Gebt ihnen mehr Geschichten

von Romain Seignovert

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)


Die Presse in Europa berichtet gerne von Leuten wie Nigel Farage, dem telegenen Vorsitzenden der britischen antieuropäischen UKIP-Partei, der „nach Hause gehen“, also Europa verlassen möchte. Der italienische Populist Beppe Grillo wiederholt in italienischen Blättern wie La Stampa oder La Repubblica: „A casa! A casa!“ Auf französischen Nachrichtensendern verurteilt Marine Le Pen diejenigen, die angeblich „Unbekannten einen Zweitschlüssel ausgehändigt“ hätten. Geert Wilders wünscht sich in der meistgelesenen niederländischen Zeitung De Telegraaf, dass jeder wieder „Herr im eigenen Haus“ sein solle. Euroskeptiker wie Grillo und Le Pen haben mit ihren Parteien bei den Europawahlen im Mai große Erfolge gefeiert. Die Stimmung war schon einmal besser in Europa.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man das europäische Projekt mit dem Wiederaufbau und der Rückkehr zum Wohlstand rechtfertigen. Es gab hauptsächlich öffentlich-rechtliche Kanäle, die die Beschlüsse der jungen EU verkündeten. Die damalige Medienkultur ließ rationale Argumente und lange Ausführungen noch zu. Ab den 1970er-Jahren gewannen die Medien an Unabhängigkeit, die Medienlandschaft wurde vielfältiger, der Nachrichtenzyklus beschleunigte sich. Die Berichterstattung ging von der nüchternen Vermittlung des Tagesgeschehens zu einer schnelleren, intensiveren Form des Berichtens über, dem „Storytelling“. Es galt, Geschichten zu inszenieren, Berichte zu illustrieren, gegensätzliche Standpunkte zu personalisieren. Das Thema Europa wurde unattraktiv. Seit 2000 hat sich diese mediale Entwicklung beschleunigt: Nachrichtensender berichten rund um die Uhr, Online-Nachrichtenportale und soziale Medien tragen die Berichterstattung in die interaktive Kommunikation. Europa hat heute Mühe, sich daran anzupassen.

Die Euroskeptiker haben die medienwirksame Logik des „Storytelling“ begriffen: Geschichten erzählen, Berichten einen persönlichen Anstrich geben oder auch mit dem Finger auf jemanden zeigen, wenn es sein muss. Die Skeptiker sprechen vor allem die Emotionen an. Europa ist voll? Daran ist die schlechte Verwaltung schuld, die zu viele Flüchtlinge hereinlässt. Die Kosten sind zu hoch? Man muss dieses irrsinnige gemeinsamen Budget abschaffen und die Verschwendung aufzeigen! Es spielt selten eine Rolle, ob die Vorschläge stichhaltig sind, die lautstarken Euroskeptiker haben es verstanden, die Sorge um die Bedrohung der nationalen Identität, der individuellen Freiheiten und des gemeinsamen Wohlstands auszunutzen. Das verkauft sich bei Journalisten gut.

Die Europa-Enthusiasten sind bei ihrer kühlen Rationalität geblieben. In den Medien werden sie mit ihren ungeschickt vorgetragenen Argumenten kaum gehört. Wirtschaftliche Vernunft? Geopolitischer Nutzen? Gemeinsame Normen und Werte? All das sind Argumente, über die nur sperrig zu berichten ist. Es ist fast so, als seien die Europabegeisterten unfähig, ihre emotionalen Gründe für das europäische Projekt zu erklären. Die Bürger Europas begeistern sich nicht für ungreifbare Projekte wie den gemeinsamen Binnenmarkt oder die europäische Wirtschaftspolitik. Schlimmer noch: Sie fühlen sich aus dem Gespräch ausgeschlossen und vermuten, dass man ihnen die wahren Absichten des Projektes vorenthält. Wir brauchen also mehr Emotionen für Europa in den Medien, um die Menschen wieder an das Projekt heranzuführen.

An die Stelle eines „Europa des Nutzens“ sollte wieder ein „Europa des Zusammenlebens“ treten, in dem die Menschen es als Vergnügen empfinden, im wahrsten Sinne des Wortes „zusammen zu leben“. Genau darüber würden Journalisten gerne schreiben. Gebt ihnen mehr Geschichten über die Erfahrungen der drei Millionen Erasmus-Studenten! Gebt ihnen Berichte über Erlebnisse des Austauschs zwischen den 17.000 Partnerstädten, die quer über den Kontinent verteilt sind! Gebt ihnen Geschichten über das Leben der 350.000 binationalen Paare, die sich jedes Jahr das Jawort geben!

Auch über Neuerungen und kreative Ideen und Potenziale muss berichtet werden. Lasst die Konditorlehrlinge die Rezepte der Nachbarn erlernen und sie mit nach Hause bringen; ladet Künstler aller Länder auf eure Bühnen und in eure Medien ein; lasst die Volksfeste eures Landes ein größeres Echo bei den Nachbarn finden! Über diese Dinge zu berichten, kann ein positives Echo erzeugen, Europa greifbarer machen und den skeptischen Stimmen etwas entgegensetzen. Wir brauchen mehr Berichte über den lebendigen interkulturellen Austausch.

Die Zeit drängt, jetzt ist der Moment, in dem wir das Ruder noch herumreißen können. Dafür brauchen wir die Stimmen der Europäer, die den Kontinent lieben, auf allen Kanälen. Der frühere französische Präsident Jacques Chirac hat einmal gesagt: „Unser Haus brennt und wir schauen woanders hin.“ Das trifft mehr denn je auf Europa zu. Euroskeptiker lenken uns davon ab, worum es eigentlich geht: ein gutes gemeinsames Leben.



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