Als Janie noch Mei war

von Michael Ebmeyer

Iraner erzählen von Iran (Ausgabe III/2014)


In ihrem neuen kanadischen Leben lässt sie sich Janie nennen. Als Zehnjährige, in einem „Reservoir“ der Roten Khmer in Kambodscha, als sie zum ersten Mal ein „neuer Mensch“ sein sollte, bekam sie den Namen Mei verpasst. Wie sie von Geburt an hieß, erfahren wir nicht. Zwar bewahrt sie Erinnerungen an ihre Kindheit, an ihre Familie aus der Zeit vor dem Terror. Doch dass diese Erinnerungen einmal offiziell, in alles zerschlagender Brutalität für falsch und ungültig erklärt wurden, ist nicht zu verwinden. Sie bleiben abgetrennt von allem, was ihnen gefolgt ist.

Das Regime, das zwischen 1975 und 1978 mehr als ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung ermorden oder zugrunde gehen ließ, war besessen von Namen und Lebensläufen. Zum einen hüllte es sich selbst in Orwellsche Anonymität, war seinen Untertanen lediglich als „Angkar“ – „das Zentrum“ – bekannt; dass hinter dieser allgegenwärtigen paranoiden Macht die Kommunistische Partei und ihr Führer mit dem Kampfnamen Pol Pot standen, wurde erst allgemein bekannt, als Angkar nicht mehr herrschte. Zum anderen aber mussten die Opfer der Umerziehungslager immer wieder ihre eigenen Biografien zu Protokoll geben, für ein riesiges Archiv der gekappten Lebensläufe.

Drei Jahrzehnte nach ihrer Flucht aus Kambodscha hat Janie in Montreal längst als Wissenschaftlerin Fuß gefasst und eine Familie gegründet. Das zerstörte Leben holt sie dennoch wieder ein. Und nicht nur ihr ergeht es so, sondern auch allen anderen Hauptfiguren in Madeleine Thiens Roman „Flüchtige Seelen“. Alle sind sie entweder in Kambodscha geboren oder zumindest zur Zeit der „Killing Fields“ dort gewesen, alle sind sie schließlich in Kanada oder in den USA gelandet und haben versucht, ihre alte Existenz ganz und gar hinter sich zu lassen. Doch ebenso wie es kein Zurück für sie gibt, gibt es auch kein Entrinnen.

Am Beginn des Romans ist es Hiroji, Janies Forscherkollege und väterlicher Freund, der plötzlich untertaucht, „sich in Luft auflöst“. Doch Janie weiß, wohin es ihn getrieben hat. Sie reist ihm nach, und am Ende stehen beide wieder an der Grenze, hinter der sie tatsächlich in Luft aufgelöst werden sollten – der kambodschanischen Grenze. Janies Sohn beschwört sie am Telefon: „Versprich mir, dass du nicht verschwindest.“

Soweit die Rahmenhandlung von „Flüchtige Seelen“. Dazwischen entfalten sich Janies/Meis und Hirojis Vergangenheiten und mit ihnen die Geschichten weiterer Versehrter und Verwandelter: Sei es die von Meis Bruder Sopham, der als Achtjähriger zum Folterer werden muss und auf der Flucht vor den Roten Khmer umkommt. Sei es die von Hirojis verschollenem Bruder James/Junichiro/Kwan, der als Rot-Kreuz-Arzt in Angkars Hände fällt. Oder sei es die von Nuong/Nick, dem Jungen, der bei Hiroji Zuflucht findet, nachdem er als einziges von sechs Geschwistern den Weg durch ein Minenfeld überlebt hat.

Madeleine Thien, 1974 als Tochter chinesisch-malaiischer Einwanderer in Kanada geboren und mit virtuosen Kurzgeschichten früh bekannt geworden, hat sich für ihren zweiten Roman einen besonders harten Stoff ausgesucht. Der Erzählton ist jedoch dezent und feinsinnig. Wäre dies posttraumatische Literatur, würde ein mächtiger Trost darin liegen, dass solche belletristische Zartheit die Hölle überstehen kann. So aber bleibt für den Widerspruch zwischen Stoff und Darreichungsform nur eine metanarrative Lösung: Der Text wird, wie die Opfer des Pol-Pot-Terrors, gezwungen, in seine eigene Auslöschung einzuwilligen.

Als „Kern“, um den herum der Roman aufgebaut ist, erscheint zwangsläufig eine Reportage des Unfassbaren, wie sie Haing S. Ngor mit „Survival in the Killing Fields“ oder Rithy Panh mit „Das fehlende Bild“ dem Trauma abgerungen haben. Thien verheimlicht diese Referenzen nicht. So stellt sie dem Roman ein Zitat von Ngor voran und Meis Bruder erhält im „Reservoir“ den neuen Namen Rithy. Diese Prosa hängt nichts an die große Glocke, weder das Grauen, um das sie kreist, noch ihre Selbstzerstörung. Beiläufig, doch unausweichlich verblasst der Erzählaufbau und verflüchtigen sich die Figuren mit dem Fortgang des Romans.

Die Autorin erlaubt sich den Kniff, Janie und Hiroji in Kanada ausgerechnet in der Hirnforschung arbeiten zu lassen. Damit stehen den vom Terror zersplitterten Seelen immer wieder Beispiele krankheitsbedingter Wahrnehmungsverluste gegenüber. Hoffnungslos die einen wie die anderen. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach einem Neurochirurgen, der vielleicht eines Tages fähig sein wird, „einen spezifischen Strudel von Erinnerungen zu zerstören, ein bestimmtes System von Gefühlen“. Und die unlösbare Aufgabe, weiterzuleben mit der Last dieser Erinnerungen.

Was nicht bleibt, sind die Namen. Über das Kambodscha der Roten Khmer heißt es: „Dies war ein Land (…), in dem niemand auf seinen Namen reagierte. Namen waren leere Silben, die nichts bezeichneten, die ebenso leicht verloren gingen wie ein Anzug, ein Bruder oder eine Schwester, eine ganze Welt.“



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