Reisen in Uniform

von Benoît Sirugue

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Ich freue mich darauf, bald 18 zu werden. Dann werde ich den Führerschein machen, und das bedeutet Freiheit, wenn man auf dem Land wohnt. Ich werde auch wählen können, was mir sehr wichtig ist, denn Politik interessiert mich. Die politische Stimmung in Frankreich ist gegenwärtig sehr gespalten – zwischen einer Linken auf der Suche nach sich selbst und einer Rechten, die mit ihrem selbst gewählten Präsidenten unzufrieden ist. Meiner Meinung nach sitzt Sarkozy auf dem Schleudersitz. Aber so beunruhigend, dass ich mich konkret politisch engagieren müsste, finde ich die Lage nicht.

Manchmal schweige ich sogar lieber, als meine Meinung laut zu verkünden. Denn politisch stehe ich eher rechts. Das ist unter Jugendlichen sehr ungewöhnlich und deshalb kommt es immer zum Streit, wenn ich mich in Debatten äußere. Dass ich in Sachen Immigration zum Beispiel Nicolas Sarkozys Idee eines DNA-Tests bei der Familienzusammenführung für nicht ganz falsch halte, nehmen mir die meisten meiner Mitschüler übel. Ein paar denken aber doch so wie ich in meiner Schule, dem öffentlichen Gymnasium Stephen-Liégeard in Brochon, einem Dorf mit 700 Einwohnern nahe Dijon. Wir sind etwa 800 Schüler und unsere Schule ist in einem Schloss. Dort habe ich einige Freunde, mit denen ich am Wochenende gern koche und Filme schaue. Meine aktuelle Freundin ist selten dabei. Es ist auch nicht ganz klar, ob wir wirklich zusammen sind. Sie ändert jeden Tag ihre Meinung, so kompliziert ist sie. Ich glaube, das liegt daran, dass die Frauen mit der sexuellen Emanzipation nicht klarkommen.

Ich lerne sehr gern in meinem Gymnasium in Brochon. Um das Schloss gibt es einen wunderschönen acht Hektar großen Park. Das ist schon Luxus. Schade finde ich nur, dass die aus Chenôve immer unter sich bleiben. Chenôve ist ein sozial benachteiligter Vorort von Dijon. Früher gingen die Kinder aus Chenôve auf verschiedene Schulen in Dijon. Dort kam es oft zu Prügeleien mit den Kindern aus Grésille, einer ähnlichen Siedlung, also hat man die Chenôver nach Brochon geschickt. Es ist von Dijon ganz leicht mit dem Bus erreichbar. Die Konflikte sind vorbei, aber mit der Kommunikation hapert es noch. Es ist ein bisschen bedauerlich, denn manche Chenôver sind eigentlich total nett. Man könnte meinen, dass es an sozialen Unterschieden zwischen den Schülern liegt. Es stimmt schon, dass manche von uns in wohlhabenden Familien aufwachsen. Aber das betrifft nicht die Mehrheit. Armut gibt es auch auf dem Land.

Meine Eltern sind Weinbauern. Ihren Burgunder verkaufen sie in Frankreich, Belgien, Australien und sogar in den Vereinigten Staaten. Gerade öffnet sich außerdem der Markt in Richtung Asien. Nur die Geschäfte mit der Schweiz sind wegen des Euro lauer geworden. Mit Wein kenne ich mich ganz gut aus. Ich kann zwar noch nicht die Herkunft eines Weines allein am Geschmack erkennen, aber dessen Jahrgang schon. Obwohl ich meinen Eltern bei allen Stufen der Weinherstellung sehr gern helfe, möchte ich das Familiengeschäft nicht übernehmen. Das wird ohnehin Arnaud, mein großer Bruder, tun, der zurzeit in Dijon zusammen mit seiner Freundin wohnt. Mal sehen, welche Laufbahn mein achtjähriger kleiner Bruder einschlagen wird! Ich jedenfalls will Offizier in der Marineinfanterie werden. Schon als Kind hatte ich diesen Berufswunsch.

Ich freue mich auf die Uniform und die vielen Reisen. Ich habe zwar noch keine große Erfahrung mit Reisen im Ausland, ich bin lediglich einige Male über die italienische Grenze nach Korsika gefahren. Aber im letzten Sommer habe ich in Verdun mein erstes Praktikum bei der Armee gemacht. Ich habe an Orientierungsläufen teilgenommen und Typen kennengelernt, die ihren Beruf echt lieben. Sie haben von Friedenseinsätzen in Afrika erzählt und wie sie dort den Menschen halfen. Ihre Berichte haben mich total beeindruckt.

In der Schule ist mein Lieblingsfach Geschichte, denn wer die Vergangenheit kennt, lernt, dieselben Fehler nicht zu wiederholen. Ich habe leider bemerkt, dass man sich mit Kriegen oft deshalb beschäftigt, um künftige besser gewinnen zu können – um sie zu vermeiden, fände ich besser.

Protokolliert und aus dem Französischen übersetzt von Elise Graton



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