Der Büroroman

von Wang Xiaoyu

Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten (Ausgabe II/2013)


Der Arbeitsplatzroman ist in China ein neues literarisches Genre. Seine Entstehung geht auf die sogenannten Finanzromane der Hongkonger Geschäftsfrau und Bestsellerautorin Liang Fengyi zurück, die ihre romantischen Geschichten in der modernen städtischen Geschäftswelt ansiedelte. Anfang der 1990-Jahre erschienen die ersten Arbeitsplatzromane im Verlag für Volksliteratur und lösten damals eine Debatte aus, ob angesehene Verlage diese als trivial empfundene Literatur veröffentlichen sollten. Heute stellt sich diese Frage nicht mehr, denn kein Verlag wird ein literarisches Werk, das sich gut verkaufen lässt und politisch unproblematisch ist, ablehnen.

Im Zuge der Etablierung der Marktwirtschaft und angeregt von Fernsehdramen zum Thema Arbeit gewannen die Arbeitsplatzromane allmählich eine feste Leserschaft. Sie spiegeln hauptsächlich das Leben der in China noch nicht klar definierten Mittelschicht wider. In vielen Ländern gehört der größte Teil der Bevölkerung zu dieser Schicht, während sie in China noch eine Minderheit ist und für viele Leute ein Ideal darstellt: So wie die Mittelschicht zu leben, gilt als höchstes Ziel. Doch in der Realität steht die Mittelschicht gleichzeitig unter einem gewaltigen Druck, und zwar dem Druck der Arbeit, welcher auch ökonomischen Druck mit einschließt.Li Kes 2007 erschienener Bestseller "Du Lala shengzhi ji" (dt. "Du Lalas Beförderung") erzählt in der Manier eines Bildungsromans, wie ein Aschenputtel durch eigene Anstrengung Schritt für Schritt die Karriereleiter hinaufsteigt und damit einen chinesischen Traum verwirklicht.

Solche Romane finden eine breite Resonanz, weil sie die Vorstellungen der Allgemeinheit vom Ideal der Mittelschicht bestätigen. In den Beschreibungen der Schwierigkeiten, sozial aufzusteigen, finden sich Leser, die in genau diesem Prozess stecken, mit ihren persönlichen Erfahrungen wieder.Als ein verhältnismäßig neues Phänomen sind die Arbeitsplatzromane in China noch entsprechend unausgereift. Die meisten handeln von allen möglichen Verwicklungen in zwischenmenschlichen Beziehungen durch firmeninterne Karrierekämpfe und haben daher starke Ähnlichkeit mit den Palast­intrigen des Hoftheaters. Das Wort "Beziehungen" hat in China ein sehr großes Gewicht. In alter Zeit manifestierte es sich in den Palastintrigen, heutzutage im Konkurrenzverhalten der Büroangestellten. Das Ideal der Mittelklasse orientiert sich vor allem an Einkommensverhältnissen und beruflicher Position.

Andere Wertmaßstäbe spielen dagegen fast keine Rolle, daher kann man den chinesischen Traum auch mit einer Erfolgslehre gleichsetzen. Arbeitsplatzromane erreichen häufig erst durch ihre Verfilmung als Fernsehdramen eine größere öffentliche Verbreitung. Fernsehdramen sind zahlreichen inhaltlichen Einschränkungen unterworfen, denn über Politik darf nicht direkt gesprochen werden. Palastintrigen oder das Konkurrenzverhalten in Büros sind dagegen ungefährliche Stoffe, denn durch sie lassen sich einerseits Konflikte darstellen, die nichts mit grundlegenden Problemen zu tun haben, andererseits kann man sie außerdem mit Gefühlen zwischen den Geschlechtern anreichern. Gerade deswegen aber ist der künstlerische Wert dieser Werke zu vernachlässigen. So wird bei fast allen medienwissenschaftlichen Untersuchungen auf den künstlerischen Gehalt gar nicht eingegangen.

Die größte Herausforderung, die sich dem Arbeitsplatzroman stellt, sind die gerade im Wandel begriffenen Ideale der jungen Generation. Noch vor zehn Jahren hoffte der Großteil der Universitätsabsolventen auf eine Stelle in einem in China ansässigen ausländischen Unternehmen, dem häufigen Schauplatz der Arbeitsplatzromane. Vor dem Hintergrund der wiedererstarkenden Staatswirtschaft und des gleichzeitigen Rückzugs des privaten Sektors wollen inzwischen aber immer mehr junge Absolventen im öffentlichen Dienst oder in einem der Monopol-Staatsbetriebe arbeiten. Vor diesem Hintergrund haben die Arbeitsplatzromane einen Engpass erreicht, während sich Bürokratenromane umso mehr verbreiten.Als Sonderform des Arbeitsplatzromans belegen die Bürokratenromane im chinesischen Buchmarkt häufig die ersten Plätze der Ranglisten.

Ihr Sujet ist in der chinesischen Literaturgeschichte kein neues Phänomen, denn bereits in der späten Qing-Dynastie (Ende des 19. beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts) gab es vier große sozialkritische Romane. Verglichen mit diesen bewegen sich die heutigen Bürokratenromane in noch engeren Grenzen. Sogar der Begriff "Bürokratenroman" wird oft durch die Bezeichnung "Antikorruptionsroman" ersetzt, da das negativ konnotierte Wort "Bürokrat" meist auf die Regierung der alten Gesellschaft verweist, während die Regierung der neuen Gesellschaft gemäß der Maxime des Dienstes am Volk von sich selbst als "Staatsdiener" spricht.

Zu den Vertretern des chinesischen Antikorruptionsromans zählen Autoren wie Lu Tianming, Zhang Ping und Zhou Meisen. Während die traditionellen sozialkritischen Romane ihren Schwerpunkt auf die Unzulänglichkeiten der Regierung legten, richtet sich die Kritik dieses Romantyps vor allem gegen einzelne korrupte Beamte, lässt sich aber nicht auf das gesamte Beamtensystem erweitern und schon gar nicht auf die Ebene der Regierung oder der Gesellschaftsordnung. Dieser Logik zufolge sind die Beamten deshalb korrupt, weil sie von außen (zum Beispiel von den Märkten) verführt worden sind. Die Probleme kommen also immer von außen. Der Rang der korrupten Beamten geht dabei einer schweigenden Übereinkunft folgend meistens nicht über den eines stellvertretenden Provinzgouverneurs (der Ebene eines Vizeministers) hinaus.

Alle Antikorruptionsromane legen ihren Fokus darauf zu zeigen, dass die Korruption nur vereinzelt und zufällig auftritt, nicht aber zwangsläufig aus dem System erwächst, geschweige denn die höchsten Machthaber betrifft. Und darauf, dass das System eine starke Korrekturfunktion besitzt und die Korruption von oben nach unten bekämpfen kann, sodass die Integrität des Beamtenapparats zum Schluss wiederhergestellt ist. Diesen Romanen werden nur selten Beschränkungen auferlegt, stattdessen erhalten sie öffentlichen Zuspruch, da sie die Richtigkeit des Systems verdeutlichen und ein zwar mit vielen Problemen kämpfendes, aber dennoch wunderschönes Utopia erschaffen.Unter diesen Umständen erreichen Chinas Bürokratenromane nur selten ein höheres Reflexionsniveau.

Stattdessen verteidigen sie mit ihrer Kritik an einzelnen Beamten häufig noch das System. Häufig werden sie für das Fernsehen adaptiert und manche ihrer Autoren bekleiden hohe Ämter im Schriftstellerverband und erhalten außerdem noch alle möglichen Preise von der Regierung. Sehr vereinzelt gibt es aber auch Autoren, die versuchen, den Rahmen der Antikorruptionsromane zu durchbrechen. Solche legal veröffentlichten Romane aus der Beamtenwelt reflektieren zwar nicht direkt das System, sondern beschreiben mit kühlem Blick die Mikroebene der Machtausübung. Ein genaues und detailreiches Bild von den Machtmechanismen, die auf den untersten Ebenen wirken, liefern zum Beispiel Wang Yuewens Romane "Guohua" (dt. "Das Gemälde") und "Canghuang" (dt. "Ockergelb").

Weil sich solche Werke weder mit dem Kern des Systems noch mit der Politik der höheren Ebenen befassen, werden sie bis zu einem bestimmten Grad geduldet. Bei einem Blick in die Mikroblogs ihrer Autoren kann man feststellen, dass die Reflexionstiefe ihrer dort veröffentlichten Texte bei Weitem über die ihrer Romane hinausgeht. Dies zeigt, dass die Autoren nicht etwa unfähig zu kritischem Denken sind, sondern es ihnen die gegenwärtigen Einschränkungen beim Schreiben unmöglich machen, ihre Beobachtungen und Überlegungen vollständig zum Ausdruck zu bringen.

Der überwiegende Teil der Bürokratenromane folgt allerdings dem festgelegten Muster: die korrupten Beamten bekämpfen, aber nicht den Kaiser. Es wird zwischen unehrlichen und ehrlichen Beamten unterschieden, wobei Erstere in der Minderheit und Letztere in der Mehrheit sind. Und schließlich gibt es oft noch ein Happy End, bei dem die unehrlichen Beamten durch die ehrlichen bestraft werden. Diese unter den Hindernissen einer eingeschränkten Redefreiheit publizierten Romane verursachen fiktive Antikorruptionsstürme, welche die Erwartungen der Beamten ebenso erfüllen mögen wie die ihrer Leser. Ob sie allerdings irgendeinen Wert haben, muss bezweifelt werden. 

Aus dem Chinesischen von Frank Meinshausen



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