Die Macht der Moral

Nasser Fakouhi

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)


In der iranischen Gesellschaft gibt es viele Konfliktherde: das Verhältnis der Generationen untereinander, die starken Einkommensunterschiede oder die individuellen Auffassungen über Lebensstile. Viele dieser Konflikte schwelen unter der Oberfläche, manche treten offen zutage. Der schwierigste Konflikt ist jedoch jener zwischen Arm und Reich.

Während der Präsidentschaft von Mahmoud Ahmadinedschad von 2005 bis 2013 öffnete sich die Schere zwischen armen und reichen Teilen der Bevölkerung immer weiter. Die Auseinandersetzungen drehen sich im weitesten Sinne um materielle Fragen: den Ort, an dem man wohnt, oder wie man seine Freizeit verbringt.

Viele der reichen Iraner würde man in Europa Neureiche nennen. Diese Menschen zeigen gerne, was sie haben: Sie kaufen teure Uhren, gehen in teure Restaurants und fahren die teuersten Autos. Besonders die Kinder der Neureichen fahren gerne in teuren Autos. Bei den niedrigen Benzinpreisen – man bezahlt ungefähr 30 Cent pro Liter – können sie sich das auch leisten.

Die Sanktionen, die seit Jahren auf dem Land lasten, haben kaum Auswirkungen auf diese Leute. Sie können sich problemlos mit Grundnahrungsmitteln versorgen und genießen eine gute medizinische Behandlung in privaten Kliniken. Wer es sich leisten kann, wohnt in einem Apartment, das bis zu 500 Quadratmeter groß ist, in einem großen Haus oder in den reichen Vierteln der Städte. Im Gegensatz zu vielen Neureichen tragen wohlhabende religiöse Iraner ihren Status eher weniger nach außen.

Beamte, die niedrige Ämter bekleiden, alleinerziehende Witwen und alle Iraner in instabilen Arbeitsverhältnissen treffen die Sanktionen besonders hart. Ärmere Teile der Bevölkerung haben kaum Zugang zu einer ordentlichen medizinischen Versorgung, die staatlichen Kliniken sind schlecht organisiert. Öffentliche Verkehrsmittel werden hauptsächlich von ärmeren Menschen oder der unteren Mittelklasse genutzt. Es gibt öffentliche Taxis und solche, die für die Reichen reserviert sind.

Die Armut zeigt sich nicht zwangsläufig wie in ärmeren Ländern Südamerikas oder Asiens dadurch, dass viele Menschen obdachlos sind, zumindest nicht in den großen Städten. Vielmehr leben arme Menschen hier hauptsächlich in heruntergekommenen Siedlungen. In Teheran wird die Armutsgrenze bei ungefähr 250 Euro im Monat pro Familie angesetzt. Allerdings ist es unmöglich, sogar auf dem untersten Niveau mit diesem Geld zu leben. Eine Familie mit zwei Kindern, die in einer armen Gegend Teherans wohnt, braucht monatlich mindestens 500 Euro, um über die Runden zu kommen.

Eine Freizeitbeschäftigung der weniger betuchten Bevölkerung Teherans: mit der U-Bahn in reiche Viertel fahren. Dort besuchen sie die teuren Einkaufszentren oder halten sich außerhalb davon auf. Sie möchten den Lebensstil der Reichen imitieren und kaufen sich deshalb zum Beispiel gefälschte Markenkleidung.

Doch um wirklich der Armut zu entfliehen, finden diese Menschen andere Wege. Um eine kulturelle Vormachtstellung einzunehmen und Kontrolle über höhere Klassen auszuüben, engagieren sie sich als radikalpolitische und oftmals auch moralische Aktivisten im öffentlichen Leben. Hier liegen auch Chancen des gesellschaftlichen Aufstiegs für ärmere Bevölkerungsteile.

Die Situation ist derzeit sehr konfus. Das Land fühlt sich an wie ein Vulkan, aus dem viele Kräfte ausbrechen wollen. Ich glaube jedoch, dass es keinen schnellen radikalen Wandel geben wird. Die Leute sind auch aufgrund der wirtschaftlich schweren Lage sehr mit sich selbst beschäftigt.

Um die Spannungen abzubauen, müssen wir einen Weg finden, wie wir aus den Sanktionen herauskommen können, die die Kluft zwischen armen und reichen Iranern immer größer werden lassen. Allerdings müssen wir in Iran selbst die Pluralität und die Differenzen in der Gesellschaft als Grundlage unseres sozialen Lebens akzeptieren. Hier liegt für mich der Schlüssel dafür, unser Land vor einem sozialen Clash zu bewahren.

Protokolliert von Fabian Ebeling



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