Nur der Aufsteiger zählt

von Bhaskar Sunkara

Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten (Ausgabe II/2013)


Ich hatte schon viele eigenartige Jobs und Geschäftsideen. Mich treibt wie viele Migrantenkinder ein klassisch amerikanisches Draufgängertum. Ich bewundere Westernhelden und bin ebenso stolz auf meine Eigenständigkeit wie sie. Das alles wäre völlig unproblematisch, wenn ich nicht ausgerechnet ein linker Intellektueller wäre. Meine Eltern gehören der Mittelklasse an, trotzdem reichte bei uns zu Hause das Geld nie. Und das, obwohl mein Vater und meine Mutter 60 Stunden pro Woche arbeiteten. Meine Mutter fand einen Job im Telefonmarketing, mein Vater, der eigentlich eine medizinische Fachkraft war, machte alles Mögliche, um die Familie durchzubringen, und kämpfte nebenbei um seine berufliche Anerkennung.

Das war der Preis, den sie frisch aus Trinidad und Tobago kommend dafür zahlen mussten, mich und meine vier Geschwister in einem Stadtteil mit einer guten öffentlichen Schule aufwachsen zu sehen. Wir haben schon so etwas wie Sozialdemokratie hier in Amerika, aber lokal begrenzt und exklusiv nur dort, wo hohe Grundsteuern gezahlt werden. Als ich noch klein war, mieteten meine Eltern ein bescheidenes Haus in einem dieser angenehmen Vororte. So hatte ich eine sichere Umgebung und all die anderen angenehmen Dinge, die man als Individuum braucht, um sich zu entfalten. Nur meine Eltern habe ich selten gesehen. Die Kinderbetreuung oblag der Stadtbücherei, wo ich mich nach der Schule herumtrieb, bis sie von ihren Schichten kamen. Als ich älter wurde, las ich afroamerikanische Protestliteratur, dann Karl Marx und Leon Trotzki und verwandelte mich in einen Linken.

Doch statt mich dem Lebensgefühl der Rebellion hingeben zu können, musste ich schließlich in ein Hemd schlüpfen und arbeiten gehen, um Geld für meinen Collegebesuch zusammenzusparen. Drei erbärmliche Wochen jobbte ich im Supermarkt Key Food. Ich musste stundenlang Tiefkühltruhen bestücken und dafür meine eigenen Handschuhe mitbringen. Wenn ich sie vergaß, waren meine Hände bis zum nächsten Morgen gefühllos. Meine Kollegen, von denen manche 40 Meilen täglich zu ihrem sieben-Dollar-die-Stunde-Job fuhren, mussten die schlimmsten Demütigungen ohnmächtig über sich ergehen lassen. Einwanderer wurden von ihren viel jüngeren weißen Vorgesetzten angebrüllt. Weibliche Angestellte mussten von den Vorgesetzten und manchmal sogar von den Kunden sexuelle Belästigungen ertragen. Uns allen wurde für die nichtigsten Vergehen Lohn abgezogen.

Ich war eingebildet und privilegiert genug, um das Weite zu suchen und etwas anderes auszuprobieren. Ich eröffnete ein dubioses Import-Export-Geschäft für auslaufende Software. Es war nicht sehr lukrativ, aber ich gewann an Lebenserfahrung: wie man mit Geld umgeht und wie man so unabhängig wie möglich bleibt. Ein paar Jahre später, während meiner Collegezeit, gaunerte ich mich immer noch durch, habe Marihuana verkauft oder in geringem Umfang Raubkopien vertrieben. Das Geld, das ich damit verdiente, half mir sehr, als ich in meinem zweiten Collegejahr krank wurde und Unmengen von Medikamenten brauchte. Und das Verhandlungsgeschick, das ich bei meinen zwielichtigen Geschäften erwarb, kam mir zugute, als ich es wagte, eine Zeitschrift auf den Markt zu bringen, lange nachdem der Abgesang auf den Printjournalismus angestimmt worden war.

Viele Liberale, die ich kenne, sehen in mir die perfekte Bestätigung für das kapitalistische System. So funktioniert das amerikanische Trugbild von Arbeit: Es fokussiert nur den Triumph des Einzelnen. Wenn ich meinen Werdegang erzähle, wird daraus die Erfolgsgeschichte eines jungen Mannes, der Hindernisse überwand. Die Büchereien, die mir ihre Bücher zur Verfügung stellten, die Schulen, die mich bildeten, und die Aktivisten, die für mich gegen Rassismus kämpften, werden einfach nicht wahrgenommen. Auch meinen Eltern, die wahrscheinlich noch bis ins hohe Alter schuften werden müssen, geht das so. Sie haben sich in allem bestätigt gefühlt, als die New York Times im letzten Monat ein Porträt über mich brachte. Diese Einstellung zu Arbeit und Erfolg hält den amerikanischen Kapitalismus am Laufen. Es ist nicht so, dass alle hier erfolgreich sein können, aber jeder Einzelne könnte es sein. Einige wenige symbolische Kinder der Leistungsgesellschaft sorgen dafür, dass der Rest an den Maschinen kleben bleibt. Nicht in Ketten, sondern aus freiem Willen.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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