Leben ist was für Amateure

von Eckart von Hirschhausen

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Früher wurden Menschen maximal 34 Jahre alt. Da hatte man mit 17 Pubertät und Midlifecrisis gleichzeitig. Heute werden wir 77 und eine gähnende Lücke tut sich auf: zwischen Schülerausweis und Seniorenpass – wofür bekomme ich jetzt Ermäßigung?

Zu Goethes Zeiten lebten die Menschen nur halb so lang wie wir heute, und trotzdem hatten die irgendwie mehr Zeit als wir, oder? Mit 17 hatte ich noch Zeit. Machte mich mit einem Interrail-Ticket auf, die Welt zu erobern. Ich war Hobbyzauberkünstler und zog durch Europa. Deutschland ist für Straßenauftritte denkbar ungeeignet. Deutsche wollen immer irgendwohin und bleiben ungern stehen. Die Städtebauer haben nach dem Krieg systematisch alle Plätze kaputt geplant, auf denen man sinnfrei flanieren kann. Eine italienische Piazza ist um 20 Uhr etwas anderes als eine deutsche Einkaufspassage. Vor der Berliner Gedächtniskirche brüllst du gegen die Autos an und in Frankfurt vor der Alten Oper abends pantomimst du dich ins Nichts. In Italien geht man abends weg. Hin und weg. Hin und her.

Egal. Und wenn da ein Zauberer steht, bleibt man stehen, und gibt auch etwas in seinen Hut. Siena, Perugia, Verona waren schnell meine Lieblingsstädte. Und wenn ich einen Hut voller 1.000-Lire-Scheine hatte, war ich unermesslich reich, schein-reich! Ich wusste, was ich dafür getan hatte und gab es aus, bis die Barschaft weg war, und dann trat ich wieder auf. Ich werde nie vergessen, wie ich mir eine Karte für ein Al-Jarreau-Konzert in der Arena di Verona mit dem selbst verdienten Geld kaufte, ich türmte die Scheine und Münzen vor der Theaterkasse auf, war sehr stolz, meine künstlerische Leistung gegen eine andere tauschen zu können, und erlebte eine grandiose musikalische Nacht unter Sternenhimmel.

Heute verdiene ich an einem Live-Abend mehr als damals in einem Monat, ich habe 2.000 Zuschauer und es ist überdacht – aber so glücklich wie damals bin ich … Quatsch! Jetzt mache ich die gleiche Verzerrung, über die ich mich heute in meinem Kabarettprogramm „Glücksbringer“ lustig mache: Wir meinen, früher wäre alles besser gewesen – und wir auch. So wie Weihnachten bei Hoppenstedts von Loriot im Desaster endet durch den Vergleich: „Früher war mehr Lametta!“

Wir verzerren grandios unsere Gefühle. Im Gedächtnis gespeichert werden nur Eckdaten der Eindrücke. Wie wir uns dabei gefühlt haben, wird nicht abgerufen, sondern neu hineininterpretiert. Wir ergänzen beim Erinnern die Gefühle von heute. Und halten die dann für echt. Genauso täuschen wir uns bei der Projektion in die Zukunft – wie wir uns fühlen werden, wenn wir etwas erreicht haben werden. Als Fünfjährige denken wir: Wenn ich in der Schule bin, geht das Leben los. Als 50-Jährige denken wir: Wenn ich pensioniert bin, geht das Leben los – und wenn ich vom Notarzt eine Diagnose bekomme, weiß ich, das Leben geht nicht mehr los, es ist schon losgegangen, ohne dass ich das merken wollte. Das Leben ist ein Geschenk – aber es wird nicht länger, wenn wir es nicht auspacken oder anpacken.
Randy Pausch, der amerikanische Computerwissenschaftler, der dieses Jahr an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb, hat seine letzte Vorlesung über den Wert von Kinderträumen gehalten. Seine unglaublich rührende, traurige und gleichzeitig witzige und tröstliche „last lecture“ hat mich schwer beeindruckt, es war eine große Lektion für uns alle. Verrate deine Kinderträume nicht! Den Tod vor Augen erinnerte er daran: Wenn wir sterben, bereuen wir am ärgsten nicht, was wir Falsches getan haben, sondern, was wir gar nicht getan haben!

Aber auch das wird inzwischen durch Listen wie „1.000 Dinge die du tun musst, bevor du stirbst“ zum Stress. Das Leben ist keine Pflichtveranstaltung! Es ist schon die Kür! Keine Probe, es ist Premiere! Live! Jeden Tag. Jetzt. In Farbe.

Der einzige Moment, in dem ich halbwegs weiß, wie es mir geht und ob ich glücklich oder unglücklich bin, ist jetzt. Aber da befinden wir uns so selten. Mental sind wir die meiste Zeit damit beschäftigt, über Dinge zu grübeln, die wir nicht ändern können, oder vor Dingen Angst zu haben, die wahrscheinlich nie eintreten. Die Dinge, die uns wirklich aus der Bahn werfen, an die haben wir meistens eh nicht gedacht.

Mit 17 dachte ich als Zauberkünstler, ich wäre für immer glücklich, würde ich einmal im Wintergarten in Berlin auftreten. Das war damals das Größte für mich. 10 Jahre später hatte ich es geschafft, hatte ein abgeschlossenes Medizinstudium, aber war meinem Hobby treu geblieben, war professioneller geworden und trat im Wintergarten auf – eine ganze Spielzeit lang. Und merkte nach den ersten Wochen: Das ewige Glück wollte sich nicht einstellen. Zum Glück! Sonst wäre ich da stehen geblieben und hätte nicht ein eigenes Genre zwischen medizinischer Aufklärung und Kabarett entwickelt. Wer sein Hobby zum Beruf macht, muss nie wieder arbeiten!
Um zu wissen, wie man sich später fühlt, ist der verlässlichste Rat: Frag Leute, die dir ähnlich sind, die diese Erfahrung schon gemacht haben. Frag Großeltern, Lehrer, Mentoren. Schau dir an, wo sie Falten haben – auf der Stirn oder um die Augen? Grübel- oder Lachfalten? Das ist der größte Wert des Älterwerdens – dazulernen, ohne zynisch zu werden. Und Wissen weitergeben. Jeder echte Profi ist Amateur – er liebt, was er tut. Profis bauten die Titanic, Amateure die Arche. Leben ist was für Amateure. Und Junggebliebene jeden Alters.

Subjektiv alt ist das eigene Alter plus sieben. Mit 17 kommt einem ein 24-Jähriger alt vor, und mit 70 wahrscheinlich ein 77-Jähriger. Ich weiß noch, wie unendlich alt mir mit 17 ein 40-Jähriger vorkam, und wie enttäuschend seine Geisteshaltung: Dieser ältere Freund erzählte, wie er sich als Jugendlicher vorstellte, die Welt zu umsegeln. Es kam nie dazu, aber segeln auf der Alster sei doch auch schön. Er versuchte es mir als innere Reife zu verkaufen – aber mit dem ungetrübten Blick meiner Jugend sah ich darin keinen Prozess zunehmender Weisheit, sondern abnehmender Energie, so wie beim Apfel auch Reife und Fäulnis eng aufeinanderfolgen können, wenn man das Ernten verpasst.

Mit 17 habe ich in Wackersdorf gegen die Atomenergie demonstriert, es war das Jahr von Tschernobyl. Mit 37 habe ich Vorträge gehalten vor führenden Managern der Energiewirtschaft. Der Gang durch die Institutionen kennt eine Abkürzung: Hofnarr! Als Komiker durfte ich den Managern unangenehme Wahrheiten sagen, sie lachten, dachten nach und ich wurde nicht geköpft, sondern bezahlt. Meinen eigenen Kopf musste ich dafür auch nicht abgeben – ich halte es immer noch für verantwortungslos, strahlende Abfälle zu produzieren, ohne zu wissen, was man damit machen kann. Und wenn Lager, die 100.000 Jahre halten sollen, nach 40 Jahren schon undicht und die Umweltpolitiker von damals ins Kanzleramt oder in der Versenkung verschwunden sind, wird klar, dass eine Spezies, deren Gehirn sich seit den letzten 40.000 Jahren Evolution nicht nennenswert weiterentwickelt hat, nicht etwas planen sollte, was über vier Jahre Legislaturperiode hinaus unkontrollierbar und unvorstellbar ist. Ein alter Spruch: Wer mit 17 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 37 immer noch Kommunist ist, hat keinen Verstand. Aber was, wenn 2009 sowohl der Kommunismus als auch der Kapitalismus den Bach runter sind? Wer darüber den Verstand nicht verliert, hat kein Herz!

Spätestens ab der Pubertät muss jeder Jugendliche ständig erklären, „was er mal werden will!“ Dazu gibt es eine Antwort: „Ich bin schon!“ Warum Erwachsene alle Jüngeren mit der Frage nach dem Berufswunsch nerven, ist doch klar: Die suchen händeringend nach guten Ideen für sich selbst!

Auch im Auswärtigen Amt zum Beispiel finden sich Menschen, die so auswärtig sind, dass sie zu sich selbst jeden inneren Kontakt verloren haben. Nicht alles, was man mit einem ernsten Gesicht tut, ist deshalb schon vernünftig. Dennoch laufen viele Menschen mit einem Gesicht durchs Leben, das nur Müssen kennt, als wäre das ganze Leben eine Strafe. Mit Mitte 30 sind die gefühlte 60, und aus Mitleid will man sie eigentlich schon jetzt in Rente schicken. Ich möchte denen am liebsten ein Schild auf ihren Schreibtisch stellen: „Ich weiß nicht mehr, was ich als Kind werden wollte, aber das hier war es sicher nicht!“

Viele Menschen glauben, Kindheit und Jugend wären Zeiten unbeschwerten Glücks, das Alter die Zeit der Tristesse. Die empirische Glücksforschung sagt ziemlich genau das, was auch ein jüdischer Witz sagt. Ein Rabbi, ein katholischer Priester und ein evangelischer Pfarrer diskutieren: Wann beginnt das Leben? Für den Katholiken ist klar: „Mit der Befruchtung der Eizelle!“ Der Protestant meint: „Mit der Einnistung der Eizelle.“ Der Rabbi lächelt müde und sagt: „Das Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot ist!“

Wenn man wissen will, wie viel ein Kind noch wächst, kann man an den Handknochen die Wachstumsfugen herausröntgen. Irgendwann sind die verknöchert und dann wachsen nur noch Ohren und Nase weiter, was die Gesichtsproportionen verschiebt in Richtung Prince Charles. Das Einzige, was ohne Volumenzunahme bis ins Alter wachsen kann, ist das Gehirn. Dummerweise nehmen die Menschen meistens am Bauch mehr zu als am Kopf, und das liegt nicht immer am Bauchhirn. Die Synapsen verknöchern vor sich hin, wenn ihnen der wichtigste Treibstoff zum Sprießen fehlt: Neugier! Neugier ist Denk-dünger, auf ausgetretenen Pfaden wachsen weder Gras noch Ideen. Aber was sagt man einem Kind, wenn es etwas wissen will? „Sei nicht so neugierig!“ Ab heute rufen Sie bitte jedem sumpfenden Jugendlichen vor der Glotze, dem Computer und im Einkaufszentrum zu: „Sei nicht so erwachsen!“ Und wenn er nicht reagiert – kitzeln!
Denn die nächste Generation soll es doch mal besser haben als wir. Warum eigentlich nur die?



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