „Durch die Mobiltelefone ist vieles einfacher geworden“, erklärt ein afghanischer Chauffeur. „Die Frau, zu der ich regelmäßig gehe, hat höchstens zwei oder drei weitere Männer. Für eine Stunde mit ihr im Hinterzimmer eines Ladens zahle ich ihr das, was sie sonst als Monatsgehalt bekommt.“ Ein Freund, der für einen großen westlichen Geheimdienst arbeitet und Zugang zu den höheren Regierungskreisen, sagt mir: „Die China-Bordelle zu schließen war ein Witz. Das allergrößte Bordell ist der Regierungspalast selbst. Mindestens die Hälfte aller Frauen, die für den Präsidenten arbeiten, sind Prostituierte.“ Fardoon hat noch ein paar andere Geschichten auf Lager. Er erzählt, wie er mit einem Freund aus Kandahar – „der eigentlich mehr auf Jungs steht“ – einmal eine Studentin in Burka auf der Straße aufgelesen haben. „Die hat sich so komisch bewegt. Wackelte mit einem Bein. Also haben wir angehalten“, erklärt er. Die beiden erkannten die seltsamen Bewegungen als Zeichen für Käuflichkeit. Sie nahmen sie mit und schlugen ihr vor, irgendwo in Kandahar in einem Zimmer dem Liebesgeschäft nachzugehen. Die Studentin war einverstanden, sagte aber, die Männer dürften sie nur von hinten nehmen. Mit anderen Worten: Um ihre Jungfräulichkeit zu bewahren, war sie ausschließlich zum Analverkehr bereit. Was darauf folgte, war mehr als brutal. Die junge Frau wurde schlimm missbraucht. „Sie hat geblutet. Und wir haben gelacht“, sagte Fardoon. „Sie konnte kaum noch laufen.“ Fardoon ist drogenabhängig und hat sich dadurch auf das Arrangieren von Interviewterminen mit Guerillas, Schmugglern und zwielichtigen Warlords spezialisiert. Deren nihilistische Weltsicht teilt er in groben Zügen. Was die beiden mit der Frau getan haben, war eine Vergewaltigung. Auch wenn sie ihr Geld bezahlt haben, ihre Würde und ihre Gesundheit waren den beiden egal. Warum haben sie aber ihre Jungfräulichkeit respektiert? „Für den richtigen Geschlechtsverkehr muss man heiraten. Ansonsten bringt dich ihre Familie am Ende noch um. Oder deine eigene“, so Fardoons Antwort. 


 In Afghanistan zählt die Unberührtheit der Frau. Ihre Unbeflecktheit steht stellvertretend für die Achtung und Würde der Männer, mit denen sie verwandt ist. Eine jungfräuliche Tochter ist gewissermaßen ein Symbol für die sie beschützende väterliche Macht. Sie bildet seinen Status. Der Kult ihrer Jungfräulichkeit bindet die Frau allerdings an ein selbstauferlegtes Schweigegelübde, was eine Vergewaltigung betrifft. Aus Angst vor eigener Bestrafung wird sie dieses an ihr verübte Verbrechen nie melden. Die Purdah und der Kult um die Jungfräulichkeit sind eigentlich zum Schutz der Frau erdacht worden. Jetzt scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Die Schande, die mit außerehelichem Geschlechtsverkehr verbunden ist, ist der Grund, weshalb Frauen ihr Stillschweigen bewahren. 


 Während einer Autofahrt erzählte Fardoon die Geschichte der Vergewaltigung einer Frau aus dem Stamm der Hasara, einer ethnischen Minderheit, die mehrheitlich aus Schiiten besteht, während der Hauptanteil der afghanischen Bevölkerung sunnitisch ist. Die Frau arbeitete in einem Gasthaus, das er verwaltet hatte. „Ich hatte ziemlich getrunken. Ich führte sie in eines der Zimmer und sagte zu ihr: Ich bin so besoffen, dass ich jetzt unbedingt Sex mit dir haben will. Sie lehnte ab. Also habe ich sie gezwungen. Am nächsten Tag wollte ich mich bei ihr entschuldigen. Sie bat mich inständig, niemandem von dem Vorfall zu erzählen.“ Er berichtet ohne Reue oder schlechtes Gewissen. Man kann Fardoons Gleichgültigkeit als Produkt des blutrünstigen Bürgerkriegs in den 1990er Jahren sehen. Er wuchs in einer Zeit auf, als bei den Mudjaheddins, den islamischen Untergrundkämpfern, Massenmorde und Vergewaltigungen an der Tagesordnung waren.


 Durch den Krieg sind in Afghanistan auch seltsam gleichberechtigte Freiräume entstanden, zumindest für die Mitglieder der städtischen Mittelschicht. „Das erste Mal, dass ich mit einer älteren Frau was hatte, war, als ich am Englischen Institut als Lehrer angestellt war“, erzählt mein Freund Nawab (Name geändert). Eine seiner Eroberungen war eine Nachbarstochter: „Ich bin für sie über die Dächer gegangen. Wir trafen uns in ihrem Zimmer, und immer, wenn wir miteinander geschlafen haben, musste ich ein Kopftuch übers Gesicht ziehen. Zur Sicherheit, damit ihr Vater mich nicht erkennt, sollte er uns einmal erwischen.“


 Mit der Geschlechterpolitik sieht es in Afghanistan sehr finster aus. Kurz nach meiner Abreise hörte ich von zwei Auftragskillern, die die Bezirksvorsitzende des afghanischen Frauenministeriums in Kandahar, Safia Ahmed-jan, von einem Motorrad aus erschossen haben. In den Augen der ungebildeten Taliban-Kämpfer, die sie umbrachten, war Safia Ahmed-jan Teil einer Invasion aus dem Ausland, die sich gegen den Islam richtet. Tatsächlich arbeitete sie für die Befreiung der Frau. Leider ist auch diese Geschichte ein Beispiel dafür, dass Geschlechterpolitik beim Körper anfängt und auch aufhört. Der Frauenkörper ist Schlachtanlass und Schlachtfeld, ist Schauplatz der Kämpfe und der ideologischen Auseinandersetzungen zugleich. In einem erbitterten Krieg, der von Männern geführt wird.
 

Aus dem Englischen von René Hamann



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