Der Traum meines Vaters

Engrácia Silva

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Mein Künstlername ist Pongolove, den hat mein Vater mir gegeben, zum Andenken an die kongolesische Sängerin M’Pongo Love. Ich hatte mir mal den Fuß gebrochen und hinkte, genau wie sie, und schon hatte ich den Spitznamen weg. In Wirklichkeit heiße ich Engrácia, „Graci“ nennen mich meine Freunde, und in Angola, wo ich bis zu meinem achten Lebensjahr gelebt habe, nannte man mich „Ngaxy“. Mein Vater wollte, dass seine Töchter eine Ausbildung in Europa erhalten, deshalb sind wir 1999 mit meiner Mutter nach Portugal gekommen. Mein Vater war schon da, er arbeitet auf dem Bau. Meine Mutter ist Küchenhilfe.


Ich habe schon immer gesungen und getanzt. In der Rua Kuka im Stadtviertel Hoje Ainda in Angolas Hauptstadt Luanda dachten meine Freunde und ich uns stundenlang Lieder aus. Daher kommt „Wegue Wegue“, der Refrain eines meiner Lieder mit den Buraka Som Sistema. Es geht darin um einen Wettstreit zwischen mehreren Stadtvierteln, und der Ausdruck bedeutet „Wir haben gewonnen, wir sind die Besten“. Unsere Musik ist voller Anspielungen auf Angola – wir singen über den Affenbrotbaum, über den Macumba-Zauber oder die Semba-Musik und mischen das alles mit kreolischen Ausdrücken aus Lissabon, wie zum Beispiel „está a kuiar” – das ist cool. Kuduro ist Gute-Laune-Musik, man hat Lust, einfach alles zu geben und fühlt sich ein bisschen besser, als man tatsächlich ist. Bevor ich bei den Buraka angefangen habe, war ich bei einer Straßenband namens Denon Squad. Mit ihnen hatte ich meinen ersten Auftritt, bei einem Festival afrikanischer Musik. Mann, war ich nervös. Dann lernte ich im Februar dieses Jahres die Buraka kennen, und im März gehörte ich schon zu ihrer Band. Aber es hat eine Weile gedauert, bis ich mich auf der Bühne wohlgefühlt habe. Bis zum Ende des Sommers hatten wir jeden Monat Konzerte, aber ich war nur in Portugal und Barcelona mit dabei.


 Mein Leben hat sich durch die Band verändert, durch die Orte, die ich kennengelernt habe, die Konzerte, die Gespräche. Das gibt mir Kraft, auch meinen Eltern gegenüber. Ich habe schon immer den Mund aufgemacht, wenn mir etwas nicht gepasst hat, aber jetzt nehmen sie mich ernster. Viele meiner Klassenkameraden wollen nichts mehr mit mir zu tun haben, weil sie denken, ich bin nicht mehr dieselbe, oder weil sie Komplexe haben, was weiß ich. Das macht mich echt wütend, weil sich an meiner Einstellung nichts geändert hat, an ihrer aber schon.


Ich bin in der neunten Klasse, mit Wirtschaft als Schwerpunkt. Als ich nach Portugal kam, hatte ich keine Unterlagen über meine Schulzeit, sodass ich von vorn beginnen musste und jetzt ein wenig spät dran bin. Ich mag den Schwerpunkt nicht besonders, aber ich bin froh über meine Wahl, weil ich dort die Denon Squad kennengelernt habe, die mich mit den Buraka bekannt gemacht haben.


Hier in Lissabon leben Menschen der unterschiedlichsten Kulturen – Kapverdianer, Angolaner, Leute aus Guinea-Bissau, Portugiesen –, aber man hat nicht viel miteinander zu tun, im Gegenteil, es gibt viele Konflikte zwischen den Gruppen. Man tauscht sich nur vereinzelt aus. Klar fühle ich mich als Angolanerin, aber ich habe eigentlich keine Sehnsucht nach Angola. Ich hätte gerne meine Großmutter dort besucht, aber sie ist gestorben – und was soll ich jetzt da? Wovor ich wirklich Angst habe, ist, Menschen zu verlieren, die ich liebe.


Oft stehe ich oben – ich wohne am Berg – und stelle mir vor, drüben auf der anderen Seite würden Angola, Guinea oder London liegen. Es wäre doch toll, wenn nicht alles so weit weg wäre, die Kontinente nicht so weit auseinander liegen würden. Politik interessiert mich weniger, aber Ungerechtigkeit kann ich nicht ausstehen. Ich finde die Welt spannend und lebe gerne in Portugal. Es ist nicht unbedingt topp, aber immerhin respektiert man Kinder und Jugendliche, mehr als in Angola jedenfalls. In Angola war mein Vater Tänzer, sein Künstlername war Jorge Vaiola. Aber seine Eltern waren gegen seine Karriere. Einmal wollte das Fernsehen eine Sendung über ihn machen, doch meine Großeltern haben ihn nicht aus dem Haus gelassen. Deshalb denke ich, dass ich zwei Träume auf einmal verwirkliche: meinen eigenen und seinen.
 
 

Protokolliert von Oriana Alves


Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel



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