Wir nannten es Arbeit

von Guy Standing

Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten (Ausgabe II/2013)


Jedes Zeitalter hat bei der Definition dessen, was Arbeit ist und was nicht, seine eigenen Dummheiten begangen. Das 20. Jahrhundert war in dieser Hinsicht vielleicht das dümmste Zeitalter überhaupt. Ein großer Teil der von der Mehrzahl der Menschen geleisteten Arbeit wurde in den amtlichen Statistiken zum Arbeitsleben, in der Sozialpolitik und in politischen Reden ebenso ignoriert wie von der Mehrzahl der Sozialwissenschaftler. Arbeit, die mit der Fürsorge für andere Menschen verbunden war, wurde systematisch missachtet, sofern sie nicht mit einer Entlohnung verbunden war.

Der größte Teil der von Frauen geleisteten Arbeit wurde überhaupt nicht als Arbeit betrachtet. Schenkte man einem Chef Tee ein, galt das als Arbeit und wurde als "produktiv" angesehen, kümmerte man sich dagegen um das körperliche Wohlergehen gebrechlicher Verwandter, zählte das nicht als Arbeit und wurde auch nicht als produktiv bezeichnet. Dümmer kann man sich nicht verhalten - und ich sage das als Wirtschaftswissenschaftler. Die alten Griechen wussten in dieser Hinsicht besser zu unterscheiden und im 21. Jahrhundert sollten wir uns von ihren Begrifflichkeiten leiten lassen. Ihre Gesellschaft war zwar von Sklaverei und Sexismus geprägt, aber ihre vierteilige Definition von Arbeit leuchtet eher ein als die Fixierung des 20. Jahrhunderts auf die Erwerbsarbeit.

Für die Griechen bestand Arbeit aus anstrengenden körperlichen Tätigkeiten, die von Sklaven, Banausen (Handwerkern) und Metöken (ortsansässigen Fremden) verrichtet wurde, die weder Bürger- noch politische Rechte besaßen. Bürger leisteten keine körperliche Arbeit. Ihre Arbeit bestand aus Tätigkeiten, die mit Freunden und Verwandten im Haus verrichtet wurden als Teil der bürgerlichen Freundschaft, der "philia". Man könnte das als reproduktive Tätigkeit bezeichnen, zur Stärkung der sozialen Beziehungen und der Solidarität. Darüber hinaus blieben ihnen noch Erholung und Spiel. Das wichtigste Ziel für Bürger war jedoch eine Beteiligung an der "scholé", der freien Zeit. Diese entsprach jedoch nicht dem, was wir heute unter Freizeit verstehen, einer Mischung aus Spiel, Unterhaltung und Konsum. "Scholé" bedeutete Unterricht - Bildung als lebenslanges Lernen - und Teilnahme am politischen Leben der Polis.

In späteren Jahrhunderten wurde die Arbeit für Lohn oder Einkommen zur einzigen anerkannten Form von Arbeit. Sie war mit festen Zeiteinheiten verbunden, die an festen Arbeitsplätzen abzuleisten waren. Aber in unserer sich globalisierenden Wirtschaft haben wir uns vom Industriezeitalter gelöst, in dem es sinnvoll erschien, Leben und Arbeit festen Zeiteinheiten und genau beschreibbaren "Arbeitsplätzen" zuzuordnen. Heute richten wir uns in einer Gesellschaft ein, in der Arbeit und Lohnarbeit in alle Bereiche unserer Existenz drängen. Wir sind dabei, uns an instabile Arbeitsverhältnisse zu gewöhnen, an den schnellen Wechsel der Tätigkeiten, und wir verinnerlichen, dass wir in Unsicherheit leben. Wir verlieren die Kontrolle über das wertvolle Gut der Zeit. Die verschiedenen Arten von Arbeit und Lohnarbeit müssen vor allem anhand der sich herausbildenden weltweiten Klassenstruktur betrachtet werden. An der Spitze steht eine Plutokratie, eine kleine Zahl einflussreicher Milliardäre, die als Weltbürger auftreten.

Mit weitem Abstand folgen ihnen die Gehaltsempfänger, die langfristige Beschäftigungssicherheit und eine Reihe über das Gehalt hinausgehender Vergünstigungen genießen, zum Beispiel Betriebsrenten, bezahlten Urlaub und Lohnfortzahlung. Die Zahl der Gehaltsempfänger geht zurück und ihr Leben ist anstrengend, denn neben der Furcht vor dem Verlust der Beschäftigungssicherheit erleben sie, wie die Möglichkeiten für den sozialen Aufstieg abnehmen. Neben den Gehaltsempfängern gibt es eine wachsende Gruppe von Fachkräften, die ich mit dem englischen Begriff "proficians" bezeichne. Sie besteht aus qualifizierten Menschen mit nicht ortsgebundenen Fähigkeiten, auch Unternehmer sind hier einzuordnen. Die meisten von ihnen denken und leben in Projekten und streben keine langfristige Beschäftigungssicherheit an. Sie arbeiten intensiv - oft über 60 Wochenstunden, einschließlich der Wochenenden - und verdienen sehr gut. Die größte Bedrohung ist für sie ein Burnout in (relativ) jungen Jahren. Manche von ihnen reihen sich unter die Plutokraten oder Gehaltsempfänger ein; viele erleben einen Abstieg in eine niedrigere soziale Schicht.

Unter den Gehaltsempfängern und den Fachkräften steht einkommensmäßig die alte Arbeiterklasse, das Proletariat. Sein Anteil ist überall auf der Welt rückläufig. Es wird nicht völlig verschwinden, aber während der Wohlfahrtsstaat und die Arbeitsgesetze des 20. Jahrhunderts von dieser Klasse und für sie geschaffen wurden, kann sie heute dessen verbliebene Institutionen nicht mehr verteidigen. Nach und nach werden weitere Menschen aus dieser Gruppe in den nächsttieferen Bereich abgedrängt. Dort finden wir das Prekariat, das auf der ganzen Welt rasch anwächst. Es besteht aus Millionen von Menschen, die ohne irgendeine Art von Arbeitsplatzsicherheit leben und arbeiten. Aber der entscheidende Punkt besteht darin, dass die Angehörigen des Prekariats keine berufliche Identität oder Geschichte haben, die zu einem Teil ihrer Lebensgeschichte werden könnte. Sie wechseln von Job zu Job, unterbrochen von Zeiten der Arbeitslosigkeit und der Entlassung aus dem Kreis der Festangestellten. Ihr Einkommen ist gering und nicht stabil. Sie haben keinen festen Arbeitsplatz. Oft geht das auch mit ungesicherten Wohnverhältnissen einher.

Das Anwachsen des Prekariats ist für all diejenigen, die sich mit der Zukunft der Arbeit beschäftigen, das größte Problem. Zunächst einmal muss das Prekariat sehr viel Arbeit leisten, die gar nicht als Lohnarbeit anerkannt oder entlohnt wird. Hierzu gehört die Zeit, die für Networking, Weiterbildung, Arbeitssuche, Warten auf Gelegenheitsarbeit, Schlangestehen oder dem Ausfüllen der zahlreichen Formulare aufgewendet wird, die sich der Staat und potenzielle Arbeitgeber ausgedacht haben. Zweitens wird das Prekariat auf schmerzliche Weise an instabile Arbeitsverhältnisse gewöhnt, während sich das Proletariat im frühen Industriekapitalismus nach und nach in einem stabilen Arbeitsleben einrichtete. Drittens wird zum ersten Mal in der Geschichte von der sich herausbildenden Klasse erwartet, dass die mit ihrer Schul- und Berufsbildung verbundene Qualifikation über dem liegt, was sie für ihre Tätigkeit braucht.

Der Lebenslauf muss besser aussehen als das, was der Job mit sich bringt, wenn man sich eine realistische Chance auf eine Anstellung ausrechnen will. Das sorgt, vor allem unter jungen Leuten, die neu ins Arbeitsleben eintreten, für eine weitverbreitete Status-Frustration. Die Anstellungen sind zunehmend auf kurze Zeit befristet und führen nicht zu einer Laufbahn oder zu einer beruflichen oder handwerklich-fachlichen Identität. Es wird zwar weiterhin auch Menschen geben, denen es gelingt, durch die Entwicklung ihrer Fähigkeiten und ihres Status im Rahmen fortdauernder Beschäftigung Karriere zu machen, aber die Mehrheit wird ihre Tätigkeiten unter dem Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit betrachten müssen, nicht als Weg zum Glück oder zu einem sicheren Einkommen. Beides wird - wenn es denn so kommt - sich auf Wegen einstellen, die außerhalb der Arbeitswelt liegen.

Löhne und Sozialleistungen in den reichen Ländern liegen immer noch deutlich über dem, was in den sich entwickelnden Marktwirtschaften gezahlt wird, doch eine wachsende Zahl von Menschen gehört auch in den reichen Ländern zu den "Working Poor" ("armen Erwerbstätigen"), die von einem Einkommen leben müssen, das keinen angemessenen Lebensstandard ermöglicht. Die durchschnittlichen Reallöhne sind gesunken und werden weiter sinken. Die gängigen Modelle des Wohlfahrtsstaats stützten sich auf die Sozialversicherung, bei der verschiedene Risiken (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfälle am Arbeitsplatz und so weiter) bestimmten Wahrscheinlichkeiten einer ungünstigen Entwicklung zugeordnet wurden und die Ausgleichszahlungen über eine beitragsfinanzierte Sozialhilfe zu leisten waren. Das Prekariat hat es in einer sich globalisierenden Marktwirtschaft allerdings nicht mit versicherbaren Risiken zu tun, es kämpft vielmehr mit chronischer Unsicherheit.

Zudem bringt es die flexible offene Wirtschaft mit sich, dass die Kluft zwischen Löhnen und Gehältern und Einkommen aus Unternehmensgewinnen ständig größer wird, ebenso wie die Kluft zwischen Spitzengehältern und den Löhnen, die Arbeitenden aus dem Prekariat gezahlt werden. Diese Tatsachen zählen zu den Gründen, aus denen wir uns mit einem bedingungslosen Grundeinkommen vertraut machen sollten, das allen bei den Meldebehörden registrierten Bürgerinnen und Bürgern zusteht. Es ist finanzierbar und würde dafür sorgen, dass mehr Menschen besser über ihre Zeit und ihre Arbeit verfügen können. Wir müssen uns außerdem für unkonventionelle Arten der Finanzierung öffnen, einschließlich der Einrichtung unabhängiger Vermögensfonds oder nationaler Kapitalfonds nach dem Vorbild des Alaska Permanent Fund oder des Staatlichen Pensionsfonds in Norwegen, die staatliche Öleinnahmen verwalten und an die Bürger ausschütten beziehungsweise zu deren Wohle anlegen.

Wir sollten die zahlreichen rückläufigen Subventionen auslaufen lassen, die sich überall entwickelt haben, und den hohen Anteil am Nationaleinkommen, der bisher dafür ausgegeben wird, zugunsten eines bedingungslosen Grundeinkommens umwidmen. Die Schutzlosigkeit des Prekariats wird ohne eine solche Absicherung schreckliche Ausmaße annehmen. Man bedenke in dieser Hinsicht nur verschiedene Trends. Wir wissen um unbezahlte Praktika. Außerdem gibt es immer mehr "Null-Stunden-Verträge", bei denen die Beschäftigten einen sogenannten "Vollzeit"-Arbeitsvertrag erhalten, aber nur auf Abruf nach Bedarf, sodass sie nur für die Arbeitsstunden bezahlt werden, zu deren Ableistung man sie von Zeit zu Zeit einbestellt. Dann gibt es noch die Beschäftigten, die Teilzeitverträge erhalten, damit der Arbeitgeber Sozialleistungen spart, obwohl vom Arbeiter eine längere Arbeitszeit erwartet wird, als im Vertrag steht.

Und noch eine weitere Entwicklung müssen wir im Auge behalten. Sie ist ein folgerichtiger Ableger der Auslagerung von Arbeit aus den Unternehmen (Outsourcing) und ihrer Verlegung ins Ausland (Offshoring). Ein Teil davon spielt sich unter dem bezeichnenden Begriff "Cloud Working" ab. Die Anbieter stellen ihre in winzige Zeit- und Aufgabensplitter aufgegliederten Arbeitsaufträge online und Millionen Menschen in den im Internet vertretenen Netzwerken müssen um diese Jobs konkurrieren. Hier gibt es keine Arbeitsplätze, keine Arbeitsverträge, keine Arbeitssicherheit, keinen Mindestlohn, ja nicht einmal eine Zusicherung, dass die Auftragnehmer nach erbrachter Leistung auch bezahlt werden. Ein weiterer Trend wirkt potenziell befreiend, aber zugleich auch bedrohlich. Die billige Arbeitskraft in den sich entwickelnden Marktwirtschaften hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten die teurere Arbeitskraft in OECD-Ländern verdrängt. Im nächsten Jahrzehnt wird dann die Ersetzung billiger Arbeitskraft durch Computertechnik und Robotik folgen.

Multinationale Unternehmen experimentieren bereits mit Programmen wie dem von IPSoft entwickelten Eliza, das Anrufe entgegennehmen und E-Mails beantworten kann. Das Prekariat leidet unter dem Stress, der Ausbeutung und der Unsicherheit, die mit all diesen Entwicklungen verbunden sind. Seine Angehörigen werden als Bittsteller behandelt. Wir können dies an der Art ablesen, in der die Arbeitslosen als verantwortungslos, faul, abhängig und als Belastung dargestellt werden und nicht als Opfer einer schlecht funktionierenden Wirtschaft. Die sozialen Schutzsysteme in aller Welt werden so umgestaltet, dass sie dieser bösartigen Beschreibung der Armen als "Unwürdige" entsprechen. Arbeitslose werden gezwungen, eine schlecht bezahlte oder überhaupt nicht bezahlte Arbeit anzunehmen, wenn sie weiter Sozialhilfeleistungen erhalten wollen. Alles in allem sind Arbeit und Lohnarbeit grundlegenden Veränderungen unterworfen und unser sozia­les Schutzsystem muss sich darauf einstellen, jedem Menschen eine Grundsicherung anzubieten, wenn das kreative Potenzial der Gesellschaft ausgeschöpft werden soll. Wir müssen auf die alten Griechen zurückgreifen und die Menschen, die alle möglichen Arten von Arbeit verrichten, mit gleichen Rechten ausstatten, nicht nur diejenigen, die in festen Anstellungen Lohnarbeit leisten. Und wir müssen zu mehr Muße im griechischen Sinn auffordern, in Form von Teilhabe am öffentlichen Leben.

Wenn mit dem bedingungslosen Grundeinkommen eine einzige Bedingung verknüpft sein sollte, dann sollte die lauten: Es besteht eine moralische Verpflichtung, bei Wahlen seine Stimme abzugeben und pro Jahr an mindes­tens einer politischen Versammlung teilzunehmen, sofern der eigene Gesundheitszustand es zulässt.

Aus dem Englischen von Werner Roller



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