Aufgezwungene Bildung

Alfred Otieno

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Meine Familie lebt polygam, mein Vater hat vier Frauen. Wir sind Christen, aber Polygamie ist bei uns akzeptiert und weit verbreitet. Sogar die Vertreter verschiedener Provinzen im Parlament leben polygam. Ich habe nur eine Freundin und sie ist mir sehr wichtig, sie mag diese polygamen Strukturen auch gar nicht. In unserer Beziehung möchte ich zeigen, dass es möglich ist, eine harmonische und glückliche Familie zu gründen. Ich bin das älteste von zehn Kindern. Wir kommen zu Hause sehr gut miteinander aus, auch die Stiefgeschwister. 


2006 wurde ich zum Premierminister des Kinderparlaments gewählt, ich leite das Kabinett und bin der Pressesprecher. 2005 wurde das Kinderparlament an meiner Schule vorgestellt, das hat mich sofort sehr interessiert. In Afrika glaubt man, dass Lebenserfahrung Weisheit bringt, und so werden die für Jugendliche wichtigen Entscheidungen von den Älteren getroffen. Diese Kultur hemmt die Jugend. Deshalb wurde unser Parlament gegründet, um Jugendliche an Verantwortung heranzuführen. 


Bildung wird von den meisten jungen Afrikanern nicht besonders geschätzt – weil sie ihnen aufgezwungen wird. Wir wissen zwar, dass Bildung wichtig ist, um einen Arbeitsplatz zu bekommen, aber sie hilft kaum bei der Entwicklung individueller Fähigkeiten. Unser Bildungssystem war dazu da, Abhängigkeiten zu schaffen. Früher wurden wir nur zu Arbeitern ausgebildet, die den Kolonialherren dienen konnten. Das muss sich ändern, denn die Bildungssysteme der USA und Europas sind unserem überlegen. Auch wenn der technische Fortschritt ein Gewinn für die Menschheit darstellt, glaube ich, dass unsere Gesellschaft Gefahr läuft, durch den Einfluss der Technologie an sozialen und ethischen Werten zu verlieren. Das moderne Leben bevorzugt die individuelle Entwicklung. Das geht auf Kosten von Teamwork und gemeinschaftlicher Entwicklung. Das sind Werte, die in Afrika bislang wichtiger waren. 


Ich fürchte, dass die Weltbevölkerung nicht durch gute Familienplanung, sondern durch Krankheiten und Epidemien schrumpfen wird. Auch fürchte ich, dass die Armut eine neue Stufe erreicht. Der Klimawandel wird zu Umweltkatastrophen führen, wodurch die Lebensmittelknappheit noch zunehmen wird und die Kosten für die Rettung der Umwelt noch weiter steigen werden. Wenn gegen diese Probleme aber schnell etwas unternommen wird, bin ich doch optimistisch. Schon jetzt schätze ich an der Welt die technischen, politischen und sozialen Fortschritte. Auch die Wahl von Barack Obama bedeutet mir sehr viel. Sie hat den Glauben an eine neue Richtung für die ganze Welt gestärkt. Die Globalisierung hat aus der Welt einen Marktplatz gemacht. Für Afrika ist es wichtig, seine Güter und Dienstleistungen der Welt anzubieten. Das ist eine gute Entwicklung. Nicht einverstanden bin ich mit denen, denen die Globalisierung nur zum eigenen Profit dient.


Die politischen Entwicklungen in Afrika sehe ich sehr positiv. Die kleinen Schritte des Kontinents hin zur Demokratie begrüße ich. Ich glaube, dass die Marginalisierten dieser Welt in 50 Jahren ihre Situation erkannt haben werden und dann alles dafür tun, die Probleme zu lösen, die sie davon abhalten, vollwertig und gleichberechtigt zu sein. Dafür möchte ich meinen Beitrag leisten. Ich möchte selbstlos dem Wohl der Gemeinheit dienen, ich möchte vorn dabei sein, wenn es gilt, Afrika von den politischen, ökonomischen und sozialen Fesseln zu befreien, die dem Kontinent auferlegt sind. Ich möchte später als internationaler Berater arbeiten und Beispiele geben, wie die Welt zu einem besseren Ort gemacht werden kann. Von der gegenwärtigen Regierung des Kontinents können wir lernen, was zu tun ist. Das macht es für uns einfacher, wenn wir einmal den Kontinent führen. 


Das Internet ist für mich eine der größten Erfindungen. Richtig genutzt, kann es sehr hilfreich sein. Ich recherchiere im Netz und kann meine Freunde im In- und Ausland schneller und billiger kontaktieren. Aber es gibt natürlich viele, die das Internet zum Herunterladen von Pornografie nutzen. Dadurch nehmen sie Schaden, besonders, was ihre Werte und die positive Teilnahme am Weltgeschehen betrifft.

Protokolliert von Steve Mbogo 


Aus dem Englischen von René Hamann



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