Cash aus dem Kiosk

von Samia Tamrin Ahmed

Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Ausgabe IV/2013)


Monsur Mia ist ein Rikschafahrer in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Für seine vier Kinder hegt er große Träume. Sein ältester Sohn studiert im Bezirk Shariatpur, südlich von Dhaka, Informatik und Maschinenbau, um eines Tages in der IT-Branche erfolgreich zu sein. Monsur Mia will ihm diesen Monat 7.000 Taka (rund siebzig Euro) schicken.

Mia ist einer von vielen Tausend Menschen in Bangladesch, die kein Bankkonto besitzen und in der Vergangenheit oft nicht wussten, wie sie Geld transferieren sollten. Heute muss er nur zum nächsten Handyshop gehen, der das Mobile-Banking bKash anbietet, und kann bei dem Agenten gegen eine Gebühr Bargeld an eine bestimmte Nummer überweisen. Es ist die Nummer des Mobiltelefons seines Sohns, mit dem dieser das Geld ebenso unkompliziert in einem Handyshop in Sahriatpur abheben kann. Wenn man ihn fragt, warum er das Mobile-Banking dem Gang zu einer Bank vorzieht, antwortet Mia, dass er von dem komplizierten Bankenwesen kaum etwas verstehe und er es sich auch nicht leisten könne, stundenlang in einer Warteschlange zu stehen.

Für computerunerfahrene Menschen wie Monsur Mia ist ein schnelles, einfaches System wie das von bKash ein Geschenk Gottes. „Bikash“ bedeutet auf Bengalisch „Wachstum“. Der Name passt zu einem Produkt, durch das Menschen für ihre Familienangehörigen wichtige Zahlungen tätigen oder Kleinunternehmer ihre Zahlungen schneller erledigen können und nicht wertvolle Arbeitszeit darauf verwenden müssen, am Schalter zu stehen. Eine einfache Nummer hat die Haltung der Menschen gegenüber Bankdiensten verändert und sie haben begonnen, diese in ihr tägliches Leben einzubinden. In Bangladesch können wir den Erfolg von bKash, einem Unternehmen, das mobile Finanzdienstleistungen anbietet und die Menschen durch ein effizientes und verlässliches Bankennetzwerk verbindet, beobachten.

Während einer meiner letzten Reisen ins Umland der Stadt bin ich von den rosa Firmenfarben von bKashs mobilem Finanzdienst überall fast erschlagen worden. Kamal Quadir, Vorstandsvorsitzender von bKash, bestätigte in einem Interview, dass das Unternehmen schnell wächst. bKash hat heute über 15.000 Agenten und 500.000 registrierte Nutzer im ganzen Land. Nach Angabe der Zentralbank von Bangladesch hat das Unternehmen bis März 2012 Überweisungen im Wert von umgerechnet rund 11,5 Millionen Euro getätigt. Warum ist bKash für Bangladesch ein so gutes Modell?

Die Mehrheit der Menschen verdient ihren Lebensunterhalt noch immer im Agrarsektor und die Wirtschaft basiert auf Barzahlungen. Doch viele drängt es auf der Suche nach Arbeit in die Städte. Die Menschen in Bangladesch brauchen daher einen verlässlichen Dienst, um Geld nach Hause zu schicken. Denn mehr als zwei Drittel der Bevölkerung von Bangladesch leben in ländlichen Gebieten und haben kaum Zugang zu traditionellen Finanzdienstleistungen. Aber gerade sie brauchen diese besonders dringend, um von entfernt lebenden Angehörigen Geld zu erhalten oder anderweitige Finanzdienste in Anspruch zu nehmen.

Mobile-Banking stammt ursprünglich aus Kenia, wo 2007 M-Pesa gegründet wurde. Das System ermöglicht es Nutzern, mit einem Personalausweis oder Pass über ihr Mobiltelefon Bargeld zu hinterlegen, abzuheben oder zu überweisen. M-Pesa hat sich schnell verbreitet und in Entwicklungsländern als ein sehr erfolgreicher Anbieter von Mobile-Banking etabliert. 2013 hat Vodafone M-Pesa im Osten Indiens in den Bundesstaaten Bihar, Westbengalen und Jharkhand eingeführt. Ein Großteil der dortigen Bevölkerung verlässt die Heimat als Migranten und schickt Geld an die daheimgebliebenen Verwandten.

In Bangladesch wurde das Mobile-Banking-System bKash im Juli 2011 eingeführt. bKash ist ein Joint Venture der bangladeschischen BRAC Bank und des US-amerikanischen Finanzdienstleisters Money in Motion. Sie besitzen jeweils 51 und 49 Prozent am Unternehmen. bKash bietet voll verschlüsseltes Mobile-Banking durch Mobiltelefone an. Gründungshilfe kam von der Bill & Melinda Gates Stiftung und technische Unterstützung von der ShoreBank International, die Menschen mit keinem oder unzureichendem Zugang zu Kreditinstitutionen Kapital zur Verfügung stellt. Im April 2013 stieg die International Finance Corporation (IFC), ein Mitglied der Weltbankgruppe, bei bKash als Eigenkapitalpartner ein. Darüber hinaus hat die Zentralbank von Bangladesch weiteren Banken Lizenzen zur Gründung ähnlicher Firmen erteilt.

Bei bKash kann sich jeder Mobiltelefonbesitzer unkompliziert registrieren, indem er zu einem Agenten geht und bei ihm ein bKash-Konto eröffnet, das automatisch mit seiner Mobilfunknummer verknüpft wird – wie ein weiterer Service seines Mobilfunkanbieters. Danach kann er mit seinem Handy Überweisungen erhalten. bKash soll den einkommensschwachen Bevölkerungsschichten einen besseren Zugang zu Finanzdiensten ermöglichen, indem es eine Vielzahl von Leistungen anbietet, die bequem, bezahlbar und verlässlich sind. Die Gebühr, um zum Beispiel 1.000 Taka (rund 10 Euro) zu überweisen, beträgt 20 Taka (rund 20 Cent). Menschen wie Monsur Mia sind bereit, diesen Betrag zu bezahlen, wenn sie im Gegenzug ihr hart verdientes Geld sicher verschicken können.

Nur 15 Prozent der Menschen in Bangladesch sind Kunden des traditionellen Bankensystems, doch über 60 Prozent besitzen ein Mobiltelefon. Banken sind außerdem nicht in der Lage, Überweisungen von Person zu Person so durchzuführen, wie es die bKash-Agenten tun. Diese besitzen kleine Läden, die Zigaretten, Süßigkeiten und Telefonguthaben verkaufen, und sind dadurch mit den Menschen vor Ort in direktem Kontakt. Die Händler bieten bKash einfach als ein weiteres Produkt an. Mobiltelefonfirmen wie Grameenphone, Robi, Banglalink und Airtel unterhalten mit bKash Partnerschaften und erweitern so das Kundennetz.

Sapia Begum ist ebenfalls Kundin von bKash. Sie betreibt einen Teestand in Dhaka und schickt regelmäßig Geld in die Bezirke Faridpur und Barisal. bKash hat ihre Vorstellung von Sparen und Geldüberweisen verändert. Wenn man sie fragt, weshalb sie Mobile-Banking macht, sagt sie, dass es sie 500 bis 600 Taka (5 bis 6 Euro) kostet, zu ihrer Familie zu reisen. Oder sie müsste  eine verlässliche Person finden, die das Geld überbringt. Jetzt muss sie nur ihre Mutter oder ihren Bruder anrufen und ihnen sagen, dass sie Geld überwiesen hat. Die Reisekosten spart sie.

Doch bKash kann auch noch für andere Zwecke eingesetzt werden. Durch das Mobile-Banking-System ist beispielsweise die humanitäre Hilfe schneller geworden. Die britische Organisation Oxfam benutzte nach den Überschwemmungen in Ban­gladesch Mobile-Banking, um ihren Hilfsprojekten im Nordwesten des Landes Geld zur Verfügung zu stellen. Oxfam verteilte SIM-Karten und legte Datenbanken mit den Hilfeempfängern an. Mit einem speziellen PIN-Code erhielten diese bei den Agenten von bKash die Gelder. Warum benutzte Oxfam bKash? Weil das Unternehmen für diese Art Dienste die niedrigsten Gebühren weltweit verlangt. Bei Notfällen ist es die schnellste und sicherste Art, Geld zu verschicken. Ändert sich der Umfang oder die Region des Hilfsprojekts, lassen sich die Zahlungen einfach anpassen. Auch in anderen Fällen wurde bKash eingesetzt: nach dem Einsturz des Gebäudes der Textilfabrik Rana Plaza in Sabhar im Nordwesten von Dhaka im April 2013 etwa. Der Textilhersteller Primark ließ Entschädigungen für die Familien der Todesopfer über bKash auszahlen.

Am Anfang war es eine große Herausforderung, die einfachen Menschen in Bangladesch davon zu überzeugen, dem virtuellen Geld zu vertrauen. Die Leute glauben eher dem geschriebenen Wort oder Behördendokumenten. Aber sie haben sich daran gewöhnt und begreifen nun die Vorteile von Mobile-Banking. Menschen wie Sapia Begum und viele andere haben gelernt, sich auf die Technologie zu verlassen. Eine selbstbestimmte Gesellschaft entsteht durch jedes einzelne Individuum, das selbstbestimmt ist und wirtschaftliche Freiheiten genießt. Der Weg zu solch einer Gesellschaft ist gewiss nicht mehr weit.

Aus dem Englischen von Rosa Gosch



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