Tennessee, Truman und ich

von Mohammed Mrabet

Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Ausgabe IV/2013)


Als ich zehn oder elf Jahre alt war, schickte mich mein Vater auf eine Grundschule in meiner Heimatstadt Tanger. Bisher hatte ich nur die Koranschule gekannt. In der neuen Schule gab es einen Lehrer aus Frankreich, der nicht aufhörte, mich zu schikanieren. Ich war ungefähr drei Monate dort, als der Lehrer etwas an die Tafel schrieb. Wir Schüler sollten lesen, was er geschrieben hatte. Dann klappte er die beiden Seiten der Tafel zu und wir sollten den Text in unsere Hefte schreiben. Ich machte mein Heft zu und schlief ein. Plötzlich packte der Lehrer mein Ohr und schlug mich mit seinem Stock auf den Kopf, sodass die Stelle, wo er mich traf, ganz rot wurde.

Er zog mich am Ohr nach vorn, aber ich schubste ihn und er stolperte über das Podium, auf dem er normalerweise stand. Ich nahm einen Stuhl und zerbrach ihn auf dem Kopf des Lehrers. Zwei riesige Klassentyrannen versuchten mich aufzuhalten. Ich verprügelte sie mit einem Stuhlbein und flüchtete mit einem Sprung aus dem dritten Stock ins Freie. Es fühlte sich an, wie aus einem Flugzeug zu springen, aber zum Glück passierte mir nichts.

Zu Hause erwartete mich mein Vater, der bereits von der ganzen Sache gehört hatte. Er schrie mich an und wollte mir eine Ohrfeige verpassen. Ich rannte aus der Tür und rief ihm von draußen zu: „Leb wohl, Vater, von nun an werde ich allein leben!“ Viele Kinder schlugen sich damals ohne Hilfe der Eltern durch. Gemeinsam mit meinem gleichaltrigen Freund Chico besorgte ich mir eine Wohnung, die nur fünf Dirham (weniger als 50 Cent) im Monat kostete. Wir verdienten uns unseren Lebensunterhalt, indem wir durch die Cafés zogen und Ausländern akrobatische Kunststücke vorführten. Ich war völlig frei und konnte machen, was ich wollte. Es war das perfekte Leben.

Mit Anfang 20, in den frühen 1960er-Jahren, arbeitete ich im Haus eines Amerikaners, der dort jeden Samstag Partys feierte. Eines Abends sah ich eine Frau allein auf dem Rasen sitzen. Es war, wie ich später herausfand, die Schriftstellerin Jane Bowles. Sie hielt einen Drink in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand. Ich war fasziniert von ihr und sprach sie auf Französisch an. Sie antwortete, indem sie mir auf Arabisch einen guten Abend wünschte. Jane sagte, ihr Mann Paul sei auf Reisen, um traditionelle marokkanische Musik aufzunehmen. Um sie aufzuheitern, erzählte ich ihr Geschichten. Einige davon hatte ich in meiner Familie oder in Cafés aufgeschnappt, andere selbst erfunden. Jane war begeistert.

Später stellte sie mir ihren Mann Paul vor, der auch Schriftsteller war und meine Erzählungen aufschreiben, ins Englische übersetzen und veröffentlichen wollte. Da ich nie schreiben gelernt hatte, nahm er sie mit seinem Tonbandgerät auf. Heute kennt man mich auf der ganzen Welt – nicht nur als Autor, sondern auch als Maler. Meine Geschichten sind in mehr als zehn Sprachen übersetzt und meine Zeichnungen sind in vielen Galerien in Europa und den USA ausgestellt worden. Durch die Bowles habe ich viele berühmte Leute kennengelernt – wie die Schriftsteller William Borroughs und Truman Capote. Heute glaube ich, dass Paul Bowles mich nur ausgenutzt hat, indem er Geschichten von mir unter seinem eigenen Namen veröffentlicht hat. Also bin ich ihm auch nichts schuldig.

Ich habe in meinem Leben mehrere längere Reisen in die USA unternommen. Einmal habe ich ein Jahr lang im Haus von Tennessee Williams in Hollywood gelebt. Meine Zeit in den USA war fantastisch, obwohl ich oft Probleme mit weißen Amerikanern hatte, die mich für einen Schwarzen oder Puerto Ricaner hielten. Aber ich wollte niemals in den USA leben. Ich wollte mich nicht an den dortigen Lebensstil anpassen und zum Beispiel anfangen, viel zu trinken. Ich hatte Angst, mich von meiner eigenen Kultur zu entfremden. Die mündliche Erzählkultur in Marokko ist ein Teil dieser Kultur, doch sie ist nicht mehr, was sie einmal war. Heute geht es nur noch um den Effekt, um das Spektakel. Mich kümmert das nicht, ich habe meinen Teil getan.

Protokolliert von Stephanie Kirchner
Übersetzung: Mohammed El Hamzaoui



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