Schritte im Verborgenen

Niloufar Shahisavandi

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)


Am 21. Mai 2014 drehen sechs Iraner und Iranerinnen ein Video in Teheran. Vor der Kamera tanzen sie zu dem Lied „Happy“ von Pharrell Williams – und werden kurz darauf von der Sittenpolizei festgenommen. Der Grund: unsittliches Verhalten. Nicht nur die unverschleierten Frauen sind den Sittenwächtern ein Dorn im Auge, auch das Tanzen an sich.

Das war nicht immer so. Zu Zeiten der Pahlavi-Dynastie (1925–1979) existierten in Iran zwei Tanzkompanien, das Staatsballett und eine staatliche Folkloregruppe, an der Kunsthochschule konnte man eine Ballettausbildung zu absolvieren. Der letzte Schah, Mohammad Reza Pahlavi, engagierte sich in den späten 1960er-Jahren stark für das jährliche Festival für Moderne Kunst in Schiraz, zu dem bekannte Musiker wie John Cage und Tanzkompanien wie die von Merce Cunningham anreisten.

Doch mit der Machtergreifung von Ajatollah Khomeini im Jahr 1979 kam die „kulturelle Reform“. Das neue Regime teilte das soziale Leben in „hal?l“ (erlaubt im islamischen Sinne) und „har?m“ (verboten im islamischen Sinne) ein. Seither herrscht in Iran strenge Geschlechtertrennung, Alkohol und westliche Musik sind verboten. Damit die Gesellschaft nach diesen Regeln spielt, gibt es das „Ministerium für Kultur und Islamische Führung“, eine Art kulturelle und soziale Sittenpolizei.

„Die Revolution hat keiner Kunstrichtung so sehr geschadet wie dem Tanz: Sie hat ihn vernichtet!“, klagt eine Exsolistin des mittlerweile aufgelösten iranischen Staatsballetts. Während andere Tänzer emigrierten, unterrichtet sie seither junge Mädchen in ihrem Wohnzimmer. Durch die staatliche Zensur hat sich das „Verbotene“ ins Private verlagert, das Tanzen findet nun vorwiegend im Untergrund statt.

Um tänzerische Elemente weiterhin in offizielle Aufführungen einbinden zu können, gingen Tänzer dazu über, statt des Begriffs „rags“ („Tanz“) die Bezeichnung „harakat-e mouzun“ („rhythmische Bewegungen“) zu benutzen. Aus Tanzaufführungen wurden Theaterinszenierungen mit „rhythmischen Bewegungen“.

Bevor diese Stücke aufgeführt werden dürfen, wird das Exposé auf Islamkonformität überprüft. Wird es zugelassen, werden die Proben nach einem Monat von drei Personen, den „bazbinan“, besucht. Sie beobachten und kritisieren: Mal sitzt eine Hose zu eng, mal wirken die Musik oder Bewegungen nicht „hal?l“. Nehmen sich die Choreografen der Kritik an, darf weitergeprobt werden. Zwei Stunden vor der Uraufführung begutachten die bazbinan das Stück ein drittes Mal. Gefällt ihnen die Vorstellung nicht, wird sie ganz abgesagt oder große Teile werden willkürlich gestrichen.

Die Tänzer haben diese Zensur verinnerlicht, zensieren sich selbst. Aber sie haben auch gelernt, mit ihr umzugehen, vielmehr: sie zu umgehen. Eine Choreografin, deren letztes Stück nach 30 Aufführungstagen im Stadttheater Teheran verboten wurde und die dafür vier Jahre Berufsverbot erhielt, bringt es auf den Punkt: „Verbote zwingen mich zur Kreativität.“

Auch in der strengsten Zensurphase unter Präsident Ahmadinedschad wurde der Tanzunterricht weitergeführt. So gründete sich der „Verein der Aufführungen von Aufführenden ohne Worte“, dessen Mitgliedern es gelang, einen Tanzworkshop am staatlichen Kunstinstitut zu organisieren. Doch die Schikanen von Institutsmitarbeitern, die Zuweisung kleinerer Räume und das Stören des Unterrichts, veranlassten die Teilnehmer, den Workshop in ein Wohnzimmer im Norden Teherans zu verlegen. Die Lehrerin des Kurses erhielt dennoch ihr volles Gehalt. Ein Sieg über das Regime: Erstmals wurde der Tanzunterricht von einer staatlichen Einrichtung finanziell unterstützt.

Das Tanzinteresse hat sich seither weit verbreitet. „Die Gesetze haben sich nicht verändert, dennoch wird heute viel mehr getanzt. Das ist das Wichtigste!“, erzählt eine Tanzlehrerin. Diese Entwicklung beschränkt sich nicht nur auf Teheran, auch in anderen Städten entstehen Tanzszenen. Mit kreativer Widerständigkeit gegen die Zensur wehren sich die Künstler subtil gegen die Repressionen des Staats, ohne sie offen zu bekämpfen. Das verhindert eine Gegenreaktion des Regimes. Während in der Vergangenheit die Tanzszene in Iran noch überschaubar war, existieren im Jahr 2014 viele verschiedene Gruppen. Iranische Tänzer und Choreografen haben sich im Ausland ausbilden lassen und es gibt heute viel mehr Unterrichtsmöglichkeiten. Fast ist es wieder normal geworden zu sagen: Ich tanze.

 

 



Ähnliche Artikel

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Fokus)

Gummis im Geheimen

Kambiz Tavana

Der Iran will Aids bekämpfen, wagt aber nicht, in aller Öffentlichkeit über HIV-Prävention zu reden

mehr


Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Themenschwerpunkt)

Die jüngste Demokratie der Welt

Nitasha Kaul

Die Menschen in Bhutan sehen ihre politische
Entwicklung weitaus positiver als ausländische
Beobachter

mehr


Nonstop (Thema: Verkehr)

„Sich selbst mächtig fühlen“

ein Interview mit Parichehr Scharifi

Ein Gespräch über Menschen im Straßenverkehr mit der Verkehrspsychologin Parichehr Scharifi

mehr


Schuld (Bücher)

Einmal rund ums Meer

von Jens Mühling

Der russische Schriftsteller Wassili Golowanow reist durch den kaspischen Raum

mehr


Brasilien: alles drin (Weltreport)

Faszinierend und verstörend

von Anna Raulf

Wie der zeitgenössische Tanz nach Tansania kommt und was die Menschen davon halten

mehr


Körper (Pressespiegel)

Netzstreit

Google kündigt an, sich wegen Internetzensur aus China zurückzuziehen

mehr