Der Roman meines Lebens

von Esther Freud

Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten (Ausgabe II/2013)


Als ich viereinhalb Jahre alt war, reiste ich mit meiner Mutter und meiner achtjährigen Schwester nach Marokko. Achtzehn Monate lang lebten wir in Marrakesch, machten aber auch viele Ausflüge in die Umgebung. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind sehr lebhaft - die Farben, die Kamele, die Kleidung der Menschen. Meine Schwester und ich liefen einfach frei auf dem Markt in Marrakesch herum und freundeten uns mit den Verkäufern an, ohne ständig beaufsichtigt zu werden. Die Leute waren nachsichtig und freundlich zu uns. Aber ich erinnere mich auch daran, dass ich mich auf dem dunklen, mit seinen Tänzern und Schlangenbeschwörern mittelalterlich anmutenden Platz im Zentrum von Marrakesch am Anfang manchmal ängstlich und fremd fühlte.

Zurück in England war alles sehr ruhig und einfarbig. Während das Leben in Marokko auf den Plätzen und Märkten stattfand, gingen die Menschen hier nach der Arbeit einfach in ihre Häuser und machten die Tür zu. Das ländliche Sussex, wo wir lebten, erschien mir im Vergleich mit Marrakesch sehr trist und konservativ. Ich hatte das Gefühl, dass ich die Abenteuer meiner Reise wie ein Geheimnis mit mir herumtrug, und war sehr unglücklich darüber. Erst viele Jahre später konnte ich meine Erfahrungen in meinem Roman "Marrakesch" verarbeiten.

Das war sehr befreiend für mich. Die Reisen meiner Kindheit haben mich nicht nur als Person stark geprägt. Durch sie wurde ich erst zur Autorin, denn sie gaben mir etwas, worüber ich schreiben wollte. Zum Glück ging man in der Waldorfschule, die ich in England besuchte, geduldig mit mir um, denn ich war sehr verträumt und lernte nur langsam. Lesen und Schreiben konnte ich erst mit zehn oder elf Jahren. Als endlich der Groschen gefallen war, dachte ich: Das ist alles? In meiner Schule wurde viel Wert darauf gelegt, etwas mit den Händen zu machen. Ich war in keinem Fach wirklich gut, aber ich liebte Handarbeit und war sehr geschickt im Weben, Stricken, Sticken und darin, kleine Tiere aus Filz herzustellen. Ich habe mich immer mehr dafür interessiert, selbst etwas herzustellen, als Gelerntes wiederzukäuen.

Deshalb beschloss ich schon früh, dass ich mit 16 die Schule verlassen würde, um eine Schauspielausbildung zu machen. Schon damals wollte ich Geschichten erschaffen. Eine Zeit lang besuchte ich eine renommierte Schauspielschule in London. Ich ging mit viel Selbstbewusstsein hinein und verließ sie nach nur einem Jahr völlig verunsichert. Meine Lehrer hatten gesagt, ich hätte nicht das Zeug zu einer erfolgreichen Schauspielerin, und mir nahegelegt, zu gehen. Trotzdem arbeitete ich die folgenden Jahre in dem Beruf, begann aber nebenbei, Kurse für kreatives Schreiben zu besuchen. Mit 26 traf ich dann eine Entscheidung, die mein Leben veränderte: Ich nahm mir vor, jeden Tag drei Stunden zu schreiben.

Am Ende eines Jahres war mein erster Roman fertig. Dass ich die Disziplin dafür aufbrachte, habe ich meiner Mutter Bernardine und meinem Vater, dem Maler Lucian Freud, zu verdanken, die in dieser Hinsicht gute Vorbilder waren. Mein Vater war als Kind aus Deutschland geflohen und wollte nie wieder dorthin zurück oder auch nur die deutsche Sprache hören. Er war richtig schockiert, als ich ihm mit zwölf erzählte, dass ich an einem dreimonatigen Schüleraustausch in Ulm teilnehmen würde. Von seinem berühmten Großvater Sigmund Freud wurde bei uns in der Familie nie gesprochen. Es wird Wert darauf gelegt, dass man selbst etwas leistet, anstatt sich mit den Verdiensten anderer zu schmücken. Als ich einmal mit meinem Vater unterwegs war, kam ein aufgeregter Mann auf uns zugelaufen, der sich mit starkem deutschen Akzent erkundigte, ob wir verwandt seien mit dem "großen Freud", "the great Freud". Und mein Vater fragte zurück: "the grapefruit?" Seitdem war Sigmund bei uns einfach die "grapefruit".

Protokolliert von Stephanie Kirchner



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