Die schönsten Perser der Welt

von Fateme Maroufi

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)


In jedem iranischen Haus liegt ein Teppich. Wenn ich durch die Tür trete, muss ich zuerst meine Schuhe ausziehen, denn man läuft, sitzt und liegt auf Teppichen und lässt sich oft auch zum Essen darauf nieder. Schon als Kind haben mich die Muster auf unseren Teppichen fasziniert und ich habe diese Kunst bewundert. Denn eine Kunst ist die Herstellung von Perserteppichen auf jeden Fall!

In der Abiturstufe habe ich das Fach Teppichkunst gewählt, um das Handwerk des Knüpfens und das Designen von Teppichen anschließend an der Universität studieren zu können. In dem zweijährigen Studium habe ich unter anderem gelernt, wie Vorlagen für das Teppichknüpfen gezeichnet, alte Teppiche restauriert und Farben zubereitet werden. Die Zutaten, die man zum Färben der Teppichfasern verwendet, bestehen nämlich bis heute aus rein natürlichen Stoffen. Auch die Organisation einer Teppichwerkstatt gehörte zum Lehrplan. Vor allem die männlichen Studenten – es sind nur etwa 15 Prozent – arbeiten später eher im Handel und Verkauf von Teppichen. Natürlich ist auch das Teppichknüpfen selbst Bestandteil des Studiums gewesen. Im Unterricht saßen alle Studenten im Kreis um den Dozenten herum und jeder hatte einen eigenen Webstuhl vor sich, an dem er die gezeigten Arbeitsschritte wiederholte.

Der Herstellungsprozess ist wirklich eine Herausforderung, da jede Phase ihre speziellen Schwierigkeiten hat. Hochwertige, weiche Teppiche werden sehr fein und mit vielen kleinen Knoten geknüpft. Das macht das Arbeiten an ihnen sehr aufwendig, aber man merkt auch deutlich den Unterschied zu gröberen Teppichen, die sich oft rau und hart anfühlen. Für einen Quadratmeter Teppich mit 960.000 Knoten braucht ein Teppichknüpfer dadurch etwa vier bis fünf Monate.

Die vielen verschiedenen Techniken, Formen und Motive von iranischen Teppichen sind eine Kunst für sich. In den großen traditionellen Zentren der persischen Teppichkunst wie Isfahan, Tabriz oder Kaschan haben sich ganz eigene Stile entwickelt, die die Teppiche unverwechselbar machen. Je nach Region wird ein Teppich an einem Webstuhl oder auf dem Boden liegend, mit einer Nadel oder von Hand geknüpft. Gestaltung und Bildsprache der Kunstwerke unterscheiden sich ebenfalls von Ort zu Ort sehr, auch wenn es wiederkehrende Elemente wie Pflanzen oder Tiere gibt. Es gibt mittlerweile aber auch moderne Teppiche, auf denen abstrakte Formen, Landschaften oder Porträts zu sehen sind.

Heute arbeite ich in einem privaten Teppichmuseum in Teheran, dem auch ein Atelier und eine Werkstatt angeschlossen sind. Ich knüpfe hier aber keine Teppiche, da das Knüpfen selbst keine sehr angesehene Tätigkeit ist und nicht besonders gut bezahlt wird. Stattdessen entwerfe und zeichne ich Teppiche, setze also die Wünsche der Kunden in Vorlagen um, mit denen dann gearbeitet wird. Da es in Iran nur wenige solcher Teppichkünstler gibt, ist dieser Beruf mit einem relativ hohen Prestige verbunden und man kann gut davon leben. Man muss allerdings immer wieder neue Ideen entwickeln können. Nicht umsonst macht die Arbeit des Künstlers gut die Hälfte des Preises aus, den ein Käufer für einen Teppich später zahlt.

Die Zeichnungen fertige ich in ganz unterschiedlichen Stilen an – und zwar per Hand mit Pinsel, Farbe und Tusche. Computerarbeit gibt es bei uns nicht. Manche Kunden bestellen einen Teppich im traditionellen Stil von Isfahan, es kommen aber auch Leute, die ihr Hochzeitsfoto in einen Teppich gewebt haben möchten. Die größten Aufträge bekommen wir aber von Unternehmen und Einrichtungen, mit denen das Museum zusammenarbeitet. Zum Beispiel habe ich einen sehr großen Teppich für eine Moschee entworfen, für den sogar eine Urkunde ausgestellt wurde, auf der auch mein Name steht.

Wenn ich einen meiner Teppiche wiedersehe, freue ich mich natürlich darüber. Es macht mich auch ein bisschen stolz, denn für mich sind persische Teppiche einfach die schönsten der Welt.

Dolmetscherin: Sara Maroufi



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