Jenseits der Stille

von Holger Schulze

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)


Erst wenn ein Mensch sich in einem vollkommen stillen Raum aufhält, ohne Schall, begreift er, wie sehr unsere Körper ständig Geräuschen, Vibrationen und Erschütterungen ausgesetzt sind. Menschen, die in der Wohnung über uns hin und her gehen und die Decke zum Vibrieren bringen, Lastkraftwagen, die die Straße erschüttern, oder Trambahnen, die stählern quietschend in Kurven fahren, das Knarzen der Möbel und das Rascheln der Kleider anderer: All dies vermissen wir plötzlich körperlich, wenn wir isoliert in einem schalldichten Raum sitzen. Unser Körper nimmt sogar unhörbare Frequenzen hörend wahr. Die Haut, unsere inneren Organe, unser Nervensystem um Magen und Darm, unsere Muskeln und unser Kehlkopf reagieren auf akustische Signale. Wir hören mit dem gesamten Körper. In schalldichten Räumen meinen wir körperlich zu spüren, dass wir allein und verloren sind, außerhalb von Zeit und Raum. Solche Räume sind beklemmend, die meisten Menschen ertragen sie nur wenige Sekunden oder Minuten lang. Sie fühlen sich wie lebendig begraben. Nicht allein unsere Ohren hören also – auch wenn Medizin, Akustik und Kunst sich seit dem 19. Jahrhundert auf das Ohr als hörendes Organ konzentriert haben. Die vielfältigen körperlichen Hörsituationen entstehen aus kulturellen und historischen Entwicklungen. Sie haben unterschiedliche Formen des Hörens hervorgebracht.

Geräte wie der Wecker, der uns jeden Tag aus dem Bett holt, oder Orte wie Bahnhofsvorhallen, in denen uns Abfahrtszeiten und Lautsprecheransagen beschallen, zeigen, wie wir uns mit der Anwesenheit von Geräuschen eingerichtet haben. Doch der hörende Zugang zur Welt hat sich mit der Zeit gewandelt. Was sagen Geräusche, und wie Menschen diese hören und wahrnehmen, über die Zeit aus, in der sie leben?

Das Zusammenleben von Menschen ist auch akustisch organisiert: Gongs, Glocken, Sirenen und Signale rufen zum Gebet, zur Arbeit, zum Skype-Termin oder zum Einsteigen in die U-Bahn. Menschen treffen sich zum Gottesdienst, wenn die Kirchenglocke läutet, oder gehen zurück in den Theatersaal, wenn der Gong nach der Pause dazu aufruft. Es gibt ein Einverständnis, dass diese Signale etwas bedeuten und zu etwas auffordern. Bereitwillig versammeln wir uns und wohnen dem Dienst oder der Vorstellung bei. Wählen wir auf unseren Smartphones bestimmte Klingeltöne für einen engeren Freundeskreis aus, so organisieren wir auch unser privates Umfeld klanglich – bei jedem Anruf wissen wir dann schon vorher, wer dran sein wird. Das hat System, weil wir uns bewusst auf unsere Gesprächspartner einstellen können.

Wir bewegen uns ständig in verschiedenen öffentlichen und privaten Räumen, in die wir uns erst hineinhören müssen. Wenn der Drucker im Büro nebenan piepsend auf eine Fehlfunktion aufmerksam macht, müssen wir diese Situation beim ersten Mal akustisch und räumlich erschließen. Woher kommt das Piepsen? Wohin müssen wir genau gehen, um es herauszufinden? Was bedeutet es? Wenn wir im Bett liegend die knarzende Badezimmertür hören, wissen wir, dass wir nun das Bad benutzen können, weil ein anderer es gerade verlassen hat. Wir richten uns also mit Signalen ein, die auf Bedeutungen verweisen. Das Verstehen dieser Bedeutungen wird durch  akustische Signale erst möglich.

Das Zirpen der Festplatte, das Schlagen des Bohrhammers, die hektisch über das Papier zuckende Tonerpatrone, das sanft gleitende oder erbost hackende Tippen auf Tastaturen: als Artefakte menschlicher Kultur werden solche Klänge schnell als gegeben akzeptiert und als urwüchsig wahrgenommen. Doch sie sind immer ein Zusammenspiel aus menschlicher Tätigkeit und Technik. Im täglichen Umgang mit Klängen, die aus unseren eigenen Tätigkeiten stammen, eignen wir sie uns an: Wir leben mit diesen Klängen und wir verstehen unsere Umgebung durch sie. Wir entwickeln einen hörenden Zugang zu unserem Tun. So vielfältig dieses Tun ist, so vielfältig sind auch die Geräusche, die dabei erzeugt werden.

Jede Bewegung bringt Materialien in Schwingung, jede Tätigkeit ist von Klängen begleitet und lässt eigene Hörkulturen entstehen: Ein gemeinsamer Arbeitsrhythmus bringt die Geräusche der Fließbandarbeit hervor und umgekehrt; das geschulte Ohr des Arztes übersetzt die Klänge, die es durch das Stethoskop aufnimmt; wir richten unsere Handlungen an Begleitgeräuschen aus, wenn uns etwa das Piepen der Mikrowelle mitteilt, dass die sechzig Sekunden abgelaufen sind. Diese Klänge sind die technische oder maschinelle Fortsetzung unserer Handlungen. Das Aufwärmen der Mahlzeit und der piepende Signalton der Mikrowelle sind die Fortsetzung unserer eigenen Zubereitung des Essens.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden bestimmte Klänge anders wahrgenommen als heute. Der Volksempfänger bannte noch in den 1940er-Jahren mit seinem blechernen Klang die Menschen vor die Geräte. Man musste auf das zentral reglementierte Programm zurückgreifen, um Informationen zu bekommen. Als Phonographen zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch neu waren, versammelten sich die Menschen zum Musikhören in eigens dafür eingerichteten Musiksälen, in denen man über Hörschläuche gemeinsam der Musik lauschen konnte. Heute tragen wir Kopfhörer und personalisieren unsere Playlists auf tragbaren Abspielgeräten, und wir suchen uns unsere eigenen Kanäle der Informationsbeschaffung.

Das konzentrierte, gemeinsame Hören wird weniger, Klangvorrichtungen sind jedoch fast überall, wo Menschen sich aufhalten: Die Zahl der Lautsprecher und Schallaussendungen steigt exponentiell. Geräusche helfen uns, Beziehungen zu anderen Menschen zu organisieren: in unseren Mobiltelefonen ebenso wie in Geschäften, an öffentlichen Plätzen und in Fortbewegungsmitteln. Wir sind durch Geräusche immer erreichbar. In Büros sind wir nicht nur sicht-, sondern auch hörbar. Geräusche wie die Türglocke im Laden machen auf uns aufmerksam, damit sind wir im ständigen Bezug zueinander. Wir wissen auch hörend um die Anwesenheit anderer. Klänge erzeugen Gesellschaft und ein Bewusstsein dafür.

Bewusst lassen wir uns besonders auch auf den Genuss von Geräuschen ein: Wir hören Musik, die wir mögen und die uns berührt. Jeder Mensch genießt andere Rhythmen, Motive oder Lautstärken. Oft ziehen wir unsere Kopfhörer auf und überblenden die Geräusche der Außenwelt, um einen Moment „Ruhe“ zu haben. Die genießende Flucht in Musik wurde seit dem 19. Jahrhundert zusehends effektiver organisiert. Zuletzt wurde der Musikvertrieb in den 1990er-Jahren durch MP3s weiter erleichtert. Wenn wir möchten, können wir uns heute jederzeit durch wenige Klicks mit der gewünschten Musik, den gewünschten Klängen versorgen. Unsere Soundarchive schwellen heute nicht mehr an – sie blähen sich in furchterregender Dynamik auf. Wir genießen den Besitz, die potenzielle Verfügbarkeit, die Möglichkeit des Musikgenusses an jedem Ort zu jeder Zeit. Unsere Musikarchive sind damit reicher als die eines jeden Königs oder Kaisers in allen uns bekannten Kulturen der Menschheit. Der hörende Zugang zur Welt, den wir uns auch durch Musik erschließen, wurde durch Speicher- und Reproduktionsmöglichkeiten ein Massenphänomen. Doch auch andere Kulturformen verschaffen sich anhand von Klängen Gehör. So haben insbesondere Proteste ihren eigenen Sound.

Die Demonstrationen und Ausschreitungen der letzten Monate und Jahre, in London, Tunis, Kairo, in Hamburg, Montreal und Kiew, hatten etwas gemeinsam: Ungeachtet der politischen und ideologischen Unterschiede zwischen diesen Protesten stellten sie Anwesenheit her durch Lärm, durch Skandieren, Singen, Reden, Wiederholen oder auch durch beklemmendes Schweigen. Es ist eine lange, jahrhundertealte Tradition des Protests, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder auflebt: Es handelt sich um Formen, die aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit bekannt sind – lange vor den Hochzeiten unserer großen bürgerlichen Schriftkulturen.

Der Protest ist eine friedliche Form des Geräuschemachens im Vergleich zur Gewaltanwendung durch Klang. Das Militär nutzt im Einsatz gegen feindliche Kräfte Zielschall- und Ohrenbetäubungsapparaturen, die Erbrechen, innere Blutungen und schwere, bleibende Hör- und Sinnesschädigungen hervorrufen. Klang kann hier zur Folter werden. Militärisches Marschieren wiederum lebt von einem monotonen, die Konzentration und Motivation erhaltenden Sound. Auch viele kriminelle und paramilitärische Gruppen peitschen ihre Mitglieder rhythmisch mit Einstimmungshymnen und Gesängen hoch, sie synchronisieren und enthemmen sie zu Gewaltbereitschaft und Sadismus. Das Aufpeitschen durch schiere Lautstärke findet man auch dort, wo Höchstleistungen erwartet werden, in der Arbeitswelt ebenso wie im Sport.

Lange hat man der visuellen Wahrnehmung, der Bildwelt, eine übergeordnete Rolle zugewiesen. Doch neben den Bildern, die permanent auf uns einströmen, sind wir eben auch permanent in Geräusche eingebettet. Die Klänge des täglichen Lebens formen unser Hörverhalten. Unsere Gegenwart ist nicht nur in die fünfzig Hertz des europäischen Stromnetzes eingehüllt, Grundton in g oder gis, je nach Stabilität des Stromsignals; sie wird auch gestaltet durch ständige Begleitgeräusche und klangliche Spuren der Interaktion der Menschen untereinander und mit ihrer Umwelt. Manchen dieser Begleitgeräusche messen wir mehr Aufmerksamkeit bei, anderen weniger. Alle Klänge weisen uns jedoch ständig darauf hin, dass wir in Gesellschaft sind. Geordnet, ungeordnet, zusammen, allein, aufbegehrend oder entspannt.



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