Trotzki und ich

von MatÌas Javier Mlotek

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Mein Vorbild ist Leo Trotzki, aber ich will nicht so ermordet werden wie er. Vor zwei Jahren gab es in meiner Schule, dem Colegio Nacional de Buenos Aires, einen Streik, das Gebäude wurde besetzt. Ich ging zum Schülerzentrum und wollte mitmachen. Bei den Schülern hatte sich viel Wut aufgestaut. Sie forderten mehr Mitspracherechte und protestierten gegen Pläne der Schulleitung, Stipendien für ärmere Schüler zu streichen.

So fing ich an, mich politisch zu engagieren. Heute bin ich Aktivist der Arbeiterpartei (Partido Obrero). Das mag vielleicht abstrakt klingen, für mich bedeutet es, das, woran ich glaube, in die Tat umzusetzen. Mir ist klar, dass es heutzutage nicht um die Revolution geht, denn die Welt hat sich verändert, aber ich meine trotzdem, dass die Einkommen gerecht verteilt werden sollten und dass die Leute ein Klassenbewusstsein bekommen und für ihre Rechte kämpfen sollten. Ich helfe zum Beispiel mit, Politgruppen an anderen Schulen aufzubauen, und gehe jeden Samstagmorgen in ein Armenviertel von Buenos Aires, stelle mich vor einen Supermarkt und diskutiere mit den Leuten. Ich will erreichen, dass sie sich politisch organisieren und ihre Interessen selbst verteidigen. Meine Mitschüler interessieren sich wenig für Politik, ich bin der Einzige in meiner Klasse. So führe ich auch nicht das Leben eines normalen Jugendlichen, der nach den Hausaufgaben ins Kino geht.

Bei mir zu Hause wird viel über Politik gesprochen. Meine Eltern waren beide in der sozialistischen Arbeiterbewegung. Bis heute sympathisiert mein Vater mit der Linken. Er stammt aus einer jüdischen Familie und war als Jugendlicher religiös, später wurde er Atheist. Meine Mutter ist katholisch, auch wenn sie nicht in die Kirche geht. Ich kann an nichts glauben, was man nicht wissenschaftlich nachprüfen kann. Also bin ich auch Atheist.

Heute lebe ich bei meinen Eltern wie ein Einzelkind. Meine Geschwister, eigentlich meine Halbgeschwister, leben nicht mehr bei uns. Manchmal helfe ich meinem Vater in seinem Geschäft für Unterwäsche und Kurzwaren aus und fahre mit ihm zu den Grossisten, um Waren einzukaufen. Doch in letzter Zeit komme ich mit meinen Eltern immer weniger aus. Sie versuchen, mich einzuschränken, wollen mich nicht loslassen. Sie denken wohl, dass ich ihnen gehöre. Das nervt mich. Auch dass sie mich zum Lernen zwingen wollen. Es stimmt schon, dass es bei mir dieses Jahr in der Schule nicht so gut läuft. Meine ganze freie Zeit geht für die politische Arbeit drauf. Aber ich bin mit dem Bildungssystem sowieso nicht einverstanden: Es dient kapitalistischen Interessen. Ich weiß allerdings auch, wie wichtig es ist, genau zu wissen, wie das ganze System tickt. Deshalb bleibe ich auf der Schule und gehe nicht in eine Fabrik oder in ein Armenviertel, um dort zu arbeiten.

In manchem fühle ich mich erwachsen, in der Art meines Denkens, in manchem nicht ... Das wird jetzt kitschig klingen, aber ich glaube, was das Sich-Verlieben oder eine Beziehung mit einem Mädchen angeht, bin ich noch nicht erwachsen. Vor einem Jahr hatte ich Liebeskummer: Ich war vier Monate mit einem Mädchen zusammen, doch irgendwann ging es nicht mehr. Ich habe später gemerkt, dass die Beziehung nicht funktionieren konnte, weil sie nicht in der Partei war und nicht verstand, dass ich andere Aktivitäten habe und nicht immer mit ins Kino oder auf eine Party gehen kann. Jetzt warte ich lieber, bis mir ein Mädchen in der Partei begegnet.

Nach der Schule will ich weiterlernen, aber das, was mich am meisten interessiert, weil es in der Schule nicht unterrichtet wird: Psychologie. Ich weiß in groben Zügen, dass der menschliche Verstand durch die Gesellschaft, in der er sich entwickelt, konditioniert wird, dass die Psychologie eines Arbeiters von heute nicht die gleiche ist wie die eines Menschen im Mittelalter oder der Antike. Aber ich würde das gerne genauer studieren.

Das Verrückteste, das ich je gemacht habe? Ich bin oft von zu Hause abgehauen oder wurde rausgeworfen, weil ich mit meiner Mutter gestritten hatte, und musste dann bei meinem Bruder schlafen. Aber eigentlich ist es das gar nicht verrückt. Es ist typisch für mein Alter, oder?

Protokolliert von Fernanda Nicolini
Aus dem Spanischen von Laura Geyer



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