Land im Meer

von Mansura Eseddin

Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten (Ausgabe II/2014)


Sindbad der Seefahrer gelangte auf einer seiner ersten Seereisen zu einer schönen Insel. So zumindest glaubten die Reisenden, die sich dort ein wenig erholen wollten. Als sie jedoch ein Feuer entzündeten, begann sich die vermeintliche Insel zu regen, denn in Wahrheit handelte es sich um einen riesigen schlafenden Wal. In aller Eile kehrten die Seefahrer auf ihr Schiff zurück, doch einige von ihnen ertranken im Meer.

Im Zeitalter des Treibhauseffekts und der zahllosen Umweltprobleme scheint es, als hätten die meisten Inseln der Erde heutzutage Ähnlichkeit mit jener Walfischinsel. So wie von ihnen eine gewisse Gefahr ausgeht, sind sie selbst vom Untergang bedroht. Stellen wir uns einmal vor, wie viele Inseln in den nächsten Jahrzehnten verschwinden könnten, sollten sich die Vorhersagen über den Anstieg des Meeresspiegels bewahrheiten! Andererseits regen Inseln - unabhängig von derartigen alptraumhaften Vorstellungen - weiterhin die Fantasie des Menschen an. Inseln werden in der Vorstellungskraft als mögliches Paradies gesehen, als sicherer Hafen weit fort vom Stress des Alltags mit seinem schnellen Rhythmus. Aber es ist ein trügerisches Paradies, das auch einige Elemente der Hölle in sich trägt.

In diesem Zusammenhang fällt mir jene Insel ein, die mich von Weitem stets mit ihrer vermeintlichen Schönheit blendete, bis ich eines Tages mit eigenen Augen sah, welche Hässlichkeit sich tatsächlich hinter dieser Schönheit verbarg: die kleine Nilinsel Dahab. Dahab liegt mitten im Nil gegenüber dem gehobenen Kairoer Stadtviertel Maadi. Wer von einem der beiden Flussufer hinüberschaut, ist hingerissen von den Palmen und der Vegetation und fragt sich verwundert, wie dieses ländliche Idyll sich unbeeinträchtigt von den beiden Stadtteilen östlich und westlich des Nils erhalten konnte. Denn Dahab mutet von Weitem an wie unverfälschte Natur, wie ein von Menschenhand unberührtes Paradies, in dem die Bewohner vom Ackerbau, von Fischfang und der Nutztierhaltung leben, und in das sich Künstler auf der Flucht vor dem Alltagslärm zur Besinnung zurückziehen.

Wer jedoch in die ganz eigene Welt der Insel eindringt, entdeckt, dass dieses vorgebliche Paradies gleichzeitig etwas von einer Hölle hat: Es gibt auf der ganzen Insel kein Krankenhaus, keine Schule, keine Polizeistation. Nicht einmal eine Kanalisation gibt es! Und um ihre Insel zu erreichen, sind die Bewohner auf eine morsche Holzfähre angewiesen. Kurz gesagt, Dahab wurde extrem vernachlässigt und es mangelt den dort lebenden Menschen an der grundlegenden Infrastruktur. Zudem sind sie sehr arm und die Analphabetenquote beträgt neunzig Prozent.

Kein Wunder, dass die Menschen sich immer wieder darüber beklagten, dass ihre Insel auf der ägyptischen Landkarte gar nicht vorhanden zu sein scheint. Die Klagen sind keineswegs übertrieben. Die schmerzhafte Isolation Dahabs und der offenkundige Kontrast zu den auf den Nil blickenden Nachbarvierteln beidseits des anderen Ufers erwecken den Eindruck, als schwebte die Insel außerhalb von Raum und Zeit. Abgeschnitten von der sie umgebenden Stadt scheint sie wie verloren in einem längst vergangenen Zeitalter an einem unsichtbaren Ort zu liegen. Doch auch wenn diese kleine Nilinsel vielleicht nicht als Maßstab für die großen Inseln der Weltmeere herhalten kann, so hat sie doch einige Merkmale auf, die auf das Wesen von Inseln an sich verweisen.

Damit ist ihre Fähigkeit gemeint, Widersprüche in sich zu vereinen und gleichzeitig Hölle und ersehntes Paradies zu sein. Denn ihre Abgeschiedenheit, ihre Ruhe und die Schönheit ihrer Strände und ihre zauberhafte Natur sind gleichzeitig verknüpft mit einer Isolation von der Außenwelt und mit einem Mangel an natürlichen Ressourcen. Die blaue ungetrübte Weite, die die Inseln umgibt und die unser Bild von ihnen noch schöner macht, stellt gleichzeitig eine natürliche unabdingliche Barriere dar, die die Inselbewohner seit jeher bezwingen und überlisten wollen. Diese Widersprüche in der Vorstellung von Inseln ergab sich auch bei einer eilig durchgeführten Umfrage unter Freunden.

Auf die Frage, was sie mit dem Wort "Insel" assoziieren, antworteten sie auf erstaunlich ähnliche Weise und konzentrierten sich meist auf den Dualismus von Paradies und Hölle: Zufluchtsort, Abkehr vom täglichen Stress, Isolation, Paradies, Robinson Crusoe, Hawaii, Entspannung, Urlaub, Einsamkeit, Angst, Gefängnis. Allerdings waren jene, für die sich Inseln als Paradies darstellten, deutlich in der Überzahl gegenüber jenen, die mit dem Wort "Insel" Angst, Einsamkeit und Gefängnis verbanden.

In der arabischen Sprache verweist die Wurzel des Wortes "Insel" ("Dschasîra") interessanterweise auf eine gewisse Verletzlichkeit und Unbeständigkeit und auf das außergewöhnliche Wesen von Inseln hin. So heißt es etwa im Wörterbuch "Lisan al-Arab": "Die Insel ist ein Stück Land, von dem sich die Flut zurückgezogen hat. Die Insel ist Land im Meer, das das Wasser des Meeres hergegeben hat, sodass es sichtbar ist. Oder auch ein Stück Land, das nicht von Wasser bedeckt und von dem es umschlossen ist. Die Insel wurde so genannt, weil sie vom Festland abgetrennt ist."

Dieser Erklärung nach könnte man meinen, dass Inseln eigentlich von Wasser bedeckt und nur sichtbar sind, wenn das Wasser sich von ihnen zurückzieht; als sei die Trennung vom Festland ihr hauptsächliches Wesensmerkmal. Aber trägt die Trennung vom Festland nicht gleichfalls einen Widerspruch in sich? Die Antwort liefert uns die Geschichte Europas, in der das Mittelmeer das Zentrum und die Heimat für viele Kulturen war. Denn wie oft spielten die Inseln wie Sizilien, Sardinien, Zypern und andere eine wichtige Rolle als kulturelle Knotenpunkte für die unterschiedlichen Zivilisationen. Gleichzeitig konkurrierten die militärischen Mächte um die Inseln, um ihren Einfluss außerhalb ihrer Territorien auszuweiten.

Bisher haben wir Inseln nur innerhalb der engen geografischen Definition betrachtet. Aber wie wäre es, einmal die Perspektive zu verändern? Unser blauer Planet ist zu zwei Dritteln von Wasser bedeckt und alles Festland vom Meer umgeben. Aus dieser Perspektive besteht das Festland aus nichts weiter als aus riesigen Inseln, in denen wiederum kleinere Inseln enthalten sind. In meiner Kindheit schlug ich gerne die Weltkarte auf und betrachtete die großen blauen Flächen, die wir Meere und Ozeane nennen. Beim Anblick der von Wasser umgebenen Kontinente überkam mich das Gefühl, dass es einem Wunder gleichkomme, dass die Ozeane sich nicht über das Festland ausweiten und es verschlingen. Das Gefühl verstärkte sich noch, wenn ich die kleinen Inseln betrachtete, die die Weltkarte verzierten und ihr einen ganz besonderen Zauber verliehen.

Vielleicht setzte sich deshalb seit meiner Kindheit die Vorstellung in mir fest, dass Inseln auch eine gewisse Verletzlichkeit und ein Gefühl von Unsicherheit widerspiegeln. Denn trotz der Schönheit, die die Vorstellung von der Existenz eines kleinen Stückchens Festland inmitten des weiten Ozeans in sich trägt, fühlen und wissen wir, dass ihr auch eine bestimmte Gefahr innewohnt, und sei sie auch nur eingebildet.

Aus dem Arabischen von Larissa Bender



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