Zwangsarbeit statt Hausaufgaben

Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten (Ausgabe II/2013)


„Wir arbeiten zwölf Stunden auf den Feldern”

Im September letzten Jahres musste ich zusammen mit anderen Waisenkindern auf den Baumwollfeldern arbeiten. Man brachte uns in die Buston-Region, nahe der Grenze zu Tadschikistan. Mindestens 30 Kilo Baumwolle am Tag müssten wir sammeln, so hieß es. Wir wurden in einer alten Schulturnhalle unterge- bracht, in der es keine Betten gab. Im Raum nebenan schliefen acht Mädchen auf dem kalten Betonboden, fast alle wurden krank. Jeden Tag wurden wir um 6 Uhr morgens geweckt. Zum Frühstück gab es Brot mit Butter. Danach arbeiteten wir bis 18 Uhr auf den Feldern. Es dauerte aber oft mehr als eine Stunde, bis wir wieder in der Turnhalle waren. Aus den 30 Kilo, die wir eigentlich sammeln sollten, wurden schnell 60 Kilo. Die Aufseher sagten uns, dass wir kein Essen bekämen, wenn wir zu wenig sammelten.

Eine Aufseherin meinte: „Wenn ihr nicht gut arbeitet, dann müsst ihr euch euer Essen selbst kaufen.“ Nach Feierabend wurden wir gezwungen Zwiebeln und Kartoffeln zu schälen. Im Durchschnitt sammelten wir 40 bis 50 Kilo Baumwolle. Manche konnten die Quote also nicht erfüllen. Ein Junge musste der Aufseherin für 3.000 So’m (1,13 Euro) Essen abkaufen, einigen meiner Mitschüler wurde sogar Geld von ihrem Stipendium abgezogen. Im Jahr zuvor sammelten ein paar Jungs so wenig Baumwolle, dass sie verprügelt wurden. Natürlich kam es auch vor, dass ein Mitschüler so viel erntete, dass er bezahlt wurde. Doch wir Waisen bekamen auch dann kein Geld, wenn wir mehr Baumwolle sammelten, als die Quote vorgab. Wir wurden diskriminiert. Die Lehrer sagten, dass die Regierung uns ohnehin schon durchfüttere. Die Kinder mit Eltern mussten 20 Tage ernten, uns Elternlose zwang man dazu, ganze zwei Monate auf den Feldern zu arbeiten.

Abror Turgunov*, Schüler

„Was nützt die Arbeit unseren Kindern?”

Letztes Jahr weigerte sich meine Freundin, ihre Tochter auf die Baumwollfelder zu schicken. Nur wenige Tage später rief die Schulverwaltung bei ihr an. Sie möge doch einmal vorbei-kommen, hieß es. Ich ging mit ihr, weil sie sehr schüchtern ist und Angst hatte. In der Schule sagten uns zwei Lehrer, dass die Baumwolle unser kulturelles Erbe sei und dieses uns dazu verpflichte, das Land bei der Ernte zu unterstützen – diese ganze Propaganda eben. Ich zeigte ihnen eine Verfügung des usbekischen Ministerkabinetts, die landwirtschaftliche Arbeit für Kinder verbietet, aber das schien sie nicht zu stören. Trotzdem riefen sie nie wieder bei meiner Freundin an. Nicht alle haben so viel Glück.

Die meisten Eltern zahlen entweder eine Gebühr von 300 Euro, um ihre Kinder freizukaufen, oder schicken sie ohne Gegenwehr auf die Felder. Sie wollen keine Probleme bekommen. Ich selbst konnte meine Tochter vor der Zwangsarbeit bewahren, indem ich mich an den Gouverneur unseres Bezirks wandte. Er versprach mir, meine Tochter von der Ernte auszunehmen, und besorgte ihr ein Praktikum in der Verwaltung. Er verlangte aber, dass ich den Beschluss des Ministerkabinetts gegen die Zwangsarbeit nicht weiter verbreitete, und nahm ihn mir ab. Zum Glück hatte ich zu Hause weitere Kopien. Vor einiger Zeit hat sich die Großmutter zweier Schüler umgebracht, weil sie dem Druck der lokalen Funktionäre nicht mehr gewachsen war. Jeden Tag kam ihr Enkelkind nach Hause und wiederholte, was man ihm in der Schule gesagt hatte: „Wir brauchen Geld, sonst muss ich auf die Felder!“ Die Offiziellen bedrängten die Familie so lange, bis die Großmutter sich erhängte. Was ist das für ein Wahnsinn? Vielleicht ist die Baumwolle ein Kulturerbe, aber nicht das unsere oder das unserer Kinder. Menschen werden zur Feldarbeit gezwungen, Schüler aus der Schule geholt. Manche mögen damit viel Geld verdienen, wir nicht. Was nützt die Arbeit unseren Kindern?

Alisher Mamedova*, Mutter einer 17­jährigen Tochter

* Namen von der Redaktion geändert

Die Gespräche protokollierte Umida Niyazova von Uzbek –German Forum for Human Rights (UGF)
Übersetzung: Lisa Büntemeyer



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