Sturm und Drang

von Michael Opitz

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)


Die Frage des Meteorologen Edward N. Lorenz, ob durch den Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien ein Tornado in Texas ausgelöst werden kann, beantwortet uns Stephan Cartier in seiner Kulturgeschichte des Windes nicht. Indirekt aber lesen sich seine Überlegungen zum Vulkanausbruch des Tambora, von dem im Kapitel „Windstärke 12“ seines Buches die Rede ist, wie der Versuch einer Antwort auf diese Frage. Eine 48 Kilometer hohe Aschesäule ragte bei der Naturkatastrophe 1815 in Indonesien in die Luft. Noch sechs Monate später beobachtete der Kapitän eines Schiffes, das sich 2.000 Seemeilen vom Ort der Katastrophe entfernt im Indischen Ozean befand, dass die See zwei Tage lang von einem merkwürdigen Ascheregen übersät wurde. Der Wind sorgte dafür, dass sich die aus dem Vulkan herausgeschleuderte Asche über den Globus verteilte und ein Jahr später in vielen Ländern der Sommer ausfiel, weil die Aschepartikel in der Atmosphäre die Kraft der Sonnenstrahlen reduzierten.

Wer vom Wind spricht, hat es mit einem Grenzgänger zu tun. Am Beispiel des Windes wird deutlich, welche globale Wirkung eine lokale Katastrophe haben kann. Sein zwölf Kapitel umfassendes Buch über den Wind hat Stephan Cartier nach der von Francis ­Beaufort Anfang des 19. Jahrhunderts aufgestellten Windstärkenskala gegliedert. Entwickelt wurde sie zu einer Zeit, als noch Segelschiffe die Meere kreuzten und es wichtig war zu wissen, mit welcher Kraft der Wind in die Segel bläst. In der Beaufortskala steht die Null für Windstille und die Zwölf für einen Orkan. Als sich die Naturwissenschaften für den Wind zu interessieren begannen, ließ sich der englische Maler William Turner bei Sturm an den Mast eines Schiffes binden, um unmittelbar erleben und studieren zu können, was den Wind auszeichnet und wie er ihn malen müsse.

Während die Seeleute mit stürmischer See umzugehen wussten, war ihnen die Windstille verhasst und galt als Ursache für Lethargie und Melancholie. Dagegen fühlte sich ­Friedrich Nietzsche den Halkyoniern – den „Freunden der Windstille“ – verbunden und konnte sich an der Vollkommenheit des glatten Meeres erfreuen. Windstille, die er metaphorisch gebrauchte, war für ihn eine notwendige ­Voraussetzung dafür, dass seine Gedankenschiffe in See stechen konnten.

Der Wind hat Geschichte geschrieben. Francis Bacon bezeichnete ihn in seiner 1622 erschienenen Arbeit „History of Winds“ als Luft, die in Bewegung versetzt worden ist. Damit kommt er der heutigen naturwissenschaftlichen Definition – Wind entsteht beim Ausgleich von Druckverhältnissen in der Atmosphäre – recht nahe. Etwas zu viel Wind macht Cartier dagegen mit seiner These, der Wind sei eine „Erfindung des Menschen“, da es der Mensch war, der den Winden Namen gab, der sich als „Windfütterer“ versuchte, um die zerstörerische Kraft der Winde zu besänftigen, und der schließlich die Windstärke auf einer Messskala einteilte. Doch das kümmert den Wind herzlich wenig, der in der Welt umherweht, wie es ihm gefällt. Und so hätte auch diese leicht geschriebene, höchst unterhaltsame und auf aufschlussreiche Beispiele verweisende Kulturgeschichte diese These nicht gebraucht.

Dass der Wind ein „himmlisches Kind“ ist, wussten bereits Hänsel und Gretel, die es herbeiredeten, als die Hexe fragte, wer denn an ihrem Häuschen knabbere. In ihrer Not hofften sie auf Gottes Beistand, der Adam den Atem des Lebens eingehaucht hatte und der deshalb als ein Vertrauter des Windes angesehen wird. Noch heute ist der Wind Sinnbild des Lebens schlechthin, denn der in den Menschen gefahrene Wind ist die Voraussetzung dafür, das Leben in all seiner Fülle und Schönheit genießen zu können. Getrübt werden kann der Genuss allerdings durch im Körper rumorende Darmwinde. Selbst dem heiklen Thema der Flatulenz widmet Cartier sich in seinem handlichen Windalmanach sehr diskret im Kapitel „Windstärke 3“ – bei der es sich nach Beauforts Einteilung um eine „schwache Brise“ handelt.

Stärkere Winde brausen dagegen auf, als Odysseus’ Gefährten jenen Sack öffnen, den Aiolos, der Gott der Winde, ihnen mitgegeben hatte. Er sperrte außer dem günstigen Westwind alle widrigen Winde in diesen Sack, in dem Odysseus’ Mannschaft aber Gold und Silber vermutete. Als die Winde durch ihre Gier freikamen, wurde das Schiff wieder dahin zurückgeweht, wo sie hergekommen waren, und ihre Heimkehr verzögerte sich. 

Im 17. Jahrhundert vermutete man, dass die Seele eines Gehenkten die Hilfe des Windes benötigen würde – man sprach von der „Windseele“ –, um davonfliegen zu können. Und noch heute ist es ein Brauch, das Fenster des Raumes zu öffnen, in dem ein Mensch gestorben ist, um die Seele freizulassen.



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