Den Frieden noch erleben

ein Gespräch mit Ajmal Abdul Rauf

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Wie sieht dein Alltag aus?

Mein Tag ist ziemlich durchgeplant: Ich stehe um 5 Uhr auf und gehe nach dem Morgengebet für zwei Stunden in den Taekwondo-Club. Um 8 Uhr komme ich zum Frühstück nach Hause und gehe danach bis 11 Uhr ins englische Sprachzentrum. Normalerweise mache ich dann meine Hausaufgaben, und wenn wir Strom haben, spiele ich Videospiele. Wenn nicht, hänge ich mit meinen Freunden ab. Nachmittags gehe ich für vier Stunden zur Schule. Am Abend lerne ich und mache noch Lebensmitteleinkäufe.

Wie würdest du dich selbst beschreiben?

Als einen afghanischen Teenager, der in einem Land lebt, das gerade durch einen Konflikt gegangen ist, einen Teenager, der den Krieg miterlebt hat. Ich identifiziere mich in erster Linie über meine Nationalität. Ich bin Ajmal, der Sohn von Abdul Rauf, ein afghanischer Bürger. Daraus ergibt sich meine Kultur und daraus wiederum meine muslimische Religion.
 
Bist du erwachsen?

Klar, ich denke, ich bin erwachsen. Ich mache keine Kindersachen mehr, wie mit Murmeln spielen oder wegen Spielsachen weinen.
 
Wie kommst du mit deinen Eltern zurecht?

Ich habe großen Respekt vor meinen Eltern. Sie haben mich aufgezogen und geben mir die Möglichkeit, zur Schule zu gehen statt zu arbeiten. 
 
Wer sind deine Freunde?

Einer meiner älteren Brüder und mein Neffe, der jünger ist als ich. Sie sind sowohl meine Klassenkameraden als auch meine Freunde. Sonst habe ich keine Freunde. 
 
Hast du ein Vorbild?

Ja, Rohullah Nikpah, der afghanische Taekwondo-Athlet, der bei der Olympiade 2008 die erste olympische Medaille für Afghanistan geholt hat. Er ist jetzt ein Nationalheld und ich möchte eines Tages so wie er Medaillen für mein Land gewinnen und dadurch jedem, der in meinem Land kämpft, eine Friedensbotschaft weitergeben.

Was soll aus dir werden?

Ich möchte Computerprogrammierer werden, das ist mein Traum. Ich möchte reich sein und ein gutes Leben haben. Und natürlich will ich ein guter Taekwondo-Athlet werden.

Was ist dein größter Wunsch?

Ein friedliches Afghanistan, in dem jeder glücklich leben kann. Und das noch mitzuerleben.

Was geht dir auf die Nerven?

Wenn der Mülleimer voll ist und jemand aus der Familie mich frühmorgens aufweckt, damit ich den Müll wegbringe.

Wovor hast du Angst? Fühlst du dich sicher?

Das Einzige, wovor ich Angst habe, ist der Krieg in meinem Land.

Wie stellst du dir die Welt in zehn Jahren vor?

Ich denke, die Welt wird dann weiter fortgeschritten sein, mit besseren Technologien. Vielleicht haben wir dann auch hier gute Straßen, eine bessere Wirtschaft, Elektrizität und Fabriken.

Wer ist ein Fremder für dich?

Menschen, die mein Land angreifen und mein Volk töten, sind Fremde für mich.
 
Was ist mit der Liebe?

Ich glaube, Liebe ist eine gute Sache. Manchmal denke ich mir, dass ich jemanden lieben sollte, aber keinen von meinen Verwandten.
 
Wenn du die Wahl hättest – wo würdest du leben wollen?

Aus meiner Sicht ist alles besser als Afghanistan, vielleicht in den USA oder Kanada oder London, wo Frieden herrscht und man bequem leben kann. Ich habe auch gehört, dass andere Staaten die Lebenskosten für arme Leute übernehmen, was es in meinem Land nicht gibt.

Das Interview führte Mustafa Babak
Aus dem Englischen von Andrea Heß



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