Hauptsache: weg!

von Davide Fanton

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Das Lernen fällt mir leicht. Ich besuche ein anspruchsvolles naturwissenschaftliches Gymnasium, aber ich sehe die Schule weder als Eckpfeiler meines Lebens und meiner Entwicklung noch als Arena des Wettstreits um die besten Noten. Trotzdem möchte ich studieren, wenn ich mit dem Gymnasium fertig bin. Denn ohne einen Universitätsabschluss findet man heutzutage in Italien nur sehr schwer eine Arbeit. Über Beziehungen an Jobs zu gelangen, ist in unserem Land immer noch eine weitverbreitete Praxis, besonders wenn es um Stellen im öffentlichen Dienst geht. Wenn ich unter den Berufen, die mir besonders zusagen, frei wählen könnte, würde ich mich für eine Laufbahn als Ingenieur entscheiden. Mich fasziniert die Vorstellung, etwas gestalten und aufbauen zu können. Ich will allerdings nicht verschweigen, dass mir auch die ökonomische Seite dieses Berufs gefällt. Geld regiert nun mal die Welt und ich würde nie einen Beruf anstreben, der mir nicht Wohlstand und eine sichere Zukunft garantieren kann.

Darüber, wie mein Leben in 20 Jahren aussehen wird, habe ich mir bisher nicht viele Gedanken gemacht. Nur, dass ich dann nicht mehr in der Region um Bergamo leben will. Ich habe große Angst davor, in dieser Gegend hängenzubleiben. Fast alle Menschen, die ich kenne, sind hier geboren worden und werden voraussichtlich auch hier sterben, ohne je etwas anderes gesehen zu haben. Ich habe Angst, von der Langeweile und Monotonie, die hier herrschen, zerfressen zu werden. An diesem Ort passiert nie etwas Neues, jeder kennt jeden und außerdem glaubt sich jeder berechtigt, über alle anderen urteilen zu dürfen. Ich bin nicht auf eine besondere Stadt in Italien oder im Ausland festgelegt, in die ich gerne ziehen würde. Hauptsache weg hier!

Bücher oder Zeitung lesen mag ich nicht. Ich sehe mir auch keine Fernsehnachrichten an. Es gibt sicher viele Menschen, die mich wegen dieser Haltung als ignorant oder gleichgültig gegenüber den Geschehnissen in Italien und der Welt bezeichnen würden. Aber ich habe meine Gründe. Wenn ich mit Nachrichten von tödlichen Autounfällen überflutet werde, für die rumänische Mitbürger verantwortlich sein sollen, die betrunken am Steuer gesessen hätten, dann frage ich mich: Wie kann es sein, dass nur die Rumänen trinken? Auch unter uns gibt es jede Menge Betrunkene, die Unfälle verursachen, aber rein zufällig kommen nur die Rumänen in die Zeitungen. Genauso ist es bei der Berichterstattung über Vergewaltigungen und andere Verbrechen. Momentan sind es die Rumänen, vorher waren die Afrikaner dran, davor die Roma. Leider durchschauen die meisten meiner Schulkameraden die Manipulationsmechanismen der Medien nicht, sondern glauben blindlings alles, was sie dort zu sehen und zu hören bekommen.

Ich halte die Beschäftigung mit Politik für überflüssig, bevor man 18 ist und selbst wählen kann. Ich sehe häufig Jungs, die über Politik streiten, und das finde ich grauenvoll, weil sie keine Ahnung haben, worüber sie reden. Sie bezeichnen sich als Kommunisten oder Faschisten ohne im Geringsten zu wissen, was hinter diesen Begriffen steckt. Es scheint, als ob sie die Politik benutzen würden, um sich erwachsen zu fühlen. Sie sollten damit aufhören, Aufkleber von Che Guevara oder der Forza Nuova (rechtsextreme italienische Splitterpartei) auf ihre Schulhefte zu kleben. Denn was wissen sie am Ende von Che Guevara? Und wie gut kennen sie die Geschichte des Duce?

Es ist schade, dass die Menschen, die im Besitz der Macht sind, nichts unternehmen, um die Welt zu verbessern. Ich selbst würde sehr gerne etwas tun, um die Welt zu verändern, aber ich fühle mich machtlos. Ich denke über eine bestimmte Sache auf meine Weise und hundert andere Leute denken darüber ganz anders – wie soll es unter dieser Voraussetzung gelingen, etwas zu ändern? Außerdem steckt eine gewisse Portion Egoismus in jedem von uns. Anderen zu helfen, zahlt sich wirtschaftlich nicht aus, und das, was heutzutage interessiert, ist die wirtschaftliche Seite. Alle denken nur noch in Geldwerten. Anderen zu helfen, zahlt sich aber nur moralisch aus, und das genügt vielen eben nicht. 

Protokolliert von Fiorenza Legrenzi
Aus dem Italienischen von Aike Jürgensmann



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