Wege und Umwege

von William Kentridge

Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten (Ausgabe II/2013)


Mein Vater verpflichtete sich dem Kampf gegen die Apartheid. Er ist ein großer Anwalt und ein großartiger Mensch. Dennoch wollte ich nie Anwalt werden. Es war wichtig für mich, anders zu sein. Ich dachte, ich müsse einen anderen Weg zu mir selbst finden? einen Weg, der mir erlaubt, mir meine eigene Meinung so bilden zu können, dass sie auch gegen das permanente Hinterfragen seitens der Juristen bestehen kann. Ich wollte mich nicht gegen meinen Vater als Person wenden, aber gegen seine juristische Art zu denken. Irgendwann hatte ich verstanden, dass sich meine Art der Sinnstiftung sehr stark von seiner unterscheidet.

Ich hatte Glück, denn meine Eltern haben nie Druck auf mich ausgeübt. Natürlich waren sie besorgt und fragten sich, was es hieß, Künstler zu sein. Aber sie waren immer auch an Kunst interessiert und hatten Freunde, die Künstler waren. In meiner Schulzeit ging ich sogar zusammen mit meiner Mutter in einen Zeichenkurs. Kunst war für meine Eltern kein unliebsamer Neuling, den ich mit nach Hause brachte. Es war kein Schock für meine Familie, dass ich Künstler werden wollte. Der Weg dorthin war aber schwierig. Letztlich war es erst mein mehrfaches Versagen, das mich rettete und auf den für mich richtigen Pfad brachte. Ich versagte zunächst als Künstler, dann als Schauspieler und schließlich als Filmemacher. Erst danach konnte ich zur Kunst zurückkehren.

Wie alle Kunststudenten arbeitete ich zunächst eine Weile mit Ätzungen und Radierungen, Öl lag mir weniger. Weil ich aber davon ausging, dass ein Künstler malen müsse, redete ich mir ein, dass ich kein Recht hätte Künstler zu sein. Ich fühlte mich als Versager, verkaufte meine Druckmaschinen und schloss mein Studio. Ich versuchte es stattdessen mit der Schauspielerei. Ich hatte bereits eine Weile bei einem Theater in Johannesburg mitgearbeitet. Ich spielte nicht gut und sagte mir, ich müsse das schauspielerische Handwerk lernen. Falls dies nicht möglich wäre, wollte ich es bleiben lassen. Ich ging also für ein Jahr nach Paris an eine Schauspielschule. Dort wurde mir innerhalb der ersten drei Wochen klar, dass ich in Johannesburg nicht schlecht gespielt hatte, weil mir die Ausbildung fehlte, sondern weil ich kein guter Schauspieler bin.

Ich hatte somit wieder versagt. Ich blieb trotzdem das ganze Jahr in Paris und hatte eine fantastische Zeit. Ich lernte sehr viel, zum Beispiel über Regieführung. Ich profitiere noch heute bei meiner Arbeit von dem Wissen, das ich mir damals angeeignet habe. Der Gedanke an Paris füllt meine Arbeit immer noch mit Leben, auch wenn ich dorthin seither nur als Reisender zurückgekehrt bin. Nach meinem Aufenthalt in Paris ging ich mit einem neuen Vorsatz nach Südafrika zurück: Ich konnte kein Künstler und kein Schauspieler sein, also wollte ich Filmemacher werden. Ich arbeitete zunächst im Produktionsdesign und bei den Requisiten. Die südafrikanische Film- und Fernsehindus­trie war jedoch so schrecklich, dass ich das Gefühl hatte, ich müsste sterben, wenn ich weiter dort bliebe.

Ich bekam das Gefühl, ein weiteres Mal versagt zu haben. Ich wendete mich vom Film ab und plötzlich war ich zurück in meinem Studio. Ich wurde also letztlich darauf reduziert, Künstler zu sein. Es war keine Wahl im eigentlichen Sinne. Ich kehrte nach drei Jahren zu diesem Weg zurück, weil ich in anderen Bereichen erfolglos war. Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich war, dass ich bereits sehr viel dazugelernt hatte, obwohl ich anfangs nur mein Versagen sah. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass die Leute meine Animationsfilme mochten und in den Filmen etwas sehen konnten, das ich nicht sah. Scheinbar steckte mehr dahinter, als ich dachte. Also entschied ich, damit weiterzumachen. Auch wenn ich wahrscheinlich der letzte Mensch war, der verstand, was daran tatsächlich interessant sein sollte. Eine weitere Erkenntnis war, welche Rolle Ruhm im Künstlerdasein spielen kann. Wie so vielen Künstlern wurde mir klar, dass man zwar nach der Göttin des Ruhmes streben kann, dass man aber im Endeffekt immer neben der Hexe der Öffentlichkeitsarbeit aufwacht.

Protokolliert von Christoph Senft



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