Tomaten und Barsche

ein Gespräch mit Christian Echternacht

Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Ausgabe IV/2013)


Herr Echternacht, wie funktioniert Ihr Kreislauf aus Fischen und Tomaten?

Hier auf dem Hof der Berliner Malzfabrik steht ein alter Schiffscontainer mit einem Gewächshaus oben drauf. Das sieht erst einmal ungewöhnlich aus, ist aber von besonderem ökologischen Wert. Denn in dem Container leben 120 Barsche. Oben im Gewächshaus wachsen verschiedenste Pflanzen, deren Wurzeln in fließendem Wasser stehen. Dieses Wasser wird aus dem Fischbehälter nach oben gepumpt. Es ist durch die Ausscheidungen der Fische und verschiedene Filterprozesse sehr nährstoffreich und besonders gut für die Pflanzen. Nachdem das Wasser oben durch das Gewächshaus geflossen ist, geht es wieder zurück zu den Fischen. So entsteht ein Kreislauf, der extrem ressourcenschonend ist. Der Fachbegriff für dieses System ist Aquaponik. „Aqua-“ von der Aquakultur mit den Fischen und „-ponik“ von „Hydroponik“, das ist der Anbau von Gemüse in fließendem Wasser. Unsere Anlage auf dem Gelände der Berliner Malzfabrik verbraucht nur elf Liter Wasser am Tag – also außergewöhnlich wenig. Allerdings ist der Kreislauf nicht ganz geschlossen: Neben dem Wasser bekommen die Fische ein spezielles Biofutter und die Pflanzen Biodünger.

Welche Idee steht hinter diesem Projekt?

17 Prozent der weltweiten Schadstoffe entstehen bei der Herstellung pflanzlicher und tierischer Produkte. Siebzig Prozent des vom Menschen genutzten Süßwassers werden ebenfalls in der Landwirtschaft verbraucht. Das ist ein Riesenproblem. Wir wollen jedem einen Zugang zu nachhaltig erzeugten Lebensmitteln ermöglichen. Unsere Container-Farm ist nicht nur wassersparend und kommt ohne Pestizide und chemische Dünger aus, sondern Fisch und Gemüse werden hier direkt vor der Haustür produziert. Wir nennen das „Urban Farming“: Landwirtschaft in der Stadt. Transportwege und Kühlketten werden so minimiert. Ursprünglich kommt die Idee von einer Urban-Farming-Gruppe in Basel. Wir haben dieses System mit dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei weiterentwickelt. Es steckt ein enormes Potenzial darin. Auch andere arbeiten mit Aquaponik-Systemen und es lohnt sich, dabei zu bleiben.

Kann sich jeder eine solche Container-Farm in den Garten stellen?

Die Container-Farm ist nur ein Pilotprojekt. Sie kostet 32.000 Euro und ist eher für Enthusiasten gedacht. Denn einen Gewinn kann man damit nicht erzielen. Wir planen und bauen weiter. Nächstes Jahr wird hier auf dem Gelände der Malzfabrik eine große Aquaponik-Farm von 2.000 Quadratmetern entstehen. Die Kosten belaufen sich auf 1,25 Millionen Euro. Diese Farm ist für den kommerziellen Betrieb geeignet und soll als Franchise weiterverkauft werden. Unser Ziel ist es, ab 2018 etwa zehn Farmen pro Jahr zu verkaufen. Unser Traum ist es, irgendwann einmal die Lebensmittelversorgung in der Dritten Welt zu verbessern.

Sie wollen jedem einen Zugang zu nachhaltig erzeugten Lebensmitteln bieten. Was liefern Ihre Farmen denn wirklich?

Die große Farm wird 24 Tonnen Fisch und 35 Tonnen Gemüse im Jahr liefern. Den Fisch verkaufen wir direkt an die Gastronomie, aber auch an Privatleute. Das Gemüse wollen wir über Gemüsekisten absetzen. 350 Abonnenten bekommen dann für 15 Euro jede Woche eine Kiste, in der die Sachen drin sind, die gerade saisonal angebaut werden: Feldsalat im Winter und Erdbeeren im Sommer. Die Fische aus der kleinen Container-Farm werden heute schon über eine Patenschaft von zwanzig Euro pro Barsch verkauft. Mit dem Geld decken wir unter anderem die Kosten für das Biofutter. Jeden September gibt es dann ein großes Barschbarbecue, bei dem jeder Pate seinen eigenen Fisch gegrillt bekommt.

Welche Pflanzen wachsen in Ihren Gewächshäusern?

Unser System funktioniert so gut, dass wir über 400 Pflanzensorten anbauen können. Neben Gemüse, Obst und Kräutern wachsen bei uns sogar Schnittblumen. Wir haben auch so exotische Früchte wie Physalis. Die Fischproduktion läuft ebenfalls sensationell. Jeder Barsch bekommt 1,2 Kilo Futter. Daraus wird  dann ein Kilo Fisch. Eine Kuh verbraucht 132 Kilo Futter pro Kilo Fleisch. Außerdem benötigt sie 15.500 Liter Wasser innerhalb ihres Lebens, unser Barsch dagegen nur 200.

In dem Fischbecken leben sehr viele Tiere auf engem Raum. Geht es den Fischen gut?

Der Fisch fühlt sich hier wohl, obwohl er mit seinen Artgenossen so eng zusammenlebt. Das haben wissenschaftliche Tests des Leibniz-Instituts ergeben: Wenn wir weniger als 120 Barsche in diesen Tank setzen würden, dann käme es zu Revierkämpfen. Aber so scheiden unsere Fische am wenigsten Stresshormone aus. Sie sind glücklich – und sie schmecken auch noch gut.

Das Interview führte Julia Backes



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