Lagerware

von Harry Wu

Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten (Ausgabe II/2013)


Als ich in den 1950er-Jahren zur Schule ging, wurde das alte feudalistische China in ein sozialistisches umgebaut. Überall wimmelte es von sowjetischen Experten, die dabei helfen sollten. Sie dirigierten auch die Errichtung sogenannter "Laogai camps"; "Laogai" bedeutet "Reform durch Arbeit". Diese Arbeitslager dienten der Inhaftierung politscher Gegner. "Konterrevolutionäre" wurden ohne Gerichtsverfahren dort eingesperrt und zu harter körperlicher Arbeit gezwungen. Sie mussten Staudämme errichten, Straßen bauen oder in abgelegenen Regionen auf den Feldern arbeiten. Jedes Arbeitslager hatte zwei Namen, einen Gefängnisnamen und einen Unternehmensnamen.

Das "Provinz-Nummer-5-Laogai" hieß zum Beispiel gleichzeitig auch "XY Farm", das "Nummer-2-Gefängnis der Stadt XY" war auch die "XY Maschinenfabrik". Die Inhaftierten waren in Fabriken oder Farmen eingebunden und mussten Gewinne erwirtschaften. Auch in den heutigen chinesischen Gefängnissen werden die verschiedensten Waren für den nationalen und internationalen Markt produziert. In den 1990er-Jahren beschloss die amerikanische Regierung, keine Waren mehr ins Land zu lassen, die ganz oder zum Teil von Gefangenen hergestellt wurden.

Die Kommunistische Partei sorgte daraufhin dafür, dass Produkte aus Arbeitslagern nur noch indirekt über zwischengeschaltete Unternehmen exportiert wurden. Anfang des neuen Milleniums verschwanden in China die Unternehmensnamen der Laogai camps und selbst das Wort "Laogai" wurde durch das Wort "Gefängnis" ersetzt. Dies geschah nach offiziellen Angaben, "um sich auf dem Gebiet der Menschennrechte besser wehren zu können". An der Zwangsarbeit selbst hat sich jedoch nichts geändert. Nach wie vor steigt der Export von Waren aus Gefängnisherstellung kontinuierlich. 19 Jahre lang hielt man auch mich in verschiedenen Arbeitslagern gefangen. Neuneinhalb Jahre war ich im "Shanxi-Provinz-Nummer-4-Laogai" inhaftiert, das auch "Wangzhuang Kohlemine" hieß. Jeden Tag arbeiteten wir 12 bis 14 Stunden lang, 30 Tage im Monat.

Viele Menschen verletzten sich oder starben sogar. Später habe ich auch in anderen Lagern gearbeitet. Als ich in den 1960er-Jahren im "Beijing Tuanhe Laojiao", mit Unternehmernamen "Beijing Tuanhe Farm", eingesperrt war, nagelten wir von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Holzkisten für den Transport von Weintrauben nach Hongkong und Japan zusammen. In den 1990er-Jahren fand ich heraus, dass die Gefängnisfarm mit einer großen Weinkelterei fusioniert hatte, die den chinesischen Nationalwein "Dynasty" herstellt. Diese Winzerei kooperiert mit dem französischen Spirituosenhersteller Remy Martin. Heute wird man in China das Wort "Laogai" nicht mehr hören und auch kein Produkt finden, das in einem chinesischen Gefängnis hergestellt wurde. Denn die Waren werden niemals direkt von einem chinesischen Arbeitslager verkauft, sondern eher von einem Unternehmen oder einer Handelsgesellschaft in Hongkong.

Trotzdem gibt es noch immer drei Millionen Menschen, darunter auch der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, die inhaftiert sind und Zwangsarbeit leisten müssen, einige von ihnen innerhalb der Gefängnismauern, andere in Minen oder auf Feldern, um Baumwolle, Tee oder Gemüse für den Export nach Europa anzubauen. Neuerdings initiiert die Kommunistische Partei Ausbildungsmaßnahmen, um Gefangene beispielsweise in der Herstellung von Kleidung oder Elektronikartikeln zu schulen. Immer mehr Fertigkeiten werden gebraucht, damit immer größere Profite erzielt werden können. Kürzlich fand die Laogai Research Foundation heraus, dass das New Yorker Luxuskaufhaus Saks Fifth Avenue und die Einzelhandelskette Target Corporation Tragetaschen benutzen, die in China produziert werden. Als Hersteller fungiert ein legales Unternehmen namens Elegant Prim Pac Co., das in Qingdao, in der Shandong Provinz, seinen Firmensitz hat. Dieses Unternehmen lässt sich aus zwei verschiedenen Gefängnissen mit kostengünstiger Ware beliefern. 

Aus dem Englischen von Marianne Kühn



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