Friend! Come!

von Ralph Trommer

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)


Der Titel ist Programm. Freunde finden ist in Bangalore kein Problem! Wenn Sebastian Lörscher mit Zeichenstift und Skizzenbuch ausgerüstet durch die Straßen der Acht-Millionen-Stadt streift, bleibt er nicht lange allein. Die Menschen umringen ihn, wollen sehen, was oder wen er da zeichnet, möchten am liebsten selbst porträtiert werden. Gespräche entwickeln sich in englischer Sprache. Lörscher muss nur noch genau hinhören und mit dem Zeichenstift die vielen Gesichter festhalten.

Einen Monat lang hielt sich der Zeichner im Jahr 2011 in der indischen Boomtown der Informationstechnologie auf. Nun ist daraus ein Buch entstanden, eine „Graphic Journey“, wie es der Autor bezeichnet. In der losen Form eines Skizzenbuchs bewahrt es die Eindrücke des Autors und erzählt doch auch eine Geschichte – die eines jungen Reisenden und Künstlers in einer für ihn neuen Kultur.

Comiczeichner unternehmen etwa seit den 1960er-Jahren Recherchereisen zu den Schauplätzen ihrer Geschichten – man denke nur an Hugo Pratts zahlreiche Studien zu seinen „Corto Maltese“-Abenteuern. Die Reise selbst zum Kern einer Comicerzählung zu machen, ist noch eine relativ junge Erfindung: Anfang der 1990er-Jahre entwickelte sich das neue Genre der Comic-Reportage. Ein wesentlicher Anstoß dazu kam vom 1960 geborenen maltesisch-amerikanischen Zeichner Joe Sacco, der sich als „zeichnender Journalist“ definiert und mit Reportagen wie „Palästina“ (entstanden 1993 bis 1995) und „Gaza“ (2011) die Wirklichkeit hautnah abbildete – wenn auch, bedingt durch die aufwendige Zeichenarbeit, mit zeitlichem Abstand zu den Ereignissen. Ihm folgte eine Reihe von Zeichnern, die gerne persönliche Erfahrungen in fremden Kulturen thematisieren und sich dabei nicht scheuen, Konflikte abzubilden oder kritische Töne anzuschlagen. In „Israel verstehen – in 60 Tagen oder weniger“ (2010) dokumentierte die 1980 geborene jüdischstämmige Zeichnerin Sarah Glidden die eigene Reise durch Israel und ihr kritisches Verhältnis zu diesem Staat. Ihr gelang eine autobiografische Reportage im klassischen „Ligne Claire“-Comicstil Hergés („Tim und Struppi“).

Seine Begabung zum pointierten Erzählen bewies der Kanadier Guy Delisle in umfangreichen Comicbänden. In reduziert gezeichneten Bildern dokumentierte er seine oft absurden Alltagserfahrungen in China, Nordkorea und zuletzt auch Jerusalem („Aufzeichnungen aus Jerusalem“, 2011). Der Amerikaner Craig Thompson wiederum hat 2004 mit seinem „Tagebuch einer Reise“ nach Marokko und Europa ein derart erfindungsreich gestaltetes wie erzähltes Buch gemacht, dass ein Kunstwerk entstanden ist.

Sebastian Lörscher befindet sich also in guter Gesellschaft. Als 1985 Geborener gehört er der jüngsten Generation reisender Comiczeichner an. Ausgebildet an der Kunsthochschule Weißensee, ist sein Anspruch nicht die hohe künstlerische Perfektion eines Craig Thompson – sein spontaner Stil korrespondiert vielmehr mit der Flüchtigkeit der Reiseeindrücke. Das Prinzip, sich an fremdem Ort auf die Straße zu setzen und zu zeichnen, hat er bereits im Buch „Haiti Chéri“ (2013) erprobt, das seine Zeit in Haiti im Skizzenstil festhielt und zugleich seine Abschlussarbeit war. Im nun in der Edition Büchergilde erschienenen Buch über seine Erlebnisse in Bangalore führt Lörscher seine Methode fort: Locker gegliedert werden Episoden in Comicform erzählt, verbunden durch Impressionen der Stadt.

Die einzelnen Kapitel handeln von unterschiedlichen „Freunden“, denen Lörscher zufällig auf der Straße begegnet ist: vom Rikschafahrer Hafeez, der seinen Fahrgast entscheiden lässt, wie viel er zahlen will, über die kesse, emanzipierte Filmstudentin Rucha, die ­Lörscher Erhellendes über die Gesellschaft Bangalores vermittelt. Ihre Marotte: Entweder-oder-Fragen zu stellen, die den Gesprächspartner in Verlegenheit bringen, weil sie ihm eine offenbarende Entscheidung abverlangen. So fragt sie ihn beispielsweise: „Never having Sex again or never sketching again?“ (Deutsch: „Lieber nie wieder Sex oder nie wieder zeichnen?“) Lörscher lernt, dass bei einer indischen Hochzeit nicht Porzellan, sondern Kokosnüsse zerschmissen werden. Er macht die Bekanntschaft zweier jungendlicher Cricketspieler aus armen Verhältnissen, die vom Wohlstand „like in the USA“ träumen.

Eine der witzigsten Episoden: Ein einheimischer Maler bescheinigt Lörscher, dass seine Zeichnungen „very simple work“ (deutsch: „sehr einfach“) sind, und präsentiert ihm sein eigenes Skizzenbuch, das Porträts einer nicht enden wollenden Anzahl indischer Prominenter versammelt – schön überspitzt wird der unendliche Quasselstrom des Malers in Bilder gefasst, ohne den Porträtierten der Lächerlichkeit preiszugeben.

Eine weitere Episode widmet sich dem schiitischen Muharram-Fest, das durch seine archaischen Rituale und die dunklen Kleider der Teilnehmenden bedrohlich wirkt – doch durch das Gespräch mit einer Gruppe junger irakischer Gaststudenten wird diese Fremdartigkeit bald vertraut.

Lörscher erzählt konsequent aus der Ich-Perspektive, die gezeichneten Charaktere sprechen ihn unentwegt an, während vom Künstler höchstens Arme oder Hände zu sehen sind. Mit diesem dem „Film Noir“ entlehnten visuellen Kniff wird der Leser zum Komplizen. Zeichnerisch knüpft Lörscher an den Vorgängerband an, bevorzugt Buntstifte, was dem Buch einen einheitlichen, bunten Kritzellook verleiht, greift gelegentlich auch zur Tuschefeder. Auf den ersten Blick erscheint manches Bild zu flüchtig und unvollkommen – man fragt sich, warum der Zeichner nicht mehr Mühe auf Details verwendet hat. Doch beim Lesen wird schnell Lörschers spezielles Talent deutlich: Er konzentriert sich auf Dialogsituationen und behält meist innerhalb einer Szene den Blickwinkel bei, um sich ganz auf die Charaktere zu konzentrieren. Durch den flüchtigen Strich gewinnen die Panelfolgen an Lebendigkeit, entfesseln im Zusammenspiel mit kleinen visuellen Akzenten und dem Dialog ihren eigenen Humor. Ebenso leichtfüßig gelingt es dem Zeichner, die Quirligkeit des Straßenbildes in wenigen bunten Strichen einzufangen.

Nicht zuletzt wird deutlich, auf welch ungewöhnlich harmonische Weise Bangalore von der Vielfalt der Kulturen und Religionen geprägt ist: Weihnachtsfest, hinduistische Zeremonien und muslimische Bräuche sind im Alltag präsent, skurrile Vermischungen fallen auf. Das bunte Porträt der indischen Metropole wird durch einen Anhang von knappen Aufsätzen Lörschers ergänzt, die ins Kastensystem einführen oder die schwierige Rolle der Frauen thematisieren, hin und wieder aufgelockert durch Kommentare der bereits bekannten Charaktere. So gut wie keine Rolle im Buch spielt die Architektur, vor allem die Zeugnisse des Booms der letzten Jahre – ein Versäumnis, da gerade diese sicher einen interessanten Kontrast zu den vom Zeichner durchwanderten Slums und Verkehrsstraßen hergegeben hätten.

Lörscher erweist sich in seiner Doppelrolle als Autor und Zeichner als gut gelaunter Kulturvermittler einer Stadt im Wandel, der sich vor allem für die einfachen Menschen interessiert. In seiner Buntstiftpalette glaubt man wirklich, die Farben Indiens wiederzuerkennen.



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