„Unfair Trade“

ein Gespräch mit Miki Mistrati

Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten (Ausgabe II/2013)


Herr Mistrati, Sie haben zwei Dokumentarfilme darüber gedreht, wie in Côte d'Ivoire Kinder zum Teil unter sklavereiähnlichen Bedingungen auf Kakaoplantagen schuften müssen. Wie kamen Sie auf das Thema?

Es fing alles vor ein paar Jahren im Supermarkt an. Ich wollte einen Schokoriegel kaufen und hatte sieben verschiedene Sorten zur Auswahl. Nur einer davon hatte ein Fairtrade-Label. Plötzlich fragte ich mich: Und die anderen sechs, sind die Unfair-trade? Ich begann zu recherchieren.

Sie sind dann nach Westfrika gereist, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Was haben Sie dort gesehen?

Mit meinem ersten Film habe ich aufgedeckt, wie Kinder aus den Nachbarländern Mali oder Burkina Faso nach Côte d'Ivoire geschleust werden, um auf den Kakaofeldern zu arbeiten. Manche sind nicht älter als acht Jahre. Es war übrigens überhaupt nicht schwer, das herauszufinden. Man musste nur irgendjemanden fragen und der zeigte einem den Weg zu einer Bushaltestelle, wo die Kinder ankommen.

Unter welchen Bedingungen müssen die Kinder dort arbeiten?

Wir haben Aufnahmen von Kindern aus Burkina Faso gemacht, die von morgens bis Sonnenuntergang auf dem Feld arbeiten. Sie schliefen in kleinen Hütten auf der Plantage. Ich weiß nicht, ob sie misshandelt wurden, aber sie waren sehr arm. Sie bekamen jeden Tag etwas zu essen, aber kein Geld. Es hat mich tief getroffen, das zu sehen.

Wo genau kommen die Kinder her und warum verlassen sie ihre Heimat?

Einige von ihnen sind rund 1.500 Kilometer von zu Hause entfernt, manche sprechen nicht einmal die jeweilige Sprache. Die meisten kommen aus kleinen Dörfern. Sie werden von ihren Eltern aus der Not heraus verkauft oder es sind Straßenkinder aus der Grenzregion, denen Geld versprochen wurde.

Welche Firmen verarbeiten Kakao, der so produziert wird?

Kraft, Nestlé, alle großen Firmen verwenden für ihre Schokolade zwangsläufig Kakaobohnen aus dieser Gegend, denn 40 Prozent aller Kakaobohnen auf dem Weltmarkt stammen aus Côte d'Ivoire. Große US-Verarbeitungsbetriebe wie Cargill oder ADM kaufen sie dort und beliefern wahrscheinlich auch deutsche Firmen wie Ritter Sport mit ihrem Kakao. Die Unternehmen tun nicht genug, um die Situation der Kinder zu verbessern. Die großen Schokoladenfirmen haben 2011 insgesamt etwa 134 Billionen Umsatz erwirtschaftet, aber zusammen nur rund 388.000 Euro für Schulen und Hilfsprojekte in Côte d'Ivoire investiert. Natürlich hat das Land auch viele politische Probleme und leidet seit Jahren unter Kämpfen zwischen dem Norden und dem Süden. Aber die Hauptverantwortung tragen für mich die Unternehmen.

Und die Verbraucher?

Die Verbraucher sind letztlich die Könige. Wenn genug Nachfrage nach garantiert kinderarbeitfreien Produkten besteht, kann sich etwas ändern. Ich selbst kaufe nur noch Schokolade aus Ghana oder Ecuador - denn selbst in Schulen für Bauern, die Fairtrade-Organisationen wie UTZ und Rainforest Alliance in Côte dIvoire betreiben, sind mir arbeitende Kinder begegnet.

Gibt es Umstände, unter denen Sie Kinderarbeit für gerechtfertigt halten?

Wenn Kinder ihren Eltern auf den Kakaofeldern helfen, ist das natürlich in Ordnung. Ein Problem besteht dann, wenn Kinder illegal ins Land gebracht werden oder nicht zur Schule gehen können. Jedes Kind muss eine Grundbildung erhalten, damit es die Möglichkeit hat, der Armut zu entkommen.

Glauben Sie, dass wir in naher Zukunft wieder mit gutem Gewissen Schokolade essen können?

Kurzfristig sicher nicht, aber die Firmen haben viel zu viel Angst vor kritischen Konsumenten und Medienberichten, um gar nichts zu tun. In den nächs­ten zehn Jahren wird sich die Situation sicherlich stark verbessern. Ich werde sie auf jeden Fall im Auge behalten.

Das Gespräch führte Stephanie Kirchner



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