Lügen lernen

von F.S.

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)


Ich wurde im Jahr 1986 geboren. Die Revolution lag schon einige Zeit zurück, doch tobte der Krieg zwischen Iran und Irak. Ich kam in eine Welt, in der Kultur, Religion, Politik, Glauben und Menschlichkeit – also das ganze Leben – zerrüttet war. Vor der Revolution von 1979 richtete sich die Wut der Menschen gegen das ungerechte Regime des Schahs Mohammad Reza Pahlavi. Die Ideen des Umbruchs waren Freiheit für alle und ein Ende der Diktatur. Nach der Machtübernahme extremistischer Muslime beherrschten jedoch die Kräfte des Glaubens
das Land.

Die Gesellschaft wurde von jenen Menschen „gereinigt“, die gegen die religiöse Ausrichtung der Regierung waren. Sie wurden gefeuert, verhaftet oder exekutiert. Die Menschen richteten sich mit der Angst und der beschränkten Freiheit ein. Meine Generation ist durch diesen Einschnitt geprägt und durch Eltern, die versuchten, diese Zeit zu überleben. Für dieses Überleben entwickelten sie Mechanismen des Lügens.

Viele Eltern, auch religiöse, waren nicht einverstanden mit den Richtlinien und Werten der Islamischen Republik. Doch da sie diesen Unmut nicht äußern konnten, wurde vielen Kindern, auch mir, beigebracht, zwei Persönlichkeiten zu entwickeln. Die eine entsprach dem wahren Leben in der Familie, die andere dem, was man nach außen vorgab, zu sein. Für meine Eltern war das ein Kampf, weil sie selbst nicht in einer solchen Situation aufgewachsen sind.

Sie brachten mir bei, nicht über unser Privatleben zu sprechen, weder in der Schule, noch gegenüber Fremden – zu ihrer und meiner eigenen Sicherheit. Wenn sie auf Familienfesten Alkohol tranken, durfte ich niemandem etwas darüber erzählen. Ich wäre von der Schule geworfen worden, sie hätten ihre Arbeit verloren und wären bestraft worden. Trotz des Alkoholverbots tranken viele Menschen zu Hause und brannten ihre Getränke selbst, doch man sprach nicht darüber.

Die Eltern unserer Generation passten sich dem äußeren Druck an und brachten uns bei, wie wir uns gemäß den Erwartungen anderer zu verhalten hatten. Man wird dadurch nicht vollkommen verschlossen, zeigt aber eine Tendenz zur Introvertiertheit. Die Kluft zwischen innerem und äußerem Selbst, zwischen Privat und Öffentlich wächst. In einem Land, in dem man nur gehorchen muss und keine Widerrede geben darf, wird man Muslim, obwohl man es nicht will. Man tut so, als wäre man jemand anderes. Das ist verwirrend für ein Kind ohne gefestigte Identität. Hin- und hergerissen zwischen zwei Welten mussten wir ausprobieren, was man sich erlauben kann und was nicht. Doch viele Menschen kamen mit der Spannung zwischen Innen und Außen nicht zurecht und scheiterten an diesem Leben. Sie scheitern auch heute noch, besonders daran, zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen.

Manche Erwartungshaltungen der Gesellschaft sind noch immer die gleichen wie früher, die permanente Angst vor den Strafen des Regimes ist jedoch einer Art Gewöhnung gewichen. Der äußere Druck ist Alltag geworden. Eine neue Elterngeneration in Iran lässt daher ihre Kinder nicht mehr mit den gleichen Lügen und Konflikten aufwachsen wie denen, die sie selbst erlebt haben. Sie hinterfragen ihre eigene Haltung und lassen ihre Kinder eher entscheiden, wer sie sein wollen, als während meiner Kindheit. Einen wichtigen Beitrag leisten die Kinder und Jugendlichen jedoch selbst. Sie fordern ihre Eltern heraus, indem sie ihren eigenen Lebensstil entdecken, der besonders von westlichen Vorbildern beeinflusst ist.

Die junge Generation Irans ist in die globale Informationsgesellschaft eingetreten. Sie ist herausfordernder, offener, entdeckungsfreudiger, aber auch reflektierter als ältere Generationen. Zwar stehen westliche Lebensstile auch heute im Gegensatz zur islamischen Ideologie, die noch immer präsent ist. Doch auch wenn viele Eltern noch immer auf traditionellen Werten und Lebensstilen beharren, finden Kinder und Jugendliche auch mithilfe der Medien eigene Wege, um eine Identität auszubilden. Die vollkommene Selbstbestimmung ist jedoch noch weit entfernt.

Aus dem Englischen von Fabian Ebeling



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