„Ich suchte die Abgeschiedenheit“

ein Interview mit Ernesto Cardenal

Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Ausgabe II/2014)


Herr Cardenal, 1966 haben Sie eine christliche Kommune auf der Insel Mancarrón im Nicaraguasee gegründet. Wie kamen Sie darauf?

Ich hatte eigentlich überhaupt nicht vor, eine christliche Gemeinschaft auf einer Insel zu gründen. Ich lebte damals in einem Trappistenkloster in den USA das kontemplative Leben eines Mönches. Mein Novizenmeister war der berühmte Mönch und Schriftsteller Thomas Merton. Als ich den Orden aus gesundheitlichen Gründen verlassen musste, gab er mir den Rat, in keinen anderen Orden einzutreten, sondern eine unabhängige vita contemplativa, ein in Betrachtung versunkenes Leben, in meiner Heimat zu führen – in Begleitung anderer Menschen, um nicht allein leben zu müssen.

Sie wählten das Solentiname-Archipel als Ort für Ihre Gemeinschaft. Kannten Sie die Inseln damals schon?

Ich liebte den Nicaraguasee, an dessen Ufern ich geboren wurde. Als ich das Kloster verlassen musste, dachte ich sofort: Unsere Gemeinschaft soll dort entstehen. Der See ist der zweit- oder drittgrößte Süßwassersee der Welt, das Solentiname-Archipel liegt im äußersten Süden in der Nähe der Grenze zu Costa Rica, und niemand kannte es. Niemand außer seinen Bewohnern. Aber einer meiner Brüder hatte ein Sportfischerboot und kam auf seinen Touren einmal an Solentiname vorbei. Er schlug mir den Ort vor, wegen des fruchtbaren Bodens, des guten Klimas und des Umstands, dass die Inseln bewohnt waren.

Wie sieht es dort aus?

Die Inseln sind von besonderer Schönheit, der größte Teil ist bedeckt von einer dichten tropischen Vegetation, die sich im Wasser spiegelt. Es gibt Leguane, Schildkröten, Boas, Kaimane, Hirsche, Gürteltiere, auch eine kleine Affenkolonie und eine unglaubliche Vielfalt von Vögeln. Im 19. Jahrhundert wurden die Inseln von einem Stamm der Guatuso-Indios  bewohnt, aber aus unbekannten Gründen verließen sie das Archipel und zogen nach Costa Rica. Danach wurden die Inseln nach und nach von mestizischen Kleinbauern besiedelt, die aus verschiedenen Teilen des Landes stammten.

Inseln verbindet man oft mit Idylle – gab es auch Schwierigkeiten, mit denen Sie damals zu kämpfen hatten?

Solentiname liegt fern des öffentlichen Verkehrsnetzes. Wenn man in die nächste Stadt, nach San Carlos, gelangen wollte, musste man sieben Stunden hin- und sieben Stunden zurückrudern. Im ganzen Archipel gab es nur ein einziges Boot mit Außenbordmotor, aber der hatte nur zwanzig PS. Doch es war genau diese Abgeschiedenheit, die ich suchte.

Wie war Ihre Gemeinschaft auf Solentiname organisiert?

Ursprünglich wollte ich dem Modell des Klosterlebens folgen, aber da sich mir niemand mit einer Berufung für das Klosterleben anschloss, musste ich diese Idee aufgeben. Unsere Gemeinschaft war ziemlich gemischt und die, die zu ihr gehörten, taten dies auch unterschiedlichen Beweggründen. Am Anfang hatte ich nur zwei jüngere Kolumbianer als Partner, Carlos Alberto und William, die dasselbe Priesterseminar wie ich in Kolumbien besucht hatten. Beide waren sehr religiös, aber erst entschied sich der eine, dann der andere, dass sie nicht für das Zölibat berufen waren. Die zwei verließen die Gemeinschaft, aber William kam bald mit seiner Frau zurück, um sich uns mit ihr und später mit seinen Kindern anzuschließen.

Wie haben die Menschen auf Ihre Gemeinschaft reagiert?

Von Anfang an kamen immer viele Besucher zu uns. Aus Nicaragua, aber auch aus vielen anderen Ländern. Auch eine Handvoll junger Bauern von der Insel kamen und baten, Teil unserer Gemeinschaft sein zu dürfen, und ich erlaubte es ihnen, obwohl sie sich nicht zu Mönchen berufen fühlten. Das Leben in Gemeinschaft und der Umstand, dass wir unser Eigentum teilten, zog sie an. Ich erinnerte mich an den Rat, den mir Merton mit auf den Weg gegeben hatte: dass die einzige Regel, an die wir uns halten sollten, die sei, dass es keine Regeln gäbe. Deshalb war unsere Gemeinschaft so flexibel und veränderte sich mit der Zeit und den Menschen, die zu ihr gehörten.

Wie kam es, dass auf Solentiname eine Schule naiver Malerei entstand?

Am Anfang dachte ich, wir könnten von landwirtschaftlicher Arbeit leben. Aber das war ein Irrtum. Die Kleinbauern auf den Inseln arbeiteten mehr und viel besser, als wir es jemals gekonnt hätten – und lebten trotzdem in extremer Armut. Eines Tages traf ich einen Bauern, der lustige Figuren, etwa eine Gitarre spielende Sirene, in eine Kalebasse geschnitzt hatte. Ich gab ihm Buntstifte und Papier, weil ich dachte, vielleicht fällt es ihm leichter zu zeichnen als mit einem Messer zu schnitzen. Er fertigte einige sehr schöne naive Zeichnungen an, später gaben wir ihm Ölfarben, Pinsel und Leinwand. Andere Bauern fingen auch an zu malen. Die Bilder fanden in Nicaraguas Hauptstadt Managua schnell ihre Abnehmer. So entstand die naive Malerei auf Solentiname und wir entdeckten, dass unser Schlüssel zum Überleben im Kunsthandwerk lag.

In den 1970er-Jahren herrschte in Nicaragua der Diktator Samozo. Wie reagierte sein Regime auf das Projekt?

Im Lauf der Zeit wurde unser Leben auf Solentiname immer unsicherer. Einige der jungen Mitglieder der Gemeinschaft wollten sich der Guerilla anschließen, die Somoza bekämpfte. Würden sie das tun, dachte ich, würde alles, was wir aufgebaut hatten, scheitern. Etwas später bekam ich eine Nachricht von den Aufständischen, der Frente ­Sandinista, dass sie einen Guerillaangriff in unserer Gegend planten und wünschten, dass wir daran teilnähmen. Mehrere der jungen Männer und auch ein paar Frauen beteiligten sich. Der Angriff hatte Erfolg, doch weil es keine Unterstützung gab, mussten sich die Sandinisten nach Costa Rica zurückziehen. Auch ich musste 1977 ins Exil nach Costa Rica. Das Heer von Somoza rächte sich und zerstörte unsere Häuser auf Solentiname. Zwei unserer jungen Mitglieder wurden gefangen genommen und getötet. Die anderen schlossen sich den Sandinisten an, so auch ich.

Nach dem Sieg der Sandinisten 1979 wurden Sie Kulturminister. Kehrten Sie nach Solentiname zurück?

Ja. Wir haben unsere zerstörten Anlagen wieder aufgebaut, aber es machte keinen Sinn, die Gemeinschaft wiederaufleben zu lassen. Einige von uns nahmen inzwischen Posten in der Regierung ein und die, die in der Guerilla gekämpft hatten, machten eine Laufbahn im Revolutionsheer.

Wie sehen die Inseln heute aus?

Heute gibt es eine Stiftung, die sich auf Solentiname engagiert. Einer kleinen Gruppe der Inselbewohner konnten so Land und Wohnraum gegeben werden. Es gibt ein Ärztezentrum, einen Sportplatz und acht Schulen. Es gibt Hotels und Pensionen, auch dort, wo früher unsere Gemeinschaft war; auch ich habe noch ein Häuschen da. Es gibt außerdem einen täglichen Fährverkehr zwischen Solentiname und San Carlos. Und es wird weiter viel gemalt und Kunsthandwerk hergestellt.

Was würden Sie mit Ihrem heutigen Wissen anders machen? Würden Sie noch einmal nach Solentiname fahren und eine Kommune gründen?

Als ich die Gemeinschaft auf Solentiname ins Leben rief, hatte ich kein besonderes Ziel. Ich wol­lte dort kein soziales Werk vollbringen. Ich wollte nur mit ein paar anderen Menschen an einem abgeschiedenen Ort ein kontemplatives Leben führen. Das ist mir auf eine gewisse Weise auch gelungen. Ich wollte aber auch eine kontemplative Gemeinschaft gründen, und das gelang mir nicht. In den zwölfeinhalb Jahren, die ich auf Solentiname war, kam keiner zu mir, der sich zu einem Klosterleben berufen fühlte. Dennoch empfinde ich die Bewusstseinsbildung, die es dort gab, als unseren größten Erfolg: dass wir in dieser Gemeinschaft gemeinsam zu Revolutionären wurden und eine Rolle in der Revolution in Nicaragua spielen konnten.

War es ein utopisches Projekt?

Es war sicher ein utopisches Projekt, aber ich denke, Utopien sind notwendig, man muss sie in Betracht ziehen, so wie man das Evangelium in Betracht zieht als eine Utopie, nicht im Sinne von etwas Irrealem, sondern im Sinne von etwas Realisierbarem. Eine Utopie muss aber nicht notwendigerweise auf einer Insel verwirklicht werden.

Das Interview führte Timo Berger



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