Moldawien wandert aus

Monika Stefanek

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)


„Wer von euch möchte nach dem Abitur auswandern?“, fragt die Lehrerin Katerina Gutu. Über die Antwort denken die 17-jährigen Schülerinnen der Beresovschi-Schule in der moldauischen Hauptstadt Chi?in?u nicht lange nach. Etwa siebzig Prozent der Jugendlichen, die an einem von der Schule organisierten „Anti-Migrations-Training“ teilnehmen, wollen nach dem Abschluss ihre Heimat verlassen.

Vladicia Bulhac will in England Psychologie studieren. Das dunkelhaarige Mädchen spricht perfekt Englisch. Seit fünf Jahren nimmt sie Privatunterricht, der von der ganzen Familie finanziell unterstützt wird. „Meine Eltern wissen, dass es für mich dort eine bessere Zukunft gibt. Wenn ich eine Arbeit finde, werde ich ihnen helfen“, sagt Vladicia.

Ihre Freundin Evelina Sacali will in Rumänien Medizin studieren und sich ein in der EU anerkanntes Diplom sichern. Eine Rückkehr in die Heimat schließt sie aus. „Es gibt hier keine Arbeit, und wenn doch, dann verdient man so wenig, dass es fürs Leben nicht reicht“, meint die Schülerin. Ihr Vater jobbt seit mehreren Jahren in Russland, um die Familie zu ernähren.

Etwa ein Viertel der vier Millionen Moldauer verließ in den vergangenen Jahren das Land, um im Ausland ein besseres Leben zu finden. Die meisten zogen nach Russland, Italien, Portugal, Spanien. Da jedoch Moldauer in der EU eine Arbeitserlaubnis benötigen, werden sie oft als Schwarzarbeiter ausgenutzt. Moldau gehört außerdem zu den häufigsten Herkunftsländern der Opfer von Frauen- und Menschenhandel.

An der Beresovschi-Schule nehmen Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren an den Trainings teil. „Wir wollen den Schülern zeigen, dass Emigration auch mit Risiken verbunden ist, und ihnen von leichtsinnigen Entscheidungen abraten“, sagt Katerina Gutu.

Wie hoch das Risiko sein kann, weiß auch Ghenadie Cretu, der Programmkoordinator der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Chi?in?u. Poster im Flur seines Büros zeigen Frauen, die im Ausland zur Prostitution gezwungen werden, und vernachlässigte Kinder, die jahrelang ohne ihre Eltern leben.

„Das Leben im Ausland ist nicht einfach“, sagt Ghenadie Cretu. „Und das müssen wir den Menschen in Moldau klarmachen.“ Um mögliche Folgen der Emigration darzustellen, nutzen die Mitarbeiter der IOM zum Beispiel Theaterworkshops und -aufführungen. Die szenische Darstellung soll helfen, den bildungsferneren Moldauern die Risiken aufzuzeigen. Besonders in den ländlichen Regionen ist die Armut hoch und die Menschen wollen den prekären Verhältnissen entkommen.

„Wir begrüßen die Emigration“, sagt Angela Stafi. Sie arbeitet beim Auslandsamt für die Diaspora in der Hauptstadt. Die Regierungsbehörde kümmert sich um Emigranten. „Die Erfahrungen und Qualifikationen, die von unseren Bürgern im Ausland erworben werden, können nach ihrer Rückkehr helfen, unser Land zu entwickeln“, meint die Beamtin.

Doch die Mehrheit der Auswanderer hat nicht vor, zurückzukommen. „Für die Regierung lohnt es sich einfach nicht, die Emigration zu stoppen“, behauptet Ghenadie Cretu. „Die Überweisungen aus dem Ausland machen etwa ein Drittel des Bruttoinlandproduktes unseres Landes aus. Diese Lücke mit anderen Mitteln zu decken, schafft die Regierung nicht.“

„Wer bleibt in Moldau, wenn alle emigrieren wollen?“, fragt Katerina Gutu in die Klasse. Manche Schüler zucken mit den Schultern, andere antworten: „Ich bestimmt nicht.“

 



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