Das Kapital des Kalifats

Maamoun Abdulkarim

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Gruppen wie der Islamische Staat (IS) plündern derzeit wichtige archäologische Stätten in Syrien. Die Extremisten kontrollieren weite Teile der Provinz Al-Rakka, wo viele Ausgrabungsstätten illegalen Grabungen und Zerstörungen zum Opfer fallen. Eine bewaffnete Extremistengruppe stahl dort aus einer örtlichen Bank kürzlich drei Boxen, in denen rund 530 wertvolle Gegenstände wie Goldmünzen und goldene Ohrringe aufbewahrt wurden. Die Extremisten gaben vor, die Boxen in Sicherheit bringen zu wollen.

Neben dem Ölhandel finanziert der IS seinen Kampf mit dem Verkauf dieser Artefakte. Es gibt Hinweise, dass Experten aus dem Irak, der Türkei und dem Libanon nach Syrien gebracht werden, um den IS bei der Suche nach Ausgrabungsstätten zu unterstützen. Sind die Stätten erst ausgeraubt, kaufen Mittelsmänner die antiken Gegenstände meistens direkt vor Ort gegen US-Dollar. Diese Mittelsmänner sind mit regionalen und internationalen Schmugglernetzwerken verbunden und schaffen die Schmugglerware auch mithilfe von Extremisten nach Jordanien, in den Libanon oder in die Türkei. Von dort aus gelangen die Stücke nach Europa und in andere Länder.

Doch schon vor dem Bürgerkrieg war der Antikenraub – und damit der Raubbau an einem Erbe der Weltkultur – ein Problem. Im April dieses Jahres stand im Londoner Auktionshaus Bonhams die untere Hälfte einer syrischen Basaltstele zur Auktion. Das 830 Kilogramm schwere Monument aus Stein zeigt den assyrischen König Adad-Nirai III., der vor 2.800 Jahren in Syrien herrschte. Die obere Hälfte wurde bereits 1879 entdeckt. Eindeutige Beweise legen den Schluss nahe, dass der untere Teil dieses wertvollen Artefakts im Jahr 1999, also schon lange vor der aktuellen Krise in Syrien, illegal ausgegraben wurde.

Zuerst stand das Artefakt bereits im Jahr 2000 bei Christie’s zur Auktion. Damals wie heute war es als Teil einer schweizerischen Privatsammlung gelistet. Angeblich hatte der Besitzer es von seinem Vater vermacht bekommen. Potenzielle Abnehmer wie Investoren oder Museen wissen oft nicht, dass sie es mit Hehlerware zu tun haben, da die Angaben über die Herkunft, wie in diesem Fall, gefälscht werden. Aufgrund der erdrückenden Beweise musste Bonhams die Stele jetzt aus dem Programm nehmen. Wäre die Auktion normal verlaufen, so hätte das Haus laut seiner eigenen Schätzung bis zu 1,3 Millionen Dollar daran verdienen können.

Der Internationale Museumsrat (ICOM) veröffentlichte in diesem Jahr die Rote Notfallliste der gefährdeten Kulturgüter Syriens. Sie soll dabei helfen, syrische Artefakte in Zukunft schneller zu identifizieren und den Handel damit zu unterbinden. Die ungefähr 2.500 Mitarbeiter der Syrischen Generaldirektion für Antiquitäten und Museen (DGAM) tun heute ihr Bestes, um die Bestände zu schützen. Doch sie können nicht immer in den aktuellen Konfliktzonen eingreifen und Diebstähle verhindern. Die Sicherheitslage ist zu prekär, staatliche Autoritäten fehlen und bewaffnete Gangs sind eine ständige Bedrohung. Besonders die schlecht gesicherten Grenzen öffnen den Schmugglern Tür und Tor.

Seit 2012 hat die nationale Aufklärungskampagne der DGAM etwa 23 Millionen Syrer erreicht. Viele archäologische Stätten konnten durch das Engagement syrischer Bürger gerettet werden. Wenn Clans vor Ort stark genug sind, können sie mit den Extremisten kommunizieren und so ein paar Stätten retten. Vermittler, die mit den Extremisten sprechen, stammen zumeist aus sozialen, religiösen oder intellektuellen Eliten der Gesellschaft. Die Menschen fühlen sich, insbesondere in Zeiten des abwesenden Staatsschutzes, zutiefst verantwortlich für das kulturelle Erbe Syriens.

Wer diese Situation nicht ernst nimmt, ermöglicht es der internationalen Mafia, mit dem Schwarzhandel fortzufahren. Wenn die internationale Gemeinschaft nicht handelt, kann der Raubbau am kulturellen Erbe Syriens auf lange Sicht zu dessen Zerstörung führen. Die Syrer und die gesamte Menschheit werden dann einen Teil ihrer einzigartigen Zivilisation verlieren. Das dürfen wir nicht akzeptieren.

Aus dem Englischen von Fabian Ebeling



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