Kommunisten, Kojoten, Gentlemen

von Joachim Sartorius

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)


Die römischen Ruinen in Tunesien haben mich als Kind sehr beeindruckt. Ich war ein zehnjähriger Junge aus Fürth, der seinen Vater bei seinem ersten Auslandsposten als Diplomat in Tunis begleitete. Bis heute trage ich ein Reservoir an Bildern vom Mittelmeer in mir – die islamische Architektur, die Kalligrafie, das Licht – und zapfe es an, wenn ich Gedichte schreibe. Dann wurde mein Vater in den Kongo entsandt. Die Städte dort waren vom Busch umgeben, ich selbst zu jung, um Landrover zu fahren, und in der Schule mussten wir bei brütender Hitze Seneca ins Französische übersetzen. Zumindest sprach ich Französisch bald besser als Deutsch.

Zurück in Deutschland studierte ich Jura. Zwar hätte ich lieber Kunstgeschichte studiert, aber ich hatte Geschmack am Beruf meines Vaters gefunden. Und damals wurden im Auswärtigen Dienst nur Juristen eingestellt. Als Student in München verdiente ich meinen Lebensunterhalt mit Übersetzen. Mitte der 1960er-Jahre begleitete ich -David Dacko, den damaligen Präsidenten der Zentralafrikanischen Republik, auf einer Deutschlandreise, um für ihn zu dolmetschen. Mein erster Posten beim Auswärtigen Amt war dann 1974 in New York als Kulturreferent. Eine wahnsinnige Zeit: Ich war 28 Jahre alt und tigerte voller Energie durch die Stadt. René Block eröffnete seine Galerie in Soho und Beuys sollte dort die Performance mit dem Kojoten aufführen.

Doch zuerst musste ich ihn aus den Fängen des Immigration Office befreien. Man hielt ihn fest, weil er komisch aussah und die Frage „Sind Sie Kommunist?“ bejaht hatte. Ich eilte mit ein paar Katalogen hin und konnte die Beamten überzeugen, dass Beuys ein bedeutender Künstler war. Seine Performance dauerte mehrere Tage und es passierte kaum etwas. Beuys schlich durch den Raum, der Kojote schnüffelte ein wenig herum. Aber so was war damals total angesagt. In New York begann ich auch, Gedichte von John Ashbery zu übersetzen. Mit ihm unternahm ich sehr viel. Ashbery war witzig, geistreich und, wie die Amerikaner sagen, gentle. Ich habe in meinem Leben selten ge-weint, aber als mein Flugzeug 1978 vom JFK abhob und mich nach Ankara brachte, vergoss ich ein paar Tränen. In der Türkei war ich Pressereferent an der Botschaft. Damals saßen fast alle türkischen Medien in Istanbul.

Also verbrachte ich die Hälfte des Jahres dort. Es war meine Rückkehr zum Mittelmeer. Als nächste Auslandsstation wünschte ich mir dann Zypern. Ich wollte mehr Zeit zum Schreiben und Übersetzen haben und die Botschaft in Nicosia schloss im Sommer schon um 14 Uhr. Es gab mehrere Gründe, warum ich nach drei Jahren in Zypern das Auswärtige Amt verließ: Ich wollte in der Auswärtigen Kulturpolitik bleiben, doch im Auswärtigen Amt muss man alle Bereiche einmal durchlaufen. Auch die wahnsinnige Hierarchie gefiel mir nicht. Meine Frau hatte außerdem keine Lust, durch die Welt zu ziehen. Deshalb wurde ich Leiter des Künstlerprogramms des DAAD in Berlin. An meinem ersten Arbeitstag im Herbst 1986 lernte ich Luigi Nono kennen, der damals Gast des DAAD war. Wir wurden Freunde. Manchmal klopfte er um Mitternacht mit einer Zigarre an unsere Tür, um über Gott und die Welt zu diskutieren.

Die Jahre beim DAAD gehören zu den glücklichsten meines Lebens. Ich lernte Susan Sontag, Cees Noteboom und Damien Hirst kennen. Dass ich 1996 schließlich Generalsekretär des Goethe-Instituts wurde, empfand ich als logische Fortentwicklung meines Berufsweges. Es war an sich mein Traumjob, fiel aber in die Zeit, in der Joschka Fischer Außenminister war und die Mittel des Goethe-Instituts stark gekürzt wurden. Ständig mussten wir besprechen, wie wir mit der Geldknappheit umgehen sollten. Die Künstler waren Lichtjahre entfernt. Als Intendant der Berliner Festspiele war ich ab 2001 wieder näher an den Künstlern dran. Seit Januar 2014 bin ich Kurator des Hauptstadtkulturfonds. Jahrelang war ich ein Bettler und habe Anträge geschrieben. Jetzt darf ich selbst Geld für Kulturprojekte verteilen. Mir bleibt aber nebenher genug Zeit, um zu schreiben oder – wie jetzt gerade – eine Anthologie über politische Lyrik herauszugeben.

Protokolliert von Timo Berger und Fabian Ebeling



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